Luftkampf im Analogrechner
Geschrieben am 21.08.2026 von HNF
Im Juli eröffnete das HNF eine Abteilung zum amerikanischen Computer Whirlwind. Mit ihm wurde ab 1951 die Luftverteidigung durch Digitaltechnik erforscht. Schon 1950 führte die Firma RCA in Princeton einen Analogrechner für die gleiche Aufgabe vor. Der Typhoon arbeitete für die US-Marine. Er enthielt 4.000 Elektronenröhren und simulierte den Einsatz von Flugabwehrraketen gegen feindliche Bomber.
„Eine neue Denkmaschine, ein rechnender Roboter von größter Präzision, wird der amerikanischen Kriegsmarine zur Verfügung gestellt. Typhoon ist der Name dieser Wundermaschine, die das Hauptproblem der Luftabwehr löst. Ein ultrarapider Bomber wird von einer mit Radar gesteuerten Bombe angegriffen; er hat keine Hoffnung, sich durch geschickte Manöver dem Geschoß zu entziehen, er wird getroffen werden.“
Das schrieb die Bruchsaler Post am 2. Juli 1951; der Artikel erschien vielleicht in weiteren Zeitungen in Südwestdeutschland. Er schildert eine Bombe, die wohl eher eine Rakete ist und ein schnelles Flugzeug abschießt. Möglich macht es die Denk- und Wundermaschine Typhoon. Die Leser erfahren, dass sie 4.000 Elektronenröhren birgt und die vollendetste und komplizierteste Maschine ihrer Art darstellt. Sie bestimmt die Bahnen von Geschossen in der Luft und im Wasser und löst noch eine Reihe anderer Probleme der Flugabwehr.
Denkmaschinen und Rechenroboter gibt es keine mehr, unsere Geschichte hat aber Hand und Fuß. Am 27. November 1950 enthüllte die Radio Corporation of America RCA in ihrem Forschungslabor in Princeton den Typhoon, hier geht es zu einem Pressefoto. Er war ein Elektronenrechner, doch mit analoger Technik; das HNF besitzt zu ihr eine Abteilung. Die Baukosten des Typhoon von 1,4 Millionen Dollar zahlte die US-Marine; er wurde in einem Entwicklungszentrum der Navy im US-Bundesstaat Pennsylvania aufgestellt.
Der Computer sollte nicht an einem Krieg teilnehmen, sondern bei der Entwicklung und Erprobung von Kriegswaffen mithelfen. Er simulierte den Einsatz von Flugabwehrraketen, speziell von solchen, die sowjetische Bomber aufs Korn nahmen. Der Hersteller hielt ihn nicht geheim. RCA-Forscher Edwin Goldberg erläuterte viele Details in einem fünf Seiten langen Aufsatz, der im August-Heft 1951 der Zeitschrift Electronics stand. Er teilte unter anderem mit, dass Typhoon 43 Schränke füllte, die neun Fuß oder 2,74 Meter hoch waren.
Einen weiteren Aufsatz enthielt das Dezember-Heft. Das Cover der April-Ausgabe schmückte ein PR-Foto der RCA. Es zeigte die Modelle eines russischen Bombers – wir tippen auf eine Tupolew Tu-4 – und einer heransausenden Rakete; sie liegen auf einem der beiden Plotter des Rechners, und die Werbebotschaft ist klar. Im Inneren der Zeitschrift erschien noch ein Foto von Arthur William Vance, dem Chefentwickler des Typhoon. Er befasste sich schon im Zweiten Weltkrieg mit elektronischen Feuerleitsystemen für Flak-Geschütze.

Luft-Luft-Raketen des Typs Sparrow von 1953; sie wurden mit dem Typhoon getestet. Unser Eingangsbild oben zeigt eine schiffsbasierte Sea Sparrow aus späterer Zeit (Foto US Navy),
Einen informativen Artikel über unseren Rechner lieferte das Magazin Popular Science im Februar 1951 unter dem Titel „Marine-Gehirn antwortet mit Bildern“. Er berichtete über die Plotter des Typhoon, die die Bahnen der Rakete und des abzuschießenden Flugzeugs zu Papier brachten. Ein Gerät zeichnete sie von oben, das zweite von der Seite. Daneben drehte sich ein dreißig Zentimeter langes Raketenmodell mit beweglichen Seitenrudern; an ihm ließ sich die genaue Ausrichtung des simulierten Flugkörpers ablesen.
Ein anderes Modell stellte zur gleichen Zeit die Positionen von Flugzeug und Rakete mit kleinen Kugeln dar. Sie durchquerten mit Portalkran-artigen Konstruktionen den Raum, das Kügelchen für den Bomber wurde von oben bewegt, das der Rakete von unten. Bei einem Treffer berührten sie sich. Laut „Popular Science“ dauerte eine Simulation eine Minute und umfasste 250 Additionen, 67 Multiplikationen, dreißig Integrationen und die Lösung von zwanzig Gleichungen. Das Personal bestand aus neun Mathematikern und Ingenieuren sowie sechs Technikern.
Nach einige Jahren Dienst wurde Typhoon in kleinere Recheneinheiten unterteilt, den Gales oder Stürmen in deutscher Sprache. 1968 fand die endgültige Entsorgung statt. Offenbar hat kein Einzelstück des Computers überlebt. Uns bleiben die Zeitschriftenartikel, einige Fotos und die digitale Konkurrenz, der Whirlwind im Computer History Museum und im HNF. Ein friedlicher Nachfolger der Taifune ist das Mailüfterl des österreichischen Informatik-Pioniers Heinz Zemanek, das sich im Technischen Museum Wien befindet.
