1946: IBM 603 rechnet mit Elektronen
Geschrieben am 22.09.2026 von HNF
Im Blog feierten wir schon den ENIAC, den ersten programmierbaren Elektronenrechner. Er lief im Februar 1946 in Philadelphia. Zur gleichen Zeit ging ein IBM-Gerät der Vollendung entgegen, das ebenfalls Röhren enthielt. Der Elektronenmultiplizierer IBM 603 wurde am 27. September 1946 vom Hersteller bekannt gemacht und drei Tage später auf einer Messe in New York vorgestellt.
Elektronenrechner sind älter als man denkt. Wenn man den Begriff weiter fasst und nicht auf den berühmten ENIAC und den geheimen Colossus beschränkt, begannen Entwicklungen dazu in den 1930er-Jahren bei IBM in Endicott. Die Stadt im US-Bundesstaat New York beherbergte ihre Fabrikationsanlagen und seit 1933 die Forschungsabteilung. Diese verfügte über ein Elektrolabor, das ab 1937 der junge Ingenieur Ralph Palmer leitete. Er beschäftigt sich gelegentlich mit Fragen der Elektronik, etwa in Zusammenhang mit Verstärkerröhren.
Zur gleichen Zeit dachte Arthur Dickinson über jene Technik nach. Der Ingenieur saß in der IBM-Patentabteilung in New York, die ebenfalls ein Labor hatte. Am 20. Januar 1940 meldete er ein Patent für eine Buchungsmaschine an, die eine Anzahl Elektronenröhren enthielt. Drei Monate später reichten Joseph Desch und Robert Mumma – sie gehörten zur National Cash Register Company im US-Staat Ohio – eine röhrenbestückte Rechenmaschine ein. Sie wurde schon im Dezember 1939 gebaut und gelegentlich bei Patentprozessen gezeigt.

Die alte IBM-Forschungsabteilung in Endicott (Foto Rosemaryetoufee CC BY-SA 4.0)
Ob Arthur Dickinson ein vergleichbares Gerät realisierte, ist unbekannt. Wir wissen aber, dass Ralph Palmer und sein IBM-Kollege Byron Phelps Ende 1942 einen Apparat schufen, der mit Röhren multiplizierte. Er basierte auf Zählwerken mit den schon länger bekannten Flip-Flop-Schaltungen, die von einem Zustand zu einem anderen und wieder zurück springen. Der Rechner erhielt über Kabel von einer Lochkartenmaschine die sechsstelligen Faktoren eines Produkts aus einer Karte. Er ermittelte das zwölfstellige Resultat und sandte es an den Partner, der es in dieselbe Karte stanzte.
Danach ruhte die Entwicklungsarbeit eine Weile. Ende 1944 gab IBM-Chef Thomas Watson aber Arthur Dickinson den Auftrag, ein elektronisches Rechengerät zu konstruieren. Ihm halfen dabei der schon erwähnte Byron Phelps aus Endicott und ein Kollege aus Dickinsons Abteilung in New York. Das Ergebnis lief Ende 1945; es war im wesentlichen eine verbesserte Version des Systems von 1942. Im April 1946 wurde das Gerät Thomas Watson und seinem Sohn Thomas Watson junior vorgeführt.
Der junge Watson arbeitete seit Beginn des Jahres im väterlichen Unternehmen und war begeistert vom Elektronenrechner. Sein Engagement bewirkte, dass fünfzig Stück der IBM 603 – so hieß das Gerät – gefertigt wurden; später folgte noch einmal die gleiche Menge. Man sieht es oben in unserem Eingangsbild (Foto Computer History Museum). Das ist eine etwas detailliertere Aufnahme, im Hintergrund steht jeweils die Lochkartenmaschine. Die IBM-Presseabteilung verkündet das neue Produkt am 27. September 1946, die Öffentlichkeit erlebte es ab dem 30. September auf einer Messe in New York.
In der IBM 603 steckten 300 Röhren; pro Minute führte sie hundert Multiplikationen aus. Angeblich konnte sie auch dividieren, doch war die Ausgabe nur drei Ziffern lang, zudem verschwieg IBM die Fähigkeit. Der Rechner wurde meistens vermietet; IBM verlangte knapp 400 Dollar pro Monat. Wer sich für die Technik des Geräts interessiert, findet hier das Handbuch und hier die Details der zugehörigen Lochkarteneinheit. Die im Oktober 1946 angemeldeten US-Patente für die IBM 603 haben die Nummern 2.587.979 und 2.624.508.
Die IBM 603 war das erste in größerer Zahl gebaute elektronische Rechengerät. Im Jahr 1948 erschien die Nachfolgerin IBM 604 mit 1.250 Röhren. Sie beherrschte alle Grundrechenarten und ließ sich mit Stecktafeln programmieren. Wie die IBM 603 arbeiteten sie mit einer Lochkartenmaschine zusammen. Mit einer Tabelliermaschine wurde daraus der „Card-Programmed Electronic Calculator“ IBM CPC von 1949. Insgesamt setzte der Hersteller mehr als fünftausend Exemplare der Modelle 604 und des darauf basierenden Modells 605 ab.
Das deutsche Gegenstück zur IBM 603 war die Sprick-Maschine; der Physiker Walter Sprick baute sie 1951 in Kiel. Es entstand von ihr aber nur ein weiteres Exemplar. Der IBM 604 entsprach 1952 die Gamma 3 des französischen Herstellers Bull. Der erste serienmäßige Elektronenrechner aus deutscher Produktion war 1955 der Elektronensaldierer ES 24 des Labors für Impulstechnik, der Firma von Heinz Nixdorf, die damals noch in Essen saß. Besser bekannt sind natütlich ihre Gebäude in Paderborn.

Heinz Nixdorf 1956 mit seinem Elektronensaldierer (rechts)

