„Dear Paget“ – ein Babbage-Brief in Paderborn
Geschrieben am 16.10.2026 von HNF
Zu den Schätzen des HNF zählen Schreibmaschinen, Rechengeräte und Computer, aber auch Bücher und Druckschriften. Ein Beispiel ist das „Statement of the Circumstances Respecting Mr. Babbage’s Calculating Engines“ von 1843. Es stammt vom Historiker Harris Nicolas und behandelt die Maschinen des englischen Computervisionärs. Das Besondere ist die handschriftliche Widmung von Babbage am Anfang der Broschüre.
Charles Babbage wurde am 26. Dezember 1791 als Sohn eines Bankiers in London geboren. Er studierte Mathematik in Cambridge bis 1814, danach war er Privatgelehrter, Schriftsteller und Wissenschaftsorganisator. 1822 erfand er ein Rechengerät, die Differenzmaschine. Es entstanden ein kleines Versuchsmodell und eine unvollständige größere Version. Die Regierung unterstützte das Projekt mit viel Geld, nach elf Jahren endeten alle Arbeiten.
1834 begann Charles Babbage mit der Entwicklung der analytischen Maschine, eines programmgesteuerten mechanischen Computers. Er produzierte eine Fülle von Plänen, die Hardware blieb aber auch hier Fragment. Posthumen Ruhm erwarb seine adelige Bekannte Ada Lovelace; sie schuf das erste lange Rechenprogramm der Technikgeschichte. In den 1840er-Jahren ging Babbage noch eine zweite Differenzmaschine an; das Londoner Science Museum vollendete sie 2002. Der geistige Vater des Computers starb am 18. Oktober 1871 in seiner Geburtsstadt.

Charles Babbage (links) und James Paget (CC BY 4.0 seitlich beschnitten)
Sein Nachlass liegt vor allem in London und Oxford, vier Briefe aus seiner Feder befinden sich aber in deutschen Sammlungen. Man findet sie, wenn man den Kalliope-Katalog der Berliner Staatsbibliothek aufruft und Charles Babbage eintippt. Nicht verzeichnet ist dort ein fünftes Schreiben, das das HNF-Archiv verwahrt. Es handelt sich um eine Widmung, die Babbage am 12. August 1867 – sofern wir das Datum richtig lesen – einem Aufsatz beilegte, den er dem Mediziner James Paget schickte. Mit ihm war er offenbar befreundet.
Die Anfang der Widmung ist im Eingangsbild zu sehen. Babbages Handschrift lässt sich leicht lesen, zur Sicherheit folgt eine Transkription: „Dear Paget, I have long been trying to get a complete collection of my literary and scientific papers: but I have only succeeded in procuring the accompanyng volumes. I hope they may deserve a place in your library.“ Es folgt der Gruß „To James Paget Esquire with the Authors kind regards“. Links oben stehen Babbages Adresse „1 Dorset Street Marylebone Square“ – hier haben wir Buchstaben ergänzt – und das schon zitierte Datum.
Ein freie Übersetzung wäre: „Lieber Paget, ich habe lange nach einer kompletten Sammlung meiner literarischen und wissenschaftlichen Arbeiten gesucht, fand aber nur die beigefügen Texte. Ich hoffe, dass sie Platz in Ihrer Bibliothek finden.“ Die Anlagen umfassten neben dem Eingangstext „An Analysis of the Statistics of the Clearing House during the Year 1839“, „A Word to the Wise. Observations on Peerage for Life“, „Observations on the Discovery in Various Localities of the Remains of Human Art mixed with the Bones of Extinct Races of Animals“ und „A Chapter on Street Nuisances“.
Der erste Text mit der Widmung zählte 43 Seiten und trug den Titel „Statement of the Circumstances Respecting Mr. Babbage’s Calculating Engines“. Er stammte aus dem Jahr 1843 und vom englischen Geschichtsforscher – die Briten sagen „antiquarian“ – Nicholas Harris Nicolas. Er widmete sich der Finanzierung der unvollendeten Differenzmaschine und basierte auf Unterlagen, die Nicolas von Babbage erhielt. Der brachte das „Statement“ in Umlauf und nahm es außerdem als Kapitel VI in seine 1864 erschienene Autobiographie auf. Man kann es hier nachlesen.
Die fünf Schriften blieben dann nicht in der Bibliothek von James Paget, sondern kamen, siehe den Stempel, in die „Barnes Collection“. Das könnte die Sammlung des Amerikaners Albert Barnes gewesen sein. Von dort gelangten sie wahrscheinlich in den antiquarischen Buchhandel und wurden am Ende von Heinz Nixdorf erworben. Über sein Interesse an historischen Druckwerken berichteten wir schon im Blog. Im HNF-Archiv trägt das Babbage-Barnes-Konvolut die Inventarnummer B-1994-0710.
Schließen möchten wir mit dem Berliner Universitätsprofessor Friedrich von Raumer. Er besuchte Charles Babbage am 29. März 1835 in London und sah seine unvollendete Differenzmaschine in Aktion. Die Mathematik dahinter verstand er nicht, doch sein Brief dürfte der erste Bericht eines deutschen Augenzeugen von dem computerähnlichen Gerät sein. Im Gespräch meinte von Raumer, dass Babbage vor Jahrhunderten ohne Zweifel als Schwarzkünstler verbrannt worden wäre.


