Alwin Walther: vom Rechenstab zum Computer
Geschrieben am 04.08.2026 von HNF
Wir können ihn den erste deutschen Informatiker nennen, obwohl es das Wort zu seinen Lebzeiten noch nicht gab. Der 1898 geborene Alwin Walther leitete von den 1930er-Jahren bis 1966 das Institut für Praktische Mathematik der Technischen Hochschule Darmstadt. In dieser Zeit entwickelte er analoge Rechengeräte und auch den Darmstädter Elektronischen Rechenautomaten DERA. Walther starb 1967.
Einst gab es in Deutschland Experten für Computer, die einer breiten Öffentlichkeit bekannt und gelegentlich in den Medien zu sehen waren, man denke an Karl Steinbuch, Konrad Zuse und natürlich Heinz Nixdorf. Vergessen wir auch nicht Wau Holland und Nikolaus Lehmann. Der älteste deutsche Informatik-Star dürfte aber Oswald Alwin Walther gewesen sein; den ersten Vornamen ließ er meistens weg.
Zur Welt kam er am 6. Mai 1898 in Reick am Rand von Dresden, der Vater war Lehrer. Kurz nach dem Abitur zog Alwin Walther in den Ersten Weltkrieg, den er mit zwei Verwundungen überstand. Er studierte ab 1919 in Dresden Mathematik und Physik, machte 1922 den Doktor und habilitierte sich 1924 in Göttingen. Nach weiteren Studien in Kopenhagen wurde er 1928 Professor für darstellende Geometrie und Methoden der angewandten Mathematik an der TH Darmstadt. 1933 besetzte er den Lehrstuhl für Praktische Mathematik.

Alwin Walther, 1964 (Foto GFHund CC BY 3.0 seitlich beschnitten)
Einige Jahre später wurde aus dem Lehrstuhl ein Institut, dem Walther vorstand. Neben den Vorlesungen und Seminaren befasste er sich mit Rechenmaschinen und analogen Geräten wie Planimetern, Integraphen oder harmonischen Analysatoren, zudem mit Rechenstäben. 1934 erfand Walther einen Typ für technische Anwendungen, das System Darmstadt. Es wies eine Anzahl neuer Skalen auf, zum Beispiel für Wurzeln, Logarithmen und Exponenten. Das brachte ihm prompt den Vorwurf ein, die Mathematik an die Ingenieure verraten zu haben.
Alwin Walther war kein Mitglied der NSDAP, wirkte aber an der Kriegsforschung mit. Er schuf ein Rechenzentrum, das 1942 mehr als dreißig Rechnerinnen umfasste – die genaue Zahl ist unbekannt – und unter anderem den Bau der Rakete A4 unterstützte. Seine Tätigkeit endete im September 1944, als ein verheerender Luftangriff auf Darmstadt auch die Technische Hochschule zerstörte. Unbeschädigt blieb dabei ein noch unfertiger Analogrechner, den Walther mit dem Mathematisch-Mechanischen Institut A. Ott in Kempten entwickelte.
Nach Kriegsende stieg er zum Repräsentanten der elektronischen Rechentechnik in der jungen Bundesrepublik auf. 1951 war Alwin Walther der einzige deutsche Teilnehmer an der Kybernetik-Konferenz in Paris. Hier dürfte er den amerikanischen IT-Pionier Howard Aiken getroffen haben, dessen Konzepte ihn dann bei seinen eigenen Projekten beeinflussten. 1955 richtete Walther eine Aufsehen erregende Computer-Tagung in Darmstadt aus, 1962 leitete er in München den Kongress des Internationalen Informatik-Verbandes IFIP.
Schon im Zweiten Weltkrieg arbeiteten Walther und sein Assistent Wilfried de Beauclair an einem Digitalrechner, der auf der damaligen Lochkartentechnik basierte. Die detaillierten Pläne wurden beim Bombenangriff von 1944 vernichtet, eine kurze Beschreibung steht in de Beauclairs Buch Rechnen mit Maschinen von 1968, eine längere verwahrt das Archiv des Deutschen Museums. De Beauclair erwähnt auch einen National-Buchungsautomaten, der im Institut für Praktische Mathematik zu einer Differenzmaschine ausgebaut wurde.

Architektur des nicht realisierten Rechenautomaten des Instituts für Praktische Mathematik (Foto Deutsches Museum CC BY-SA 4.0 seitlich beschnitten)
1957 erhielt Alwin Walthers Institut eine IBM 650, parallel dazu entstand als Eigenbau der Darmstädter Elektronische Rechenautomat DERA. Er hatte 1.400 Röhren, 8.000 Dioden und neunzig Relais sowie eine Magnettrommel mit 3.000 Speicherplätzen, dazu kamen Register mit Ferritkernen. Mit einer Additionszeit von 0,8 Millisekunden – Multiplikationen dauerten bis sechzehn Millisekunden – war der Computer recht langsam. „Rechnen mit Maschinen“ überliefert ein Foto; es ist das Bild rechts oben, das eine falsche Bildunterschrift trägt.
Als der Darmstädter Automat 1959 den Dienst aufnahm, war er bereits veraltet. 1963 drehte der Astronom und Fernsehjournalist Rudolf Kühn aber einen faszinierenden Film über ihn, in dem wir Alwin Walther und einige Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen treffen. Anscheinend wurde sein Computer nur in der Lehre und für die Bürokratie der Technischen Hochschule eingesetzt. Der Bericht macht deutlich, dass in den 1960er-Jahren das Programmieren den Frauen oblag; die Herren interessierte sich eher für die Hardware.

Drei Teile von Walthers Analogrechner, der Integrieranlage IPM-Ott – bitte aufs Bild klicken! (Foto Deutsches Museum/Konrad Rainer, CC BY-SA 4.0 seitlich beschnitten)
Alwin Walther setzte sich sehr für das hochschul-unabhängige Deutsche Rechenzentrum ein, das ebenfalls 1963 in Darmstadt eingeweiht wurde. 1965 stellte er in seinem Institut einen neuen IBM-Großrechner auf, eine Kombination der Systeme 7040 und 1401. Ein Jahr später wurde er emeritiert und sein Institut aufgelöst. Der Forscher starb am 4. Januar 1967 in Seeheim südlich von Darmstadt. 1972 eröffnete die Technische Hochschule wie andere Universitäten einen Fachbereich Informatik. Unter den Meilensteinen, die die TH 2022 am 50. Geburtstag feierte, kam Alwin Walther nicht mehr vor.
Geräte des Instituts für Praktische Mathematik finden sich heute im Depot des Deutschen Museums. Kleinere Objekte zeigt die 1971 gegründete Hochschule Darmstadt im Gebäude D14, Einschübe des DERA liegen in der Informatiksammlung der Universität Erlangen. Die IBM 7040/1401 gelangte in den 1970er-Jahren nach Rumänien. Darmstadt-Rechenstäbe gibt es noch viele, das einzige Museum, das ein größeres Exponat zu Alwin Walther ausstellt, ist jedoch das HNF. Zur Analogrechner-Abteilung im zweiten Obergeschoss gehört, siehe das Eingangsbild oben, eine Röhre für Multiplikationen des elektronischen Systems ELARD.

