Computerszene 1951
Geschrieben am 10.07.2026 von HNF
Am heutigen Freitag zeigt das HNF erstmals einige Teile des Whirlwind, die sich in seiner Obhut befinden. Vor 75 Jahren lief er im Massachusetts Institute of Technology. Er gehörte zu der kleinen Gruppe von Rechnern, die die USA ins Computerzeitalter führten. Andere große Namen waren UNIVAC, SEAC, SWAC und EDVAC, außerdem gab es die IAS-Maschine.
1946 begann die Ära des elektronischen Computers: Der ENIAC nahm im amerikanischen Philadelphia den Dienst auf. Danach hatten die Briten die Nase vorn. 1948 arbeitete das Manchester Baby mit Speicherprogrammierung, 1949 operierte dann in Cambridge der wissenschaftlich orientierte EDSAC, 1951 liefen in London der Business-Rechner LEO und beim Festival of Britain der Spielecomputer Nimrod.
1951 war aber auch ein Schlüsseljahr für die amerikanische Informatik. Am 30. März 1951 gaben die IT-Pioniere John Mauchly und John Presper Eckert den von ihrer Firma gebauten Rechner UNIVAC an das Amt für Volkszählungen. Er blieb zunächst in seiner Geburtsstadt Philadelphia und wurde erst 1952 in der Hauptstadt Washington aufgestellt. Dem Urmodell folgten 45 Maschinen für andere Kunden; eine gelangte auch nach Frankfurt am Main. Sie machten den UNIVAC zum ersten serienmäßigen Computer der USA.
Das amerikanische Eichamt betrieb seit 1950 zwei Rechner in Washington und Los Angeles, SEAC und SWAC. Einen großen Namen trug der EDVAC. Der „Electronic Discrete Variable Automatic Computer“ stand seit 1949 am Truppenübungsplatz Aberdeen/Maryland; sein Grundkonzept ging gleichfalls auf Eckert und Mauchly zurück. Das Kürzel schrieb Computergeschichte im First Draft of a Report on the EDVAC, einer wegweisenden Schrift von John von Neumann aus dem Jahr 1945. Gelaufen ist EDVAC erst ab Oktober 1951; seine User hatten immer wieder technische Probleme mit ihm.
Besser funktionierte die IAS-Maschine in Princeton und dem Institute for Advanced Study. Sie setzte von Neumanns Ideen in Hardware um und inspirierte neunzehn Nachbauten in mehreren Ländern. Die Maschine in Princeton löste im Sommer 1951 die ersten Aufgaben; die Einweihung fand im Juni 1952 statt. Zur gleichen Zeit rechnete ein geheim gehaltener Computer namens Atlas für die Krypto-Abteilung der US-Marine. Sein Hersteller ERA bot Ende 1951 eine kommerzielle Version ERA 1101 an. Nach der Übernahme von ERA durch den Remington-Rand-Konzern hieß sie UNIVAC 1101.
Eine Marine-Vergangenheit hatte ebenso der Whirlwind. Er entstand am Massachusetts Institute of Technology im amerikanischen Cambridge und begann als Projekt für einen Analogrechner. Unter der Leitung des Ingenieurs Jay Forrester wurde daraus ein digitales Gerät mit Echtzeit-Verarbeitung; an der Finanzierung beteiligte sich die US Air Force. Die militärischen Hintergründe schilderte der Technikhistoriker Guy Fedorkow in den „Annals of the History of Computing“; sein Artikel ist erfreulicherweise frei lesbar.
Der Wirbelwind war lange ein Entwicklungsprojekt. Im August 1949 führte er das erste und noch kurze Programm aus, wir erzählten es im Blog. Im April 1951 bewies er bei einem Test mit Flugzeugen seine militärische Nützlichkeit. Gegenüber der Öffentlichkeit gab sich das MIT friedlich; man erkennt das an einer Broschüre, die Jay Forrester am 15. August 1951 herausbrachte. Vier Monate später zeigte er seinen Rechner live im Fernsehen, wo die Zuschauer die wahrscheinlich erste computeranimierte Rakete sahen.
Vom 10. bis 12. Dezember 1951 traf sich die Informatik-Gemeinde in Philadelphia zu einer Konferenz über elektronische Digitalrechner; es kamen fast neunhundert Experten. Die Tagung behandelte zehn amerikanische Systeme sowie den Computer der Universität Manchester, der aus dem Baby hervorgegangen war. Die Referate lassen sich hier durchlesen, bitte jeweils das kleine blaue Quadrat am Ende eines Abschnitts anklicken. Zwei von ihnen widmeten sich dem Whirlwind; Jay Forrester hielt den Schlussvortrag über aktuelle und künftige Trends in der IT-Technik.
Der Transistor war schon bekannt, doch übersah Forrester zwei Megatrends, die stetige Verkleinerung der Hardware und ihre fabrikmäßige Herstellung. Mit Ausnahme des UNIVAC waren die Computer von 1951 Einzelstücke. Die Firma IBM änderte das 1952 mit dem Modell 701 und erst recht 1953 mit der IBM 650. Sie rechnete mit Röhren, doch fanden bis 1962 rund zweitausend Stück den Weg zum Kunden. Vor 75 Jahren hätten die Pioniere solche Zahlen noch nicht einmal geträumt.
Unser Eingangsbild zeigt ein prägnantes Stück aus der Whirlwind-Sammlung des HNF, das Bedienfeld des Computers mit dem roten Alarmlicht unten in der Mitte.
