Heinz Zemanek (1920-2014)

Geschrieben am 31.12.2019 von

In seinem langen Leben schuf er unter anderem kybernetische Automaten, eine formale Sprache zur Definition von Programmiersprachen, eine Ausstellung zur Geschichte der Rechentechnik und den einzigen Computer made in Austria, der den schönen Namen Mailüfterl trug. Geboren wurde Heinz Zemanek am 1. Januar 1920 in Wien. Er gilt als der Vater der Informatik in Österreich.

„Der Name ist typisch österreichisch, nämlich die Leistung unterspielend und – wie mir scheint – nicht sehr glücklich gewählt.“ Diese Aussage findet sich in den Erinnerungen des früheren Bundeskanzlers Josef Klaus (1910-2001); er regierte nicht in Bonn, sondern natürlich in Wien. Der Name lautete Mailüfterl und bezeichnetet einen Computer. Doch ehe wir genauer auf ihn eingehen, sei zunächst der Konstrukteur vorgestellt.

Heinz Zemanek wurde am 1. Januar 1920 – oder 1. Jänner, wie die Österreicher sagen – in Wien geboren. Die Familie zog kurz darauf nach Slowenien, doch kehrte sie nach einigen Jahren wieder zurück. Die Grund- und Oberschule besuchte Zemanek in Wien; ab 1937 studierte er an der Technischen Hochschule Nachrichtentechnik. 1940 wurde er Soldat und diente auf dem Balkan und in Griechenland. Von 1943 bis 1945 betrieb er Radarforschung für die Luftwaffe in Wien, Berlin und Ulm. Daneben erwarb er 1944 sein Ingenieur-Diplom.

Heinz Zemanek und sein Diplomand Richard Eier um 1960 an der Labyrinthmaus. (Foto „Urania-Universum“ VII/1962, S. 58)

1946 kehrte Heinz Zemanek in seine Vaterstadt zurück. 1947 wurde er wissenschaftliche Hilfskraft und danach Assistent am Institut für Schwachstromtechnik der TH Wien. 1951 promovierte er. Er machte sich mit den Fortschritten der Elektronik und der elektronischen Rechentechnik vertraut, baute aber auch eine „Universal-Relais-Rechenmaschine“. Als Assistent betreute er Diplom- und Doktorarbeiten, etwa für die Logikmaschine LRR1 – sie steht seit 1988 im Deutschen Museum – und für mehrere kybernetische Automaten.

Seine Studenten entwickelten die Schildkröten von Grey Walter, den Homöostaten von Ross Ashby und die Labyrinthmaus von Claude Shannon weiter. Die Modelle verwahrt heute das Technische Museum in Wien; von den Schildkröten gibt es sogar zwei Nachbauten. 1955 begann Heinz Zemanek mit dem Bau eines Computers, ermutigt durch eine Finanzspritze von 30.000 Schilling. Zum Vergleich: Ein Arbeiter verdiente damals 2.000 Schilling im Monat. Zemanek hatte im Projekt freie Hand, denn der zuständige Lehrstuhl war verwaist.

Für den Elektronenrechner reichten 30.0000 Schilling nicht; es halfen Spenden des Vereins Österreichischer Banken und Bankiers. Einen Mitarbeiter finanzierte die Zuse KG; der so geförderte Rudolf Bodo wirkte später am Bau der Zuse Z23 mit. Philips stiftete 3.000 Transistoren und 5.000 Dioden; andere Firmen gaben Speicherringe, Widerstände und Kondensatoren. Der Name Mailüfterl wurde durch den riesigen Röhrenrechner Whirlwind inspiriert; ihn konstruierte Jay Forrester in den frühen 1950er-Jahren im Massachusetts Institute of Technology.

Das Mailüfterl im Technischen Museum Wien. Mit einer Breite von vier Metern war es eher ein kleiner Großrechner. (Foto Dr. Bernd Gross CC BY-SA 4.0)

Heinz Zemaneks Computer war 1958 fertig; am 27. Mai lief ein Testprogramm. Damit war er einer der ersten, vielleicht sogar der erste europäische Transistorrechner. Größere Aufgaben kamen 1959; binnen sechzig Stunden löste das Mailüfterl – wir sind in Wien – ein Problem aus der Musiktheorie.  Am Jahresende hatten sich 3.500 Betriebsstunden angesammelt, im Dezember 1960 waren es 5.440 Stunden. Im Mai 1961 rechnete die Maschine mit der Programmiersprache ALGOL. Wenig später zog sie ins neu gegründete IBM-Laboratorium um; sein Leiter hieß Heinz Zemanek. 1964 wurde er auch Professor an seiner Hochschule.

Im Wiener IBM-Labor befassten sich Zemanek und sein Team vor allem mit der formalen Definition der Programmiersprache PL/I. Im Zuge ihrer Arbeit entstanden die „Vienna Definition Language“ VDL und die „Vienna Development Method“ VDM. Sie entwickelten außerdem ein Telefon-Antwortgerät für Tabellenabfragen, das zur IBM-360-Familie gehörte. Von 1971 bis 1974 war Zemanek Präsident des internationalen Informatik-Verbandes IFIP. 1977 wurde er zum Ehrenmitglied der IFIP gewählt.

1971 schuf das Designer-Ehepaar Charles und Ray Eames für die New Yorker IBM-Zentrale die Ausstellung A Computer Perspective. Heinz Zemanek besuchte sie und war beeindruckt. Mit seinem Assistenten Gerhard Chroust erstellte er im August 1973 eine reduzierte Version; sie wurde auf dem Kongress des Internationalen Statistischen Instituts in Wien gezeigt. 1974 kam eine erweiterte Fassung ins Technische Museum der Stadt. Sie enthielt zwölf Vitrinen mit Text-Bild-Wänden und kleineren Objekten aus der Geschichte der Rechentechnik.

Heinz Zemanek 2005 im Bautzener Zuseum.

1975 erhielt das Museum auch den Mailüfterl. Im gleichen Jahr schloss Big Blue das Wiener Laboratorium. Zemanek blieb der Trost, 1976 zum „IBM-Fellow“ zu werden und nach Lust und Laune forschen zu können. Er tat es zweieinhalb Jahre lang bei der IBM Deutschland in Böblingen. Danach konzentrierte er sich auf Arbeiten zur IT-Geschichte. Wir sehen ihn hier 2006 bei einem Vortrag über das Mailüfterl. Dieses ist und bleibt der einzige Computer, der jemals in Österreich gebaut wurde.

Heinz Zemanek starb am 16. Juli 2014 in seiner Geburtsstadt Wien. Seine Ausstellung zur Computergeschichte gelangte auf verschlungenen Wegen – und ohne die Exponate zur Rechentechnik – ins Depot des Zuseum; die Bildungsstätte für Technik und Informatik liegt im sächsischen Bautzen. Wir bedanken uns dort für die Erlaubnis, das obige Foto nutzen zu können. Zum Schluss wünschen wir unseren Lesern noch alles Gute für das Jahr 2020.

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Ein Kommentar auf “Heinz Zemanek (1920-2014)”

  1. 31l12l19

    Email: Fred Brooks to Norbert Ryska

    „I remember Heinz (Zemanek) as a sweet man, with a great sense of humor. The „Mailüfterl“ name is a good example. Several new and experimental machines had followed the „Whirlwind“ example to boast about their speeds.

    His work on the formalization of PL/I was very fine and led to further formalizations.

    I’ve had no contact with IBM in many years. They didn’t even invite me to their
    celebration of the 50th anniversary of the System/360.“

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