Telefon durch den Ozean
Geschrieben am 25.09.2026 von HNF
1858 verband ein unterseeisches Telegrafenkabel England und die USA. Ein knappes Jahrhundert später konnte man durch den Atlantik telefonieren. Am 25. September 1956 wurde in London, New York und der kanadischen Hauptstadt Ottawa das Doppelkabel TAT-1 eingeweiht. Es lag auf dem Meeresgrund zwischen Schottland und Neufundland und ermöglichte Gespräche von Europa nach Amerika und zurück.
„Hier ist Cleo Craig in New York für Dr. Hill in London. Guten Tag!“ So begann vor siebzig Jahren, am 25. September 1956, eine neue Ära der telefonischen Kommunikation. Cleo Craig leitete den Aufsichtsrat des amerikanischen Telefonkonzerns AT&T und rief den englischen Postminister Charles Hill an; hier kann man ab Minute 0:40 zuhören. Das Besondere war, dass das Gespräch nicht über Funk erfolgte, sondern zum größten Teil durch ein Kabel lief, das seit kurzem auf dem Grunde des Atlantiks lag.
Seit Erfindung der elektrischen Telegrafie war der atlantische Ozean eine Herausforderung für Technikpioniere. 1858 legten ein englisches und ein amerikanisches Schiff das erste Unterseekabel; es verband die heutige Republik Irland mit der vor Kanada liegenden Insel Neufundland. Leider funktionierte das Kabel nur vom 16. August bis zum 1. September des genannten Jahres. Eine zuverlässige Telegrafenstrecke gab es 1866 durch den Einsatz des Riesendampfers Great Eastern; wir haben ihn im Blog geschildert.

Im TAT-1-Kabel umgibt die Leitung eine Polyäthylen-Isolierung und der Rückleiter. Links sitzt die Armierung aus Stahldrähten. (Foto Geni CC BY-SA 4.0 seitlich beschnitten und gedreht)
Nach der Telegrafie kam 1876 das Telefon mit dem System von Alexander Graham Bell und in den 1890er-Jahren die drahtlose Telegrafie von Guglielmo Marconi. Danach beschäftigten sich Funkexperten und Technikfirmen mit der Ausstrahlung von Sprache und Musik. Am 22. Dezember 1920 sendete die Station Königs Wusterhausen der deutschen Reichspost ein Weihnachtskonzert. Im Januar 1927 eröffneten die Firma AT&T und die englische Post eine Funkbrücke für Telefonate über den Nordatlantik. Im Oktober 1927 wurde sie, wie in der stummen Wochenschau zu sehen, auf Kanada ausgedehnt.
Parallel dazu entwickelte sich die submarine Telefonie. Schon 1891 lief ein Kabel durch den Ärmelkanal, 1921 verknüpfte ein anderes Florida und Kuba. 1943 rüstete die britische Post eine Telefonverbindung auf dem Grund der Irischen See mit einem zusätzlichen Verstärker aus. 1950 platzierte der englische Kabelleger „Lord Kelvin“ eine neue Leitung von Kuba zum amerikanischen Festland. Sie umfasste zwei Kabel, die Havanna mit Key West auf Florida verbanden und jeweils drei Verstärker enthielten. Sie werden hier näher beschrieben – bitte PDF-Seite 67 aufsuchen – und hier im Film gezeigt.
Die „repeaters“ stammten aus den Bell-Laboratorien, dem Forschungsinstitut der AT&T. Sie ermöglichten auch die Leitung, die im Jahr 1956 wie oben geschildert den Dienst aufnahm. Das Projekt Transatlanic No. 1 oder TAT-1 war ein Gemeinschaftsunternehmen der AT&T, der englischen Post und der Canadian Overseas Telecommunications Corporation. Dahinter stand der Wunsch, die nicht immer funktionierende Funktechnik – die Güte der 60-Kilohertz-Strecke hing vom Zustand der Atmosphäre ab – durch eine feste Verbindung zu ersetzen.

Verstärker des TAT-1-Kabel – bitte zum Vergrößern anklicken! (Foto Science Museum Group CC BY-NC-SA 4.0 seitlich beschnitten)
TAT-1 startete offiziell am 1. Dezember 1953, die Kosten summierten sich auf gut vierzig Millionen Dollar. Die Hauptarbeit leisteten das englische Schiff Monarch und seine Crew; das Schiff ist im Eingangsbild zu sehen. Auf Fahrten in den Sommern 1955 und 1956 legte es auf dem Meeresboden zwischen der schottischen Insel Kerrera und Neufundland zwei Kabel ab. Jedes maß rund 2.800 Kilometer, senkte sich auf eine Tiefe von vier Kilometern und enthielt neben der zentralen Leitung 51 Bell-Labs-Verstärker. Da sie nur elektrische Wellen aus einer Richtung durchließen, benötigte ein Telefonat stets zwei Kabelstrecken.
Das fertige System übertrug mit einem Multiplex-Verfahren 35 Gespräche; die Bandbreite betrug vier Kilohertz. Ein weiterer Kanal fasste bis zu 22 Telegramme. Schon im April 1955 legte die „Monarch“ ein Kabel von Neufundland zur benachbarten Halbinsel Nova Scotia. Dabei konnte man Verstärker nutzen, die Telefonate aus beiden Richtungen akzeptierten. In Nova Scotia gab es eine Mikrowellen-Verbindung zur amerikanischen Grenze. Nach der Einweihung von TAT-1 wurde die Zahl der Telefonkanäle nach und nach auf 72 erhöht. Die Gebühren lagen zwischen neun und zwölf Dollar für die ersten drei Minuten.
TAT-1 bestand bis 1978. Wer mehr zum System wissen möchte, sollte diese Seite studieren; dieser Artikel bringt Details über die Verstärker, hier geht es zu einem Film über das Projekt. Nach Anmeldung im Internet Archive kann man Voice Across the Sea von Arthur C. Clarke lesen; das Buch schildert die Geschichte der Transatlantik-Kabel von 1858 bis 1957 und ist die beste Einführung ins Thema. Ebenfalls nach Anmeldung zugänglich sind „Gespräche unter Wasser“ aus dem Jahrbuch Das neue Universum von 1957, siehe Seite 111.