ETH

Die Zuse-Akte des Heereswaffenamts

Geschrieben am 23.06.2026 von

Am 22. Juni war der Geburtstag von Konrad Zuse. Deshalb verkünden wir heute eine kleine Entdeckung: seine Akte im Militärarchiv des Bundesarchivs in Freiburg. Sie stammt aus dem Jahr 1945 und enthält den schon publizierten Entwurf seiner Doktorarbeit, aus der dann nichts wurde. Daneben finden sich auch Fotos seines Rechners V4, besser bekannt als Z4.

Vor einem Monat behandelten wir im Blog die 1941 von Konrad Zuse konstruierte Z3, die erste funktionsfähige Rechenanlage. Sie wurde im Krieg zerstört, die Nachfolgerin Z4 – sie hieß zunächst V4 – blieb erhalten. Zuse brachte sie 1945 von Berlin in das Allgäu, 1950 konnte er sie an die ETH Zürich vermieten. Von 1955 bis 1960 lief sie in einem Institut für Rüstungsforschung in Frankreich. Ab 1988 präsentierte sie das Deutsche Museum in der Informatik-Ausstellung, zur Zeit steht sie im Depot.

Das Online-Bildarchiv der ETH enthält eine Anzahl Fotos des Geräts aus seiner Zeit in der Schweiz: Bitte ins Menü „Z4“ eintippen. Unter den Suchresultaten finden sich auch zwei Ansichten der Zuse Z1, zwei des Elektronengehirns ENIAC und eine vom Harvard Mark 1, dem ersten amerikanischen Computer. Wer die Z4-Fotos näher betrachtet, stellt fest, dass sich zwei von den übrigen unterscheiden. Das Archiv weist ihnen den Aufnahmeort Hopferau und das Jahr 1949 zu. Ein Foto verwenden wir oben als Eingangsbild, das andere folgt unten.

Foto der V4 alias Z4 aus dem Online-Archiv der ETH Zürich. Eine nahezu identische Aufnahme aus dem Jahr 1945 enthält die Zuse-Akte im Bundesarchiv-Militärarchiv.

Die aufgenommene Maschine ist aber nicht der Relaisrechner, wie er in den Bildern aus der ETH Zürich zu sehen ist. Die Tastaturen sind anders gruppiert; es fehlen die Z-Schildchen links und rechts. Dafür kommen Kästen auf der rechten Seite hinzu. 1949 stand die Z4 in der Tat im Dorf Hopferau bei Füssen. Nach dem Transport aus Berlin und der Zwischenlagerung im bayerischen Hinterstein hatte sie Konrad Zuse in einem Keller wieder zusammengebaut und in Gang gesetzt. Es spricht jedoch einiges dagegen, dass die Fotos im genannten Jahr und am erwähnten Ort entstanden.

Das folgt aus Akte RH 8/689 aus dem in Freiburg ansässigen Bundesarchiv-Militärarchiv, Bereich OKH-Heereswaffenamt. Ihr Hauptteil ist eine Schrift von Konrad Zuse aus dem Jahr 1943, „Ansätze einer Theorie des allgemeinen Rechnens unter besonderer Berücksichtigung des Aussagenkalküls und dessen Anwendung auf Relais-Schaltungen“. Zuse wollte sie beim Logiker Heinrich Scholz – er lehrte an der Universität Münster – als Dissertation einreichen, doch zerschlug sich das Projekt. Drei Kopien der Schrift liegen im Deutschen Museum.

Tastatur des Rechners – bitte zum Vergrößern auf das Bild klicken.  (Foto Deutsches Museum CC BY-SA 4.0 seitlich beschnitten)

Dieser Link führt zur Fassung im Bundesarchiv-Militärarchiv, bitte das Digitalisat anwählen. Auffällig ist die Angabe oben auf den Seiten: „Dipl.-Ing. K. Zuse Apparatebau Berlin SO 36 Oranienstraße 6“ Hier zog die Firma hin, als sie in der Kreuzberger Methfesselstraße 1943 ausgebombt wurde. Ende Februar 1945 verließ Konrad Zuse Berlin mit zwanzig Kisten; sie enthielten die Einzelteile der Z4, die damals V4 hieß. Anfang April führte er den komplett montierten Rechner bei der Aerodynamischen Versuchsanstalt in Göttingen vor, danach erfolgte der Weitertransport nach Bayern.

Vor der Zuse-Schrift bringt die Internetseite des Bundesarchivs sechs Fotos, zwei weitere folgen ab Blatt 57. Das vierte Foto der Reihe entspricht ziemlich genau dem Hochformat-Bild aus der ETH Zürich. Die Rückseiten der Fotos verweisen ebenfalls auf die Oranienstraße 6; diese Tatsache und die Herkunft aus den Akten des Heereswaffenamts lassen nur einen Schluss zu: Es handelt sich um die Ur-Z4 im Jahr 1945. Wir sehen elektrische Leitungen, die Schalttafel und den mechanischen Speicher; ein späteres Foto zeigt Relais. Entstanden sind die Bilder in Berlin oder vielleicht in Göttingen.

Foto aus den 1950er-Jahren: die Z4 in der Schweiz (Foto ETH Zürich)

Zum ETH-Foto in unserem Eingangsbild hat das Bundesarchiv kein Äquivalent, es ist aber dieselbe Maschine. Die Vorrichtung auf der rechten Seite – man erkennt sie neben dem abgeschrägten Pult – dürfte die Eingabe für den Filmstreifen sein, der das Rechenprogramm trug. Bei Blatt 275 der Zuse-Schrift beginnt eine Anlage mit einer Beschreibung der V4/Z4 und eines Programms – Konrad Zuse sagte Rechenplan. Die Texte finden sich ebenso in seinem Nachlass im Deutschen Museum; wir entnahmen ihnen die Grafik der Schalttafel.

1947, nach anderen Quellen 1946, startete Zuse in Hopferau eine neue Firma, das Zuse-Ingenieurbüro. Er schraubte die Z4 zusammen und stellte 1948 eine Programmiererin ein, die junge Ursula Walk. Hier sitzt sie am Computer. Konrad Zuse nahm bauliche Veränderungen an dem Rechner vor und fügte ein Schild mit seinem Namen hinzu. Aus jener Zeit stammt auch ein unscharfes Foto, das der Amerikaner Stan Augarten 1984 in seinem Buch „Bit by Bit“ abdruckte. 1949 kam ein Reporter des SPIEGEL vorbei.

Ein Zoom auf die beiden Filmstreifenleser und die Tastatur (Foto ETH Zürich)

1949 und 1950 wurde die Z4 ein zweites Mal überarbeitet. Mittlerweile leitete Konrad Zuse die 1949 gegründete Zuse KG im hessischen Neukirchen; von dort ging der Rechner an die ETH Zürich. Er verfügte jetzt über einen vergrößerten Speicher, zwei Filmabtaster und eine Schreibmaschine; außerdem führte er bedingte Sprünge und bedingte Stopps aus. Diese Version stand von 1988 bis 2022 im dritten Stock des Deutschen Museums. Des Schweizer Mathias Knauer filmte sie dort, siehe Minute 40:00, für sein Zuse-Portrait von 1990.

Im Zuse-Nachlass des Museums liegen unter den Nummern NL 207/0143F bis 0146F vier Fotos des Z4-Urmodells, die denen aus dem ETH-Archiv gleichen. Zu zwei anderen Fotos, NL 207/0141F und NL 207/0142F, gibt es ein Gegenstück in Freiburg; es zeigt die Tastatur des Computers. Die sechs Bilder sind allerdings nicht online.

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