Kinoheld Alan Turing

Geschrieben am 28.07.2015 von

Im Herbst 2015 startet in den Filmtheatern weltweit „Steve Jobs“ mit dem deutsch-irischen Schauspieler Michael Fassbender in der Hauptrolle. Es ist schon der dritte Spielfilm über den verstorbenen Apple-Chef, doch gibt es einen Computerhelden, der bis heute in vier TV- und Kinoproduktionen vorkam. Es ist niemand anderes als der Mathematiker, Kryptologe und IT-Pionier Alan Turing.

Der 1912 geborene Alan Turing gehört zu Recht in die Galerie der Pioniere des HNF, denn er beschrieb 1936 mit der nach ihm benannten Maschine ein abstraktes Modell des Computers, wirkte nach 1945 an der Entwicklung realer Elektronenrechner mit und erfand 1950 einen Test für maschinelles Denken. Im 2. Weltkrieg half er als Kryptologe im englischen Entschlüsselungszentrum Blechtley Park, die Chiffriermaschine Engima zu verstehen und die Schlacht im Atlantik gegen die deutschen U-Boote zu gewinnen

Diese Tatsache blieb bis in die 1970er-Jahre ein Staatsgeheimnis. Die erste umfassende Turing-Biographie erschien erst 1983; ihr Verfasser war Andrew Hodges. Sie machte die Öffentlichkeit auch mit dem traurigen Lebensende des Computerpioniers bekannt: Wegen Homosexualität verurteilt und zu einer entwürdigenden Chemotherapie gezwungen, beging Turing 1954 Selbstmord. Diese Vita bewegt bis heute viele Menschen und veranlasste den englischen Dramatiker Hugh Whitemore zu einem Theaterstück, das 1986 in London uraufgeführt wurde: „Breaking the Code“

„Code“ meint einen Geheimcode oder die Umgangsform einer Gesellschaft, der Titel erfasst also gleichermaßen Turings Kriegsdienst wie seinen Verstoß gegen die bürgerlichen Moralvorstellungen. Das Stück war ein Erfolg und kam als „Alan Turing“ auch in Deutschland heraus. Es verwundert nicht, dass die BBC 1996 einen Fernsehfilm daraus machte. Die Hauptfigur spielte ein Superstar des englischen Theaters, Sir Derek Jacobi, der Alan Turing schon in der Bühnenfassung verkörpert hatte und laut der englischen Wikipedia nicht nur „openly gay“, sondern auch ebenso verheiratet ist.

Unabhängig davon ist „Breaking the Code“ der schauspielerisch und historisch beste Turing-Film. Wegen des Konflikts zwischen GEMA und YouTube ist er im deutschen Internet nur unvollständig zu sehen, wer will, kann hier nach 15 Minuten einsteigen (und verpasst die letzte Viertelstunde). Besser sieht es beim nächsten, ebenfalls englischen Alan-Turing-Streifen aus: „Enigma“ von 2001 ist in voller Länge online. Er basiert auf dem gleichnamigen Roman von Robert Harris, Regie führte Michael Apted und Co-Produzent war Mick Jagger, der auch seine Engima-Chiffriermaschine auslieh.

Im Film heißt Alan Turing nicht Alan Turing, sondern Tom Jericho und ist überdies heterosexuell. Die Handlung greift aber ein reales Kapitel aus der Bletchley-Park-Geschichte auf, die Einführung einer neuen Version der Enigma auf den deutschen U-Booten. Die englischen Kryptoanalytiker konnten die damit chiffrierten Funksprüche nicht mehr entziffern, die Verluste der alliierten Geleitzüge im Atlantik stiegen wieder an. Ein zweiter Handlungsstrang befasst sich mit der Kenntnis der Engländer von der Ermordung polnischer Offiziere durch die sowjetische Geheimpolizei bei Katyn im Jahr 1940.

Unser dritter Film ist wieder eine Fernsehproduktion, „Codebreaker“ von 2011. Ausgestrahlt vom englischen Sender Channel 4, mischt sie Fiktion und Dokmentation und ist durch Gespräche zwischen Alan Turing und dem aus Berlin stammenden Psychiater Franz Greenbaum inspiriert. Als Turing in den frühen 1950er-Jahren in Manchester als Dozent arbeitete, besuchte er gelegentlich die Praxis des Arztes, der ihm letztlich nicht helfen konnte. „Codebreaker“ findet sich komplett im Internet, wobei wir uns für die Qualität der Quelle nicht verbürgen.

Und damit wären wir bei „The Imitation Game“. Der von Morten Tyldum für das US-Studio TWC gedrehte Streifen kam Ende 2014 in die englischen und amerikanischen Kinos; der deutsche Start mit dem Untertitel „Ein streng geheimes Leben“ erfolgte im Januar. Das oscargekrönte Drehbuch stammt vom Amerikaner Graham Moore, die Hauptrolle spielt der Engländer Benedict Cumberbatch, der 2013 schon den Computerhelden Julian Assange in „The Fifth Estate“ verkörperte.

„The Imitation Game“ schildert, wie 1927 der junge Alan das Internat besucht, wo ihn die anderen Jungen quälen. Gerettet wird er von einem Mitschüler, der ihn auch in die Kryptologie einführt. Alan verliebt sich in ihn, muss aber später erfahren, dass er an Tuberkulose starb. 1939 bewirbt er sich in Bletchley Park bei einem Forschungsinstitut. Der Chef will ihn nach Hause schicken, behält ihn aber, weil Turing um die geheime Aufgabe des Instituts weiß: die Entschlüsselung der Enigma. Nach Anweisung von Winston Churchill darf er ein kleines Team leiten, um den Code zu knacken.

Turing baut nun eine Maschine mit vielen drehenden Walzen, die die aktuelle Einstellung der Enigmas ermitteln soll. Der Input sind deutsche Funksprüche, die in Bletchley Park empfangen werden, der Output folgt aus der Stellung der Walzen, sofern die Maschine anhält. Doch die Walzen rotieren und rotieren, und nur mit Mühe können Turing und sein Team die Verschrottung des Geräts verhindern. Die Rettung kommt durch die Idee, ihm Worte vorzugeben, die im deutschen Klartext auftreten könnten: „Heil Hitler“ Die Maschine stoppt, der Code ist geknackt, der Krieg gewonnen.

1951 lebt Turing in der Nähe von Manchester und bastelt an einem Computer. Nach einem Einbruch erscheinen die Polizei und Inspektor Nock. Der hält ihn für einen sowjetischen Spion, und im Verhör gibt Turing sein Leben preis. Er ist kein Spion, aber schwul und wird vor Gericht gestellt. Durch die befohlene Hormontherapie verfällt er körperlich und geistig, am Ende künden Texttafeln von seinem Selbstmord 1954 und der Begnadigung 2013. „The Imitation Game“ gibt es als DVD und das Drehbuch sogar online.

Leider hat Graham Moore in seinem Skript die Hintergründe des Dechiffrierens so vereinfacht, dass die erfinderische Leistung Alan Turings herausfällt: In Wirklichkeit musste man in jene Maschine, die als Turing-Bombe bekannt ist, stets deutsche Klartext-Worte einspeisen, sonst hätte sie gar nicht funktioniert. Auch im übrigen Text finden sich unnötige und ärgerliche Fehler. Aber Oscar-Juroren sind nun mal keine Computerhistoriker. Deshalb möchten wir Herrn Moore mit Verspätung zum Gewinn des „Acadamy Awards for Best Adapted Screenplay“ gratulieren.

 

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