Otto Beckmann – Kunst und Elektronik
Geschrieben am 27.10.2026 von HNF
Im August 1966 gründete der 1908 geborene Grafiker und Emailkünstler Otto Beckmann in Wien die Arbeitsgruppe ars intermedia. Ihre Mitglieder befassten sich mit High-Tech-Kunst und elektronisch erzeugten Bildern. Ab 1970 nutzte Beckmann einen Spezialrechner, den sein Sohn Oskar gebaut hatte. Der a.i.70 war vielleicht der erste Kunst-Computer der Welt. Otto Beckmann starb im Jahr 1997.
Als Otto Beckmann in Wladiwostok geboren wurde, geschah es am 5. Mai 1908. In Sibirien folgte man dem Julianischen Kalender, überall sonst schrieb man schon den 18. Mai 1908. Die Familie zählte zur deutschen Minderheit im Zarenreich; der Vater war Offizier und kämpfte im Ersten Weltkrieg für Russland, wo er auch starb.
1922 konnte Otto mit Mutter und Schwester das inzwischen kommunistische Land verlassen und kam nach Österreich. Nach einer Mechanikerlehre in Wien absolvierte er Gewerbe- und Kunstschulen; 1941 machte er den Abschluss als Akademischer Bildhauer. Otto Beckmann war kein Nazi, er unterrichtete aber 1942 und 1943 an der Kunstgewerbeschule im besetzten Krakau, wo deutsche wie polnische Lehrer tätig waren. Er musste dann noch Kriegsdienst leisten; ab Mai 1945 arbeitete er als freischaffender Künstler. 1951 wurde er Mitglied der neu gegründeten Wiener Secession, ab 1958 führte er den Titel Professor.
Otto Beckmann widmete sich zunächst der Grafik sowie der Metall- und Email-Kunst. Schon früh schuf er geometrisch bestimmte Werken, etwa Vasen, und sprach von Algorithmen. Um 1960 begann er zu experimentieren. So beleuchtete er Plastiken aus Plexiglas mit UV- oder polarisiertem Licht und nahm davon Fotos und Filme auf. Im August 1966 gründete er die künstlerisch-technische Arbeitsgruppe ars intermedia. Ihm zur Seite standen die Ingenieure Gerd Koepf und Alfred Graßl von der TH Wien (seit 1975 Technische Universität), sein Sohn Oskar, der dort Elektrotechnik studierte, und der Kameramann Gerhard Schedl.
Wahrscheinlich war ars intermedia das erste Team seiner Art, die US-Gruppe E.A.T. startete erst 1967. Die Österreicher beschäftigten sich mit elektronischer Grafik, Plastik und Musik sowie mit Filmen, Texten und Systemtheorie. Sie gingen anders vor als die westdeutschen Computerkünstler Frieder Nake und Georg Nees. Während diese sich auf Digitalrechner und Zuse-Plotter stützten, verwendeten Otto Beckmann und sein Mitstreiter Alfred Graßl einen analogen elektronischen Zufallsgenerator, der mit einem Markow-Prozess arbeitete. Die Bilder erschienen auf einem Tektronix-Speicheroszilloskop.

Elektronische Computergrafik von Otto Beckmann und Alfred Graßl aus dem Jahr 1968 (Copyright Archiv Otto Beckmann)
Beckmann hatte aber keine Angst vor der Digitaltechnik. So kontaktierte er Gerhard Stickel vom Deutschen Rechenzentrum in Darmstadt und erzeugte gleichfalls Computergedichte. Ein Beispiel: „träume und fische / sind schlank und zärtlich / blau erscheint das traumhafte reh / ein magischer klang spielt / und morgen regnet die stille“ Im Mai 1969 zeigte Otto Beckmann seine Bilder auf der ersten Ausstellung für kybernetische Kunst in Österreich. Sie fand in Breitenbrunn am Neusiedler See statt; hier betrieb der aus Kleve stammende Wil Frenken eine avantgardistische Galerie.
Von 1968 bis 1970 entwickelte Oskar Beckmann für seinen Vater den Rechner a.i.70, einen Hybridcomputer, der analoge und digitale Elemente vereinte. Im Kern handelte es sich um einen Markow-Prozessor mit acht Zuständen, der Töne, Bilder und Filme ausgab. Er wurde zum künstlerischen Hauptwerkzeug von Otto Beckmann und steht oben im Eingangsbild (Copyright Archiv Otto Beckmann). Erkennbar sind der Monitor und das Tonbandgerät, hinten an der Wand hängen einige zu Papier gebrachte Bilder.

Elektronische Computergrafik „Beschwörer“ von 1971, erstellt von Otto und Oskar Beckmann und dem Ateliercomputer a.i.70 (Copyright Archiv Otto Beckmann)
Beckmann schuf außerdem dreidimensionale Werke wie ein 3,65 Meter hohes Styropor-Objekt sowie imaginäre Architekturen, in denen er elektronisch erzeugte Bilder in Fotos realer Landschaften hineinsetzte. Die Öffentlichkeit sah seinen Computer erst 1990 in einer Ausstellung in St. Pölten. Oskar Beckmann und der Hamburger Informatik-Professor Horst Oberquelle schrieben 2007 einen informativen Artikel über das Gerät. Die letzte Version a.i.70/73 verwahrt seit 2023 das Zentrum für Kunst und Medien ZKM in Karlsruhe.
1980 verließ Otto Beckmann die Computerkunst. Schon in den 1970er-Jahren stellte er diverse Materialien zu Szenen zusammen, später kombinierte er sie zu „neumagischen Objekten“ und „textgenerierten Maschinen“. Er starb am 13. Februar 1997 in Wien. Die Erinnerung an ihn hält das Archiv Otto Beckmann wach, die nächste Beckmann-Ausstellung eröffnet am 6. November in Graz. Zum Schluss bedanken wir uns bei Irene Beckmann für die Unterstützung unserer Recherchen und die Erlaubnis, Fotos des Archivs im Blog zu nutzen.

