Vom Jagdgewehr zum Tischrechner
Geschrieben am 06.11.2026 von HNF
Einst zählten sie zu den populären Produkten der Bürotechnik: die Rechenmaschinen der Firma Walther mit ihrem geschwungenen Logo. Im Inneren drehten sich Sprossenräder, rechts saß die Kurbel. Nach dem Zweiten Weltkrieg stellte Walther elektrisch angetriebene Maschinen her, in den 1970er-Jahren folgten kleinere elektronische Rechner. Gegründet wurde das Unternehmen 1886 in Thüringen; es fertigte zunächst Schusswaffen.
Zur Kaiserzeit lag Zella St. Blasii im Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha in den grünen Hügeln von Thüringen. Dort eröffnete der 1858 geborene Carl Walther im Herbst 1886 – den Tag wissen wir leider nicht – eine Büchsenmacherwerkstatt. Sie lieferte Gewehre für die Jagd und zum Scheibenschießen. Die Firma wuchs und gedieh, 1903 entstand ein größeres Fabrikgebäude, wo ab 1908 auch Pistolen gefertigt wurden. Carl Walther starb 1915, die Unternehmensleitung übernahm sein Sohn Fritz.
Ab 1919 befand sich die Carl Walther Waffenfabrik im neu geschaffenen Ort Zella-Mehlis im Land Thüringen. 1924 erweiterte sie die Produktpalette; in Kooperation mit der Mercedes Büromaschinen- und Waffenwerke GmbH baute sie Rechenmaschinen. Diese Firma wurde 1906 in Berlin gegründet; 1908 zog sie wegen der niedrigen Lohnkosten nach Mehlis, der Nachbargemeinde von Zella St. Blasii. Ihre Geräte vom Typ Euklid und ihren Konstrukteur Christel Hamann haben wir im Blog bereits kennengelernt.

Frühe Walther-Sprossenradmaschine (Foto Karl Gruber CC BY 3.0 AT seitlich beschnitten)
Die Rechenmaschinen von Walther arbeiteten mit Sprossenrädern, wie sie der Schwede Willgodt Odhner in St. Petersburg entwickelt hatte. In den 1890er-Jahren erschien in Braunschweig die damit ausgestattete Brunsviga, später kamen aus Hannover die Marke Triumphator und aus dem badischen Rastatt die Thales. Die ersten Geräte aus Zella-Mehlis waren anonym oder hießen Mercedes-Melitta und Stolzenberg. Ein Walther-Modell mit dem typischen geschwungenen Namenszug lag 1926 vor, wir können also ein Centennial feiern.
In der Folgezeit brachte Walther Vier-Spezies-Maschinen im Brunsviga-Design heraus, eine Übersicht steht auf dieser Seite. 1929 war das Modell EMKD mit elektrischem Antrieb im Handel, in den 1930er-Jahren folgten die Walther DMKZ mit automatischer Division – zu ihr gibt es eine Bachelor-Arbeit und ein Video – und die Walther SMKZ mit zusätzlichem Zahlenspeicher. Der Zweite Weltkrieg steigerte, wie man sich denken kann, die Fertigung von Walther-Waffen, und die Firma griff auf KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter zurück.

Simplex-Addiermaschine aus den 1950er-Jahren (Foto museum comp:ex CC BY-NC-SA 4.0)
1947 sprengte die Rote Armee das Werk in Zella-Mehlis, später entstanden in der DDR noch Rechenmaschinen im thüringischen Suhl. Sie trugen den Namen Melitta, die Produktion endete in den frühen 1960er-Jahren. Ein echter Neustart erfolgte nach Ende des Krieges in Schwaben. Walther-Rechengeräte wurden in Heidenheim, Gerstetten und Niederstotzingen gebaut, 1953 fand hier die Gründung der Walther Büromaschinen GmbH statt. Schon 1950 nahm in Ulm eine neue Carl Walther Waffenfabrik die Arbeit auf.
Die Sprossenrad-Geräte erhielten nun abgerundete Formen wie das Modell WSR 160 im Eingangsbild. Außerdem führte Walther eine neue Generation mit Zahnstangen-Mechanik, Zehnertastatur, Druckwerk und Elektroantrieb ein. Dazu kamen Multiplikations- und Divisionsautomaten, Spezialmaschinen für Formulare sowie Datenerfassungsgeräte. Anfang 1971 stellte die Firma die millionste Rechenmaschine her. Kurz darauf schuf sie ein Design, das vom Nierentisch-Stil Abschied nahm und sich auf moderne kantige Formen stützte.
Stilistisch gelungen waren auch die elektronischen Tischrechner ETR 2, 3, 4 und 5 aus dem Jahr 1972 – Walther sprach von Überall-Rechnern. 1974 kam jedoch der Konkurs. Die Firma verschwand nicht, sondern biss sich durch; Ende 1978 ging die neue Walther Electronic AG an den Start. Ihr Spitzenprodukt dürfte der Abrechnungs- und Erfassungscomputer AE 33 von 1985 gewesen sein, der einen Intel-8085-Prozessor enthielt. Für Einzelheiten verweisen wir auf diese Seite. Das Erbe der Walther-Rechner verwaltet heute die Firma Mcon Global.
Wir bitten um Verständnis, wenn wir die polizeiliche, sportliche und jägerische Seite von Walther nicht genauer betrachten. Wer sich hierfür interessiert, findet viele Informationen auf der Homepage. Nicht verschweigen wollen wir die Walther PPK von Superagent 007. In einem Ausschnitt aus dem erste James-Bond-Film „Dr. No“ von 1962 kann man sie näher in Augenschein nehmen, und sie taucht auch im dazugehörigen Roman von Ian Fleming auf.
