Vor 70 Jahren: Das Labor für Impulstechnik startet

Geschrieben am 01.07.2022 von

Der 1. Juli 1952 gilt als der Gründungstag des Labors für Impulstechnik, abgekürzt LfI, der ersten Firma von Heinz Nixdorf. Sie saß in Essen und arbeitete für die RWE AG, den großen Energieversorger. Die frühesten Geräte, die das LfI baute, sind verschollen. Es handelte sich um eine Sortiermaschine für Lochkarten und einen Elektronenrechner für Divisionen.

Wie man weiß, leitete Heinz Nixdorf zwei Unternehmen, das Labor für Impulstechnik, kurz LfI, und die Nixdorf Computer AG oder NCAG. Den 50. Geburtstag der NCAG haben wir 2018 im Blog gefeiert. Heute kommt der 70. Jahrestag der LfI-Gründung dran. Die genaue Chronologie ist allerdings kompliziert.

Fest steht, dass Heinz Nixdorf am 30. Dezember 1952 beim Gewerbeamt Paderborn ein Labor für Impulstechnik anmeldete. Als Adresse gab er die Bleichstraße 76 an, seinen Wohnsitz. Die Eröffnung des Unternehmens datierte er auf den 1. Juli zurück. In jenem Monat war er schon geschäftlich aktiv, aber nicht an der Pader, sondern im Ruhrgebiet. Im Hochtiefhaus in Essen richtete er eine vierzig Quadratmeter große Werkstatt zum Bau elektronischer Rechengeräte ein. Sie lag nicht im legendären Keller, sondern weiter oben.

Etwas unscharf: Heinz Nixdorf 1952 in seiner Essener Werkstatt

Das genannte Haus gehörte einem Baukonzern, diente aber auch als provisorische Zentrale der RWE AG, des bekannten Essener Elektrizitätsversorgers. Seine Hauptverwaltung wurde im Bombenkrieg zerstört. Heinz Nixdorf stand seit dem Frühjahr 1952 mit der RWE in Kontakt. Er wollte für sie einen Rechner entwickeln und gab dafür einen Job bei der Firma Remington Rand in Frankfurt auf. Am 26. Juni unterbreitete er ein Angebot, am 4. Juli 1952 erteilte die RWE den Auftrag für ein „Elektronen-Rechengerät zum Preise von ca. 25.000 DM“.

Um den 9. Juli herum bezog Nixdorf seine Werkstatt im Hochtiefhaus; unterstützt wurde er von dem Rundfunktechniker Alfred Wiercioch. Wissenschaftliche Hilfe leistete der Physiker Walter Sprick, der bei der IBM Deutschland GmbH in Böblingen arbeitete. Nixdorf und Sprick kannten sich von Remington Rand, wo Sprick zuvor tätig war; Anfang 1951 hatte er in Kiel das erste elektronische Rechengerät in Deutschland fertiggestellt, die Sprick-Maschine. Der in Essen entstehende neue Rechner übernahm von ihr die wichtigsten Schaltungen.

Bitte lächeln: ein Schnappschuss von der Produktion in Essen

Wie die Sprick-Maschine diente er als Zusatzgerät für einen Lochkarten-Tabellierer. Dieser tastete elektromechanisch einen Kartenstapel ab, stellte mit den Inputs Berechnungen an und druckte die Ergebnisse aus. Die Nixdorf-Maschine las die Lochkarten mit Fotozellen und teilte jeden Zahlenwert durch eine zweite Zahl. Das Resulat ging an den Tabellierer, der es zu Papier brachte. Die elektronische Division war so schnell, dass sie den Durchlauf der Karten nicht beeinträchtigte. Pro Stunde wurden bis zu 9.000 Karten ausgewertet.

Heinz Nixdorf und Alfred Wiercioch begannen im September oder Oktober 1952 mit der Konstruktion des Geräts, im Februar 1954 rechnete es zur vollen Zufriedenheit der Erbauer. Es enthielt 600 Röhren und war so groß wie ein Radiator der Zentralheizung. Bei der RWE wirkte das „Rechenwunder“ – der Ausdruck stammt aus der RWE-Firmenzeitschrift – bei der Lagerverwaltung der Zweigstellen mit. Für insgesamt 100.000 Posten ermittelte es die Bestands- und Wertveränderungen, außerdem half es bei der jährlichen Inventur.

Zurück in Paderborn: Das Foto zeigt die Fertigung in der Kasseler Straße im Jahr 1958.

Neben der Divisionsmaschine entstand ein zweites Gerät, ein elektronischer Sortierer ohne mathematische Fähigkeiten. Es war ebenfalls ein Auftrag der RWE und lief im Dezember 1952; über seine Technik wissen wir nur wenig. Leider gingen der Dividierer und der Sortierer im Lauf der Zeit verloren. Das erste LfI-Erzeugnis, das der Nachwelt erhalten blieb, war der Elektronensaldierer, der kurz nach dem „Rechenwunder“ fertig wurde. Ihn kann man im Heinz-Nixdorf-Kabinett in der Galerie der Pioniere des HNF besichtigen.

Der Saldierer ES 24 und der darauffolgende Elektronenmultiplizierer EM 20 waren die ersten Serienprodukte des Labors für Impulstechnik. Sie gingen auch an Bull, den französischen Hersteller von Lochkarten-Technik, der sie unter eigenem Namen verkaufte. In Essen musste Heinz Nixdorf bald neue Räume anmieten. 1955 hatte er sieben Mitarbeiter und 272.000 DM Umsatz; der Reingewinn betrug 75.000 DM. 1957 zog Nixdorf nach Paderborn in die Kasseler Straße 40. 1960 erarbeiteten sechzig Angestellte einen Umsatz von 3,1 Millionen DM. Der Jahresgewinn lag bei 823.000 DM.

In Bad Harzburg auf dem Burgberg: Chef und Belegschaft des LfI 1958 beim Betriebsausflug. Wenn man das Foto anklickt, wird es größer.

1961 eröffnete Heinz Nixdorf ein neues Gebäude an der Paderborner Pontanusstraße. Der Rest ist, wie man sagt, Geschichte. 1965 betrat die Firma mit der von ihr ausgestatteten Wanderer Logatronic den Markt der Mittleren Datentechnik. Zu ihr entdeckten wir noch einen Film von 1967; er zeigt das Modell für England. 1968 überführte Nixdorf die Kölner Wanderer Werke in die Nixdorf Computer AG. Am 23. April 1969 erwarb die neue NCAG das alte LfI. So wie ihr Anfang wurde auch ihr Ende zurückdatiert, auf den 1. Oktober 1968. Demnach florierte das Labor für Impulstechnik genau sechzehn Jahre und drei Monate.

Die Bilder unten sind die einzigen Zeugnisse der LfI-Divisionsmaschine, die wir besitzen. Sie standen im Artikel „Elektronische Rechenmaschine“ von Josef Lücking, der in Heft 5/1955 der Zeitschrift „RWE-Verbund“ erschien; der Autor war Heinz Nixdorfs Ansprechpartner in der RWE. Wir bedanken uns bei Hans-Georg Thomas und dem Historischen Konzernarchiv der RWE AG für den Scan und die Erlaubnis, ihn im Blog benutzen zu können. Das Hochtiefhaus im Eingangsbild gibt es noch, es steht aber leer und soll abgerissen werden.

(Copyright Historisches Konzernarchiv, RWE AG Essen)

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