Treffpunkt der Lochkarten
Geschrieben am 02.10.2026 von HNF
Am 3. Oktober 1961 wurde das Deutsche Rechenzentrum gegründet. Ab 1962 führten in einem Haus an der Darmstädter Rheinstraße IBM-Computer Aufträge von Kunden aus dem In- und Ausland aus, später kam ein Rechner von AEG-Telefunken hinzu. Eine Spezialität des Zentrums waren Programme zur Textverarbeitung. 1973 ging es in der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung auf.
Zu den magischen Begriffen der frühen Informatik zählte das Rechenzentrum. Das Wort bezeichnete eine Ansammlung von Hardware, die über einen Firmencomputer hinausging und zum Beispiel Dienstleistungen oder den Einsatz in einer Hochschule ermöglichte. Schlagzeilen machte im Oktober 1956 das Batelle-Institut in Frankfurt am Main und seine riesige UNIVAC I.
Fünf Jahre später, am 3. Oktober 1961, wurde in Darmstadt das Deutsche Rechenzentrum oder DRZ ins Leben gerufen. Den Ort verdankte es den Aktivitäten des Computerpioniers Alwin Walther. Es war eine Stiftung privaten Rechts, gegründet von der Bundesrepublik Deutschland, dem Land Hessen und der DFG. Das sehenswerte Gebäude an der Rheinstraße 75 zwischen Hauptbahnhof und Innenstadt zeigt unser Eingangsbild (Foto Fraunhofer SIT). Den ersten Computer schenkte der Hersteller; die IBM 704 nahm 1962 den Dienst auf.
Im Juni 1963 lief eine große IBM 7090, die die DFG und die Volkswagenstiftung bezahlten. Dazu kamen zwei Geräte vom Typ IBM 1401 für den Datentransfer vom Kartenleser zu den Bandlaufwerken und von diesen zum Drucker. Das DRZ pflegte die Stapelverarbeitung und nahm von zahlenden Kunden die Lochkartenladungen entgegen; eine Rechenstunde kostete 180 DM Gebühren. Einen Eindruck vom damaligen Betrieb vermitteln ein Fernsehbericht und eine Reportage der Wochenschau: Bitte zu Minute 9:20 gehen.
Der Direktor des DRZ, Ernst Glowatzki, wurde 1906 in Ostpreußen geboren. Er studierte Mathematik und Physik in Berlin, Göttingen – dort war er Assistent von Wilhelm Cauer – und Kiel, wo er 1932 promovierte. Von 1934 bis 1961 arbeitete Glowatzki im Forschungsinstitut der AEG in Berlin und nach dem Zweiten Weltkrieg in Frankfurt am Main. Hier sieht man ihn mit dem hessischen Landesvater Georg-August Zinn 1963 im DRZ. Das Geschehen rund um die Computer beschrieb er im Mai-Heft 1965 der Zeitschrift „Bild der Wissenschaft“; der Artikel ist leider nicht online.

Konsole einr IBM 7090 (Foto Bubba73 CC BY-SA 4.0 links beschnitten)
In der Anfangszeit betrugen die Betriebskosten des DRZ jährlich 2,5 Millionen DM. 1964 schickten 169 Institute insgesamt 408 Aufgaben nach Darmstadt, die jeweils mehrere Programme umfassen konnten. Ein knappes Drittel der Einsender saß in Hessen, der Rest in den übrigen Bundesländern sowie in England, Italien, den Niederlanden, Norwegen, der Schweiz und den USA. Um die Computer kümmerten sich der „Maschinenraumleiter“ und fünf Operateure; ein Programmberatungsdienst widmete sich angereisten Kunden. Daneben gab es Programmierkurse. Die Rechner brummten rund um die Uhr.
In seinem Beitrag erwähnte Ernst Glowatzki die DRZ-Abteilung für Probleme der Statistik und Unternehmensforschung und die für nichtnumerische Probleme. Darunter fielen Aufgaben aus der Linguistik und der Literaturwissenschaft. Als Beispiel führte er die Analyse des Aufsatzes Ueber die tragische Kunst von Friedrich Schiller an; der Text wurde zeilenweise auf Lochkarten übertragen. Ende 1965 begann Glowatzkis Mitarbeiter Gerhard Stickel mit der Produktion von Computergedichten, den Autopoemen. Wir schilderten sie bereits im Blog, Stickels Artikel dazu steht hier ab PDF-Seite 10.
Ende 1966 baute die IBM Deutschland GmbH die IBM 7090 des DRZ in eine IBM 7094 um. Außerdem wurde eine IBM 360 der Universität Münster aufgestellt. Die Nachfrage nach Computerleistung blieb aber so groß, dass man Kapazitäten in anderen Rechenzentren nutzen musste. Ernst Glowatzki beantragte früh einen neuen Computer, eine IBM 360-75, die DFG bestand jedoch auf einer TR 440 von AEG-Telefunken, die 1969 in Betrieb ging. Glowatzki kündigte deshalb, sein weiteres Schicksal ist unbekannt.
1973 wurde das Rechenzentrum von der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung GMD übernommen, einer 1968 gegründeten Großforschungseinrichtung. Es konzentrierte sich auf Datenfernverarbeitung. Ab 1992 hieß es Institut für Telekooperationstechnik, ab 1998 Institut für Sichere Telekooperation. 2001 landete es bei der Fraunhofer-Gesellschaft. Seit 2004 ist es das Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie, kurz SIT. In den 2010er-Jahren erhielt es einen Erweiterungsbau, den man auch online bewundern kann,