60 Jahre Robotron 300
Geschrieben am 01.09.2026 von HNF
Am 1. September 1966 begann in Moskau die Messe Interorgtechnika. Eine Attraktion bildete der Prototyp des Rechners Robotron 300 aus der DDR. Seine Entwicklung startete 1964, von 1967 bis 1972 entstanden in Radeberg bei Dresden 350 Stück. Der Computer arbeitete mit Transistoren, er besaß Kern- und Trommelspeicher sowie Bandlaufwerke. Anschließbar war eine Einheit zur Datenfernübertragung.
Der SPIEGEL entdeckte ihn im Oktober 1969: „Spitzenprodukt der DDR-Computerindustrie ist die elektronische Datenverarbeitungsanlage »Robotron 300«, ein mittelgroßer Computer-Typ. Seit Anfang 1968 wurden etwa fünfzig der vom VEB Elektronische Rechenmaschinen (Elrema) in Karl-Marx-Stadt entwickelten und vom VEB Kombinat Robotron in Radeberg gefertigten Rechner abgeliefert.“ Karl-Marx-Stadt heißt heute natürlich Chemnitz.
Damals war der Robotron 300 schon gut drei Jahre alt. Präsentiert wurde er vom 1. bis zum 15. September 1966 auf der Interorgtechnika-Messe in Moskau, er tauchte sogar in der Wochenschau auf. Es stellten dort auch Firmen aus dem Westen aus, so zeigte Siemens den ein paar Jahre alten Transistorrechner Siemens 2002. Gegen Ende der Messe besuchte Parteichef Walter Ulbricht den ostdeutschen Stand samt Robotron-Computer und verschrieb sich beim Eintrag ins Gästebuch. Sein sowjetischer Kollege Leonid Breschnew hatte kein Interesse an DDR-Hardware und sich vorher davongemacht.
1966 gab es vor allem den ZRA 1 des Volkseigenen Betriebs Carl Zeiss Jena und den Robotron 100; er stammte von dem im SPIEGEL-Artikel erwähnten VEB Elektronische Rechenmaschinen. Hier entstand in den frühen 1960er-Jahren die Idee eines universell einsetzbaren Transistor-Computers mit umfangreicher Peripherie. Er erhielt den Namen Robotron 300, als Inspiration diente die IBM 1401. Das Projekt wurde am 3. Juli 1964 durch einen Beschluss des DDR-Ministerrats zur „Entwicklung, Einführung und Durchsetzung der maschinellen Datenverarbeitung“ offiziell abgesegnet.
Die Entwicklungsarbeit des Robotron 300 lief bis Anfang 1966, die Serienfertigung erfolgte ab Ende 1967 im VEB RAFENA-Werke Radeberg. Ab 1. April 1969 gehörte der Betrieb zum neuen Kombinat Robotron. Der gleichnamige Computer enthielt 18.500 Transistoren und 43.000 Dioden und kostete drei Millionen DDR-Mark. In moderner Sprechweise hatte er einen Arbeitsspeicher zwischen zehn und vierzig Kilobyte in Magnetkern-Technik. Der Rechner führte Festkomma- und Gleitkomma-Operationen aus, letztere dauerten bei zehn Input-Stellen zwischen 0,73 und 7,1 Millisekunden.
Zur Zentraleinheit und dem zugehörigen Bedientisch – er ist im Eingangsbild zu sehen – kamen eine Ein- und Ausgabe für Lochkarten, ein Drucker, maximal sechs Magnetband-Laufwerke und bis zu vier Magnettrommeln, ein weiterer Kernspeicher und ein System zur Datenfernübertragung. Zur Software gehörten unter anderem die Assemblersprache MOPS, ein ALGOL-60-Compiler sowie mathematische und wirtschaftswissenschaftliche Programme; andere fungierten als eine Art Betriebssystem. Eine Broschüre teilt Einzelheiten mit.
Das Design des Robotron 300 entwarf der vielbeschäftigte Formgestalter Karl Clauss Dietel; die Konsole hatte eine, sagen wir, sozialistische Eleganz. Fachliteratur und Fotos verwahrt das Internet Archive, die politischen Hintergründe erläutert das Buch von Erich Sobeslavsky und Computerpionier Nikolaus Joachim Lehmann. Freunde der DDR-Informatik werden sich über diese Zeitschrift vom Dezember 1966 freuen. Nicht vergessen wollen wir den Kinofilm Im Spannungsfeld, der wohl 1969 gedreht wurde und in dem unser Gerät eine wichtige Rolle spielt.
Schmalfilm-Qualität besitzen zwei Clips aus Brandenburg und Dresden. Die Produktion des Robotron 300 endete 1972, Nachfolger war der R21, der in das Zeitalter der ESER-Rechner führte. Wie aber ein Beitrag der Computerwoche zeigt, war die Nummer 300 noch 1980 im Einsatz. Heute steht ein Robotron 300 in den Technischen Sammlungen der Stadt Dresden, ein weiteres Exemplar befindet sich im Depot des Deutschen Technikmuseums in Berlin. Es ist leider nicht öffentlich zugänglich.


