70 Jahre Künstliche Intelligenz
Geschrieben am 19.06.2026 von HNF
Um den 18. Juni 1956 begann im amerikanischen Städtchen Hanover eine folgenreiche Tagung. Im dortigen College erörterte eine Anzahl Forscher zwei Monate lang den Einsatz von Computern, die mehr konnten als Zahlen und Daten zu verarbeiten. Das „Dartmouth Summer Research Project“ gilt heute als Geburt des Fachgebiets Künstliche Intelligenz. Seine Anfänge liegen aber weiter zurück.
Nach dem World Wide Web und verwandten Techniken ist die Künstliche Intelligenz oder KI das am heißesten diskutierte Thema der Informatik. Der Name basiert auf dem englischen Ausdruck „Artificial Intelligence“ und wird seit nunmehr sieben Jahrzehnten benutzt, wir können also ein Jubiläum feiern. Die „Intelligence“ hat hier nichts mit Geheimdiensten zu tun, sie meint ziemlich genau die im Kopf.
Die Idee der Künstlichen Intelligenz trat nicht vor siebzig Jahren in die Welt, sondern schon im Sommer 1769. Damals entwarf der österreichische Hofbeamte Wolfgang von Kempelen seinen Schachtürken, einen lebensgroßen und interaktiv agierenden Roboter, der das königliche Spiel beherrschte. Das HNF fertigte 2004 einen funktionsfähigen Nachbau an, der im ersten Obergeschoss des Museums steht. Der Türke wurde von einem Menschen im Inneren gesteuert, doch er verkörperte bestens das Konzept einer denkfähigen Maschine.
Im 19. Jahrhundert erschienen weitere gefakte Schachautomaten sowie ein Gerät, das auf ehrliche Weise Tic-Tac-Toe spielte. Außerdem gab es Apparate, die logische Schlüsse zogen. 1912 schuf der spanische Ingenieur Leonardo Torres Quevedo eine Vorrichtung für den Schach-Kampf Turm und König gegen König. Der amerikanische Physiker Edward Condon erdachte 1940 einen Relaisrechner, der die Besucher der New Yorker Weltausstellung beim Nim-Spiel schlug. Eine gewisse Intelligenz besaßen auch Fliehkraftregler und Systeme mit negativer Rückkoppelung.
Um 1950 finden wir diverse Pionierleistungen. Alan Turing formulierte einen Test, ob eine Maschine denkt. Claude Shannon beschrieb das Prinzip von Schachprogrammen und erfand eine Labyrinthmaus, Grey Walter baute mobile Roboter mit intelligentem Verhalten, die englische Elektronikfirma Ferranti entwickelte einen Computer für das Nim-Spiel. 1951 fand in Paris ein Kolloquium über Rechentechnik und Denken statt, das schnell in Vergessenheit geriet. Die Broschüre dazu ist aber erhalten; es war wohl die erste Veranstaltung über das, was später Künstliche Intelligenz hieß.
Keine Broschüre existiert zu einer Tagung, die 1956 in Hanover im US-Bundesstaat New Hampshire ablief. Der Ort ist die Heimat des 1769 gegründeten Dartmouth College; unser Eingangsbild oben zeigt das Hauptgebäude (Foto Office of Communications). Am 18. Juni 1956 oder ein, zwei Tage später startete hier das „Dartmouth Summer Research Project on Artificial Intelligence“, auch bekannt als Dartmouth-Werkstatt oder -Konferenz. Es endete am 17. August 1956 und führte rund dreißig Forscher zusammen; sie nahmen aber nicht alle an allen Sitzungen teil.
Das Projekt schenkte der Welt den Begriff „Artificial Intelligence“; Urheber war der 1927 in Boston geborene John McCarthy, der in Dartmouth Mathematik lehrte. Im August 1955 verfasste er den Projektantrag für die Rockefeller-Stiftung, die 7.500 Dollar zur Verfügung stellte. Den Antrag unterschrieben außerdem der Mathematiker Marvin Minsky von der Harvard Universität, der erwähnte Claude Shannon – er arbeitete in den Bell-Laboratorien – und Nathaniel Rochester von der Firma IBM. Das Dartmouth-College besaß damals noch keinen Computer.
Das Programm der Konferenz ist nur unvollständig überliefert; Einblicke liefern die Papiere des Mathematikers Ray Solomonoff und ein Artikel seiner Witwe Grace. Ein Bericht von Trenchard More deckt zwei Wochen im Juli ab, und das ist ein Foto vom Treffen. Seine wichtigste Auswirkung bestand in der Schaffung des Namens Künstliche Intelligenz und einer Gemeinde von Forschern, zu denen später auch Forscherinnen stießen. 1956 traute sich nur eine einzige Frau nach Dartmouth, Gloria Minsky, die Gattin von Marvin Minsky.
Die erste echte KI-Konferenz fand im November 1958 in London statt; hier und hier geht es zu den Vortragsbänden. Danach erlebte das Feld eine Folge von Auf- und Abschwüngen; zur Zeit leben wir in einer Hochphase. Die deutsche und die englische Wikipedia schildern die historische Entwicklung. Technische Meilensteine waren in den späten 1950er-Jahren das maschinelle Lernen und in der Mitte der 1960er-Jahre Logikprogramme und der Chatbot ELIZA. Die Achtziger brachten Expertensysteme, danach begann der Aufstieg der neuronalen Netze und der immer größer werdenden Sprachmodelle.
KI-Programme besiegten den Schachweltmeister Garri Kasparow und den Go-Champion Lee Sedol, KI-Forscher gewannen elf Turing- und drei Nobel-Preise. In jüngster Zeit machten auf den Sprachmodellen basierende Chatbots und der Missbrauch der Generativen Künstlichen Intelligenz Schlagzeilen. In der Mathematik wurde oft die KI-Revolution ausgerufen, zum Lösen der Goldbachschen Vermutung oder des Collatz-Problems braucht man aber mehr als einen ChatGPT-Anschluss.
Über den Start der deutschen KI-Forschung in Bonn berichteten wir im Blog, ebenso über die Pioniere Karl Steinbuch, Theo Lutz und Jürgen Schmidhuber. In den 1980er-Jahren wurde die Künstliche Intelligenz auch in der Firma Nixdorf untersucht; im Mittelpunkt standen die Expertensysteme. Wie vieles aus der „Good Old-Fashioned Artificial Intelligence“ GOFAI sind sie vergessen, wenn man von einer Publikation des Deutschen Museums absieht. Aber die schlaue Ameca im zweiten Obergeschoss des HNF ist sicher ein guter Ersatz.
