Ich bin der Golem

Geschrieben am 31.10.2016 von

Dieser Blogbeitrag erscheint am Tag vor Allerheiligen, zu Halloween. Unser Thema ist die einzige Sagengestalt in der Informatik: der Golem. Er wurzelt in der jüdischen Mystik des Mittelalters und ist ein künstlicher Mensch. Bekannt wurden die Golems aus Chelm und aus Prag. In moderner Zeit erhielten ein Computer, eine Software und eine Roboterfamilie seinen Namen.

Im Juni schrieben wir über das Geschöpf des Victor Frankenstein, das Mary Shelley vor 200 Jahren erdachte. Ein anderer Kunstmensch aus der Literatur ist der Golem, geistiger Urahn des Roboters. Er basiert auf der jüdischen Mystik des Mittelalters und späteren Sagen. Seit September ist er Thema einer Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin, der wir die Bilder unseres Beitrags verdanken.

Das Wort ist hebräischen Ursprung. Es findet sich im Alten Testament in Psalm 139 im Sinne einer ungeformten Masse, die Gott im Mutterschoß erschafft: „Deine Augen sahen meinen Golem.“ Die Einheitsübersetzung der Bibel schreibt hier: „Deine Augen sahen, wie ich entstand“. Im Talmud, der religiösen Hauptschrift des antiken Judentums, kann ein Golem auch eine ungebildete Person sein. Im modernen Hebräisch hat das Wort die Bedeutung „dumm“ oder „hilflos“.

Der Golem aus dem Roman von Meyrink

Golem aus dem Roman von Meyrink

Im Mittelalter tauchte der Golem als ein von Menschen geschaffenes Wesen auf. Das erste Rezept zur Herstellung verfasste der deutsche Rabbiner Eleasar von Worms. Er wurde 1176 in Mainz geboren und starb 1238 in Worms. Eleasar teilte das Verfahren in seinem Kommentar zum Buch Jetzira mit, das zur mystischen Lehre der Kabbala zählt. Es bestand darin, die Gestalt des Golems aus Lehm zu formen und eine Fülle von Buchstabenkombinationen zu deklamieren. Diese enthielten auch die Lettern JHWH des Gottesnamens. Falls alles stimmte, wurde der Lehm lebendig.

Der erste angebliche Golem-Schöpfer, zu dem wir biografische Details wissen, war Elias Baal Schem, Rabbi von Chelm in Ostpolen. Baal Schem, zu Deutsch Herr des Gottesnamens, ist ein Ehrentitel und drückt die Fähigkeit aus, ab und zu Wunder zu tun. Elias lebte von 1550 bis 1583. Sein Golem verrichtete Hausarbeiten; auf der Stirn trug er das Wort „Emeth“ (Wahrheit). Eines Tages wollte Elias das Geschöpf stilllegen und löschte den ersten Buchstaben, sodass „Meth“ (Tod) entstand. Der Golem brach auseinander, und der Baal Schem verschwand unter einem großen Haufen Lehm.

Szene aus dem Golem-Film von 1920

Szene aus dem Golem-Film von 1920

So geht jedenfalls die Legende. Bekannter als der Chelmer Golem ist der aus Prag, der Judah Löw zugeschrieben wird. Er war dort ab 1597 Oberrabbiner und starb 1609 hochbetagt. Die Geschichten um seinen Golem entstanden im 19. Jahrhundert; der reale Rabbi Löw dachte nie daran, einen künstlichen Menschen zu erschaffen. Sein Golem wirkt sehr modern. Er kämpft gegen die Verbreiter von Horrormärchen um jüdische Ritualmorde an christlichen Kindern, also gegen Hasspropaganda.

1913 verfasste der deutsch-österreichische Schriftsteller Gustav Meyrink den bekanntesten Roman über den Golem. Er spielt im modernen Prag und ist eine phantastische Traumgeschichte. 1914, 1917 und 1920 wurden die Golem-Stummfilme mit Paul Wegener in der Titelrolle gedreht. Sie prägen das Bild des Wesens bis heute. Der dritte Film der Trilogie, „Der Golem wie er in die Welt kam“, basiert auf den Erzählungen um Rabbi Löw. Er liegt online vor und inspirierte sogar die Simpsons.

Golem-Souvenir aus dem heutigen Prag

Golem-Souvenir aus dem heutigen Prag

Die Prager Golem-Sage wurde 1936 in Frankreich verfilmt und 1951 unter dem Titel „Der Kaiser und sein Bäcker“ in Prag selbst. Hier ist der Trailer der französischen Fassung. 1967 kam „Der Fluch des Golem“ in England heraus. Filmversionen des Gustav-Meyrink-Romans erschienen 1967 im französischen Fernsehen und 1980 in Polen. 1997 fand der Golem seinen Weg in die amerikanische TV-Serie Akte X. Bei uns arbeitet der Regisseur Dominik Graf an einem Science-Fiction-Film zum Golem.

Der erste Computer namens Golem war 1965 der Golem Aleph des israelischen Weizmann-Instituts. In den späten 1960er-Jahren entwickelte die DV-Abteilung von Siemens einen weiblichen GOLEM, die Großspeicher-Orientierte Listenorganisierte Ermittlungs-Methode. Die neuartige Datenbank für den Rechner Siemens 4004 wurde unter anderem bei den Olympischen Spielen 1972 in München eingesetzt. Ein anderer User war das Ministerium für Staatssicherheit der DDR. Golem heißen auch eine Software- und Roboterfamilie aus Mexiko und ein Webportal zur Informatik aus Berlin.

"Wahrheit"

Golem-Motto „Wahrheit“

Und damit wünschen wir allen Lesern ein fröhlich-gruseliges Halloween. Sollten sie einem Mann aus Lehm begegnen: im Notfall den Buchstaben Aleph rechts auf der Stirn ausradieren, dann gibt er Ruhe. (Bitte beachten: hebräische Worte liest man von rechts nach links.) Die Golem-Ausstellung in Berlin steht noch bis zum 29. Januar 2017 den Besuchern offen.

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Ein Kommentar auf “Ich bin der Golem”

  1. Alexander H. sagt:

    Schöne Abhandlung über den Golem. Leider kommt er viel zu wenig in def phantastischen Literatur und in Filmen vor.

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