Bull – Datentechnik aus Frankreich

Geschrieben am 11.10.2019 von

1952 gründete Heinz Nixdorf in Essen sein erstes Unternehmen, das Labor für Impulstechnik. Es fertigte unter anderem Recheneinheiten für Lochkartengeräte der Firma Bull. Sie war in Frankreich der größte Hersteller für Datentechnik. Ihr Name ging auf den norwegischen Ingenieur Fredrik Bull zurück. Später stellte Bull auch Computer her; heute ist die Firma Teil des Atos-Konzerns.

Als Fredrik Rosing Bull am Weihnachtstag 1882 zur Welt kam, hieß sein Geburtsort Oslo Christiania und gehörte zu Schweden. Als er 1907 seinen Abschluss als Ingenieur machte, war er Bürger des zwei Jahre zuvor unabhängig gewordenen Norwegens. Ab 1916 arbeitete Bull für die Versicherungsgesellschaft Storebrand. Hier lernte er die Lochkartenmaschinen von Herman Hollerith kennen, die zur Datenverarbeitung eingesetzt wurden. Er beschloss, ein eigenes und besseres Verfahren zu entwickeln.

1919 meldete Fredrik Bull in Oslo ein Patent für eine „Selbsttätige Registriermaschine für statistische Zwecke“ an; wir verwenden die Bezeichnung des deutschen Patents von 1921. Während Hollerith-Maschinen die Lochkarte horizontal abtasteten, wurden sie bei Bull-Geräten auf einer drehenden Trommel gelesen. Der Norweger entwickelte außerdem eine Sortiermaschine. Er fand eine Werkstatt in Oslo, die seine Entwürfe realisierte, sowie eine Vertriebsfirma. Von 1922 bis 1925 wurden vierzehn Systeme gebaut und verkauft, zumeist in skandinavischen Ländern.

Fredrik Rosing Bull. (Foto https://snl.no/ CC BY-SA 3.0 NO)

Leider starb Fredrik Bull schon am 7. Juni 1925. Seine Arbeiten setzte der Ingenieur  Knut Andreas Knutsen fort. Die Fertigung übernahm die Schweizer Rechenmaschinenfabrik Egli; eine Bull-Anlage erhielt 1929 der Pharmahersteller Sandoz. 1931 wurde die Produktion der Lochkarten-Technik nach Paris verlagert. Am  9. März 1931 entstand dort die Firma H. W. Egli Bull. Aus ihr ging zwei Jahre später die Compagnie des Machines Bull hervor, kurz CMB. Sie war mehrheitlich im französischen Besitz; ab 1935 machte sie Gewinn.

Die CMB-Maschinen der 1930er- und 1940er-Jahre arbeiteten elektromechanisch und mit Relais; programmiert wurden sie mit Stecktafeln, aus denen ein Kabelknäuel ragte. 1948 brummten in Frankreich 385 Systeme, das waren mehr als diejenigen von IBM. Das Erfolgsmodell war der Tabulator BS-120. 1951 brachte Bull den Elektronenrechner Gamma 3 mit Röhren und Germaniumdioden heraus; er unterstützte mechanische Lochkartengeräte. 1956 erschien eine Version mit Trommelspeicher für Daten und Programme; die Stecktafeln brauchte man jetzt nicht mehr.

Heinz Nixdorf mit Kollegen auf einer Messe; rechts steht sein Elektronensaldierer ES 24, vorne ein Bull-Lochkartenmischer.

Von der Gamma-3-Familie setzte Bull im Laufe der Zeit 1.200 Einheiten ab. Wer Bull-Technik nutzte, aber kein Elektronengehirn anschaffen wollte, der griff zu Elektronensaldierern und -multiplizierern. Die kamen aus Paderborn von Heinz Nixdorfs Labor für Impulstechnik. Einen Saldierer zum Addieren und Subtrahieren gab es 1957 für weniger als 30.000 DM, ein Multiplizierer kostete zwischen 40.000 und 60.000 DM. Im Januar 1959 unterschrieben Bull und Nixdorf einen fünf Jahre gültigen Exklusivvertrag.

In Deutschland vertrieb seit 1952 die Exacta Büromaschinen GmbH in Köln Bull-Hardware. 1960 entstand die Bull Deutschland Lochkarten GmbH. 1961 übernahm die Mutterfirma 75 Prozent der Anteile. Sie wurde außerdem Hauptaktionär bei der Münchner Firma Wanderer; sie hatte im Jahr zuvor Exacta geschluckt und in Wanderer umbenannt. 1964 löste sich die Verbindung zu Bull wieder. Das Ende ist bekannt: 1968 erwarben Heinz Nixdorf und seine Frau alle Wanderer-Aktien: Aus der Wanderer AG wurde die Nixdorf Computer AG.

Eine Bull Gamma 10 mit Drucker im Museum technikum29. (Foto technikum29 CC BY-NC 4.0)

1960 stellte Bull einen richtigen Computer vor, die Gamma 60. Allerdings wurden davon nur zwanzig Systeme gebaut. Erfolgreicher war 1962 die Gamma 10, von der CMB mehr als tausend Stück fertigte. 1963 geriet die Firma in eine schwere Krise; die Verluste beliefen sich auf umgerechnet zweihundert Millionen Euro, der Börsenkurs stürzte ab. Der Einstieg eines amerikanischen Partners löste einen Aufschrei in der französischen Öffentlichkeit aus, doch es führte kein Weg daran vorbei. Ab Juli 1964 hieß das Unternehmen Bull-General Electric.

Damit begann einer jahrelange Folge von Übernahmen, Verkäufen, Verstaatlichungen und Reprivatisierungen. 2014 landete unsere Firma in den Armen des französischen IT-Konzerns Atos. Überlebt hat Bull im Namen eines Atos-Supercomputers. Erinnerungen an alte Zeiten hält eine umfangreiche Internetseite wach; außerdem gibt es die Veteranen. Die deutschen Freunde, Mitarbeiter und Ehemaligen haben ihren Sitz in Köln; 2020 wird ihr Verein zwanzig Jahre alt.

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