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Als Köpfe reden lernten: aus der Urzeit der KI

Geschrieben am 30.10.2026 von

Am kommenden Dienstag, dem 3. November, findet unter dem Titel „Sagenhaft!“ im HNF ein Podiumsgespräch statt. Es widmet sich der Geschichte und den Fantasien der KI. Die moderne Künstliche Intelligenz entstand in den 1950er-Jahren; schon im Mittelalter gab es Legenden über sprechende Köpfe und über den Golem. Später wurden Apparate gebaut, die verständliche Laute produzierten.

Wir erzählten es im Blog: 1956 setzte eine Tagung im amerikanischen Dartmouth College die „Artificial Intelligence“ in die Welt, zu Deutsch Künstliche Intelligenz. Im August 2026 teilte eine Bloggerin der Folger Shakespeare Library in Washington mit, dass der Begriff viel älter ist. Als „Artificiall Intelligence“ mit zweifachem Doppel-l stand er in einem Buch aus dem Jahr 1588; verfasst hatte es der junge englische Arzt und Astrologie-Kritiker John Harvey.

Er dachte natürlich nicht an eine Maschine oder ein Programm, er meinte eine menschliche Denkleistung oder ihr Resultat: „Intelligence“ bedeutete zur Shakespeare-Zeit meist Text oder Nachricht. Der von Harvey gewählte Ausdruck wirft nun die Frage auf, ob es nicht schon damals Ideen von Geräten gab, die Intelligenz im heutigen Sinne zeigten. Tatsächlich wurde um 1590 ein solches Objekt in einem Londoner Theater vorgeführt. Es war der sprechende Kopf von Roger Bacon; wir sehen ihn mit drei Sprechblasen oben im Eingangsbild.

Künstliche Intelligenz anno 1588; der Begriff findet sich in der letzten Zeile.

Die Theaterszene stammt aus einem Stück von Robert Greene. Der um 1220 geborene und rund siebzig Jahre später verstorbene Roger Bacon zählte zu den großen Geistern des Mittelalters.  Der erste angebliche Nutzer eines redenden Kopfes – er konnte aus Eisen, Bronze oder Messing sein – war der Franzose Gerbert von Aurillac, der im Jahr 999 als Silvester II. den Papstthron bestieg. Auch dem deutschen Gelehrten Albertus Magnus, der von etwa 1200 bis 1280 lebte, schrieb die Volksmeinung einen künstlichen Kopf zu. Sein Student Thomas von Aquin soll ihn in einem Anfall von KI-Kritik zerschlagen haben.

Aus dem 16. Jahrhundert liegen Legenden von einem Golem in Polen vor, dem mythischen jüdischen Roboter; volkstümlich wurde der Prager Golem. Im 17. Jahrhundert fertigte der vielseitig begabte Athanasius Kircher redende Statuen in Rom, er wandte wohl akustische Tricks an. Ab 1780 entstanden die ersten funktionierenden Sprechmaschinen, zu nennen sind die Erfinder Christian Gottlieb Kratzenstein, Abbé Mical und Wolfgang von Kempelen. Ihm verdanken wir ebenso den Schachtürken, mit dem er 1769 scheinbar die Künstliche Intelligenz aus der Taufe hob.

Die sprechenden Köpfe des Abbé Mical von 1783 gaben längere Sätze von sich.

Die Zeitschrift PHONUS der Universität des Saarlandes widmete 2011 der Kempelenschen Sprechmaschine eine ganze Ausgabe. Den Schachtürken erwarb im frühen 19. Jahrhundert der Mechaniker und Schausteller Johann Nepomuk Mälzel, der ihn in Europa und Amerika präsentierte. 1823 schuf er eine Puppe, die „Mama“ und „Papa“ sagte, für die er sogar sogar ein Patent erhielt. Silke Berdux, die Musik-Kuratorin des Deutschen Museums, beschrieb Mälzels Puppe 2024 im Magazin Kultur & Technik, bitte zu PDF-Seite 42 gehen.

Die „Wochenschrift für die gesammte Heilkunde“ schilderte am 3. Dezember 1842 die sprachbegabte Euphonia. Ihr Konstrukteur Joseph Faber wurde in Freiburg geboren und starb in Wien; hier geht es zu einem Zeitungsartikel zu ihm von 1867. In den 1840er-Jahren zeigte Faber sein Gerät in London und Philadelphia. 1890 kam die sprechende Puppe von Thomas Edison heraus, fiel aber im Markt durch. Heutige Technik machte einige Sätze von ihr hörbar. Nur als Patent überliefert ist ihre Schwester, die der in Berlin lebende Alexander Newman im frühen 20. Jahrhundert erdachte.

Euphonia mit Bedienpult, Blasebalg und Gesicht (CC BY-SA 4.0 seitlich beschnitten)

Wer sich im Internet Archive anmeldet, findet dort ein schönes Buch über die Frühzeit der Künstlichen Intelligenz, „Human Robots in Myth and Science“. Der Verfasser John Cohen war Professor für Psychologie in Manchester. 1968 erschien die deutsche Übersetzung „Golem und Roboter“ im Umschau Verlag. Frei im Archiv verfügbar, doch nicht ganz zuverlässig ist die „Ausführliche Beschreibung der Sprachmaschinen oder sprechenden Figuren“ von Heinrich Maximilian Brunner aus dem Jahre 1798.

Alte Träume und aktuelle Visionen von redenden und denkenden Maschinen gibt es am Dienstag, dem 3. November, ab 19 Uhr im Auditorium des HNF. Dr. Martin Schmitt vom Historisches Institut der Uni Paderborn und Sean Quägwer aus der Forschungsgruppe Ethik der KI der Universität Osnabrück sprechen über die Ideengeschichte des Fachs. Wer schon um 17 Uhr kommt, kann sich bei freiem Eintritt im Haus umschauen. Die Veranstaltung ist eine Kooperation des HNF mit der Evangelischen Akademie Villigst.

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