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Eine Depesche von Reuters

Geschrieben am 13.10.2026 von

Am 14. Oktober 1851 eröffnete der deutsche Einwanderer Julius Reuter in London ein telegrafisches Büro. Es verschickte Wirtschaftsinformationen und ab und zu politische. Daraus wurde die größte Nachrichtenagentur der Welt. Im 19. Jahrhundert bildete sie ein Kartell mit Havas in Paris und Wolffs Telegraphischem Bureau aus Berlin. Seit 2008 gehört Reuters zu einem kanadischen Medienkonzern.

„Während des Baues dieser Linie lernte ich den Unternehmer der Taubenpost zwischen Köln und Brüssel kennen, Herrn Reuter, dessen nützliches und einträgliches Geschäft durch die Anlage des elektrischen Telegraphen schonungslos zerstört wurde. Als Frau Reuter, die ihren Gatten auf der Reise begleitete, sich bei mir über diese Zerstörung ihres Geschäftes beklagte, gab ich dem Ehepaare den Rat, nach London zu gehen und dort ein ebensolches Depeschen-Vermittlungsbureau anzulegen, wie es gerade in Berlin … durch einen Herrn Wolff begründet war. Reuters befolgten meinen Rat mit ausgezeichnetem Erfolge.“

Diese Passage findet sich in den Lebenserinnerungen, die Werner von Siemens um 1890 verfasste. Sie erwähnen die Telegrafenlinie, die er 1850 von Köln über Aachen zur belgischen Stadt Verviers legte. Julius Reuter betrieb seit April jenes Jahres einen Brieftaubendienst, der Börsendaten von Brüssel nach Aachen und von Aachen nach Brüssel brachte. Im April 1851 stand aber die Linie Verviers-Brüssel und ebenso die zur französischen Grenze und weiter nach Paris. Das Ehepaar Reuter beherzigte deshalb dem Ratschlag von Siemens; im Juni 1851 brach es nach London auf und blieb dort.

Julius Reuter, aufgenommen um 1870 in Paris

Reuter wurde am 21. Juli 1816 als Israel Beer Josaphat in Kassel geboren. Sein Vater war Rabbiner, die Familie kam aus dem nahen Witzenhausen. Der Junge machte eine Banklehre bei einem Vetter in Göttingen und arbeitete dann für ihn. In den 1830er-Jahren lernte er in der Stadt den Mathematiker Carl Friedrich Gauss und seinen Telegrafen kennen. 1845 heiratete Josaphat und konvertierte in London zum Protestantismus; dabei nahm er den Namen Paul Julius Reuter an. Ab 1847 führte er zusammen mit Joseph Stargardt eine Verlagsbuchhandlung in Berlin.

1848 floh Julius Reuter aus politischen Gründen nach Paris. Hier war er für Charles-Louis Havas tätig, der 1835 die allererste Nachrichtenagentur schuf. Zu seinen Kollegen zählte Bernhard Wolff, der 1849 in Berlin eine ganz ähnliche Agentur gründete, das Telegraphische Correspondenz-Bureau. Ab 1865 hieß es Wolffs Telegraphisches Bureau oder W.T.B. 1849 startete Julius Reuter in Paris ebenfalls einen Dienst, der Nachrichten an Abonnenten schickte. Er rentierte sich aber nicht, weshalb Reuter nach Deutschland zurückkehrte und Brieftauben von und nach Aachen fliegen ließ. Das war der Kaufvertrag für die Boten.

Reuters erste Anzeige vom 13. Oktober 1851

Im September 1851 wurde ein Telegrafenkabel durch den Ärmelkanal gelegt; die Einweihung der Linie von England nach Frankreich erfolgte am 13. November. Schon am 14. Oktober 1851 eröffnete Julius Reuter direkt neben der Londoner Börse ein Telegraphic Despatch Office. Einen richtigen Namen scheint das junge Unternehmen noch nicht besessen zu haben, erst 1865 ist die Bezeichnug Reuter’s Telegram Company belegt; ab 1916 hieß man nur noch Reuters. Seit 1976 befindet sich an der alten Adresse ein Denkmal des Firmengründers.

Julius Reuter versorgte die Kunden mit Wirtschafts- und Börsendaten, nach und nach fügte er Meldungen zur Politik hinzu. Dafür knüpfte Reuter ein Netz von Zulieferern; sein erster Chefredakteur war der in Wien geborene Sigmund Engländer. 1857 wurde Reuter britischer Staatsbürger. 1858 übernahm die Londoner „Times“, die wichtigste englische Tageszeitung, seine Depeschen. Kriege in Europa und den USA steigerten das Interesse der Leser am Weltgeschehen; neue Telegrafenstrecken sorgten für den Nachschub an Meldungen.

Creed-Fernschreiber 1930 (Foto Bundesarchiv Bild 183-2008-0516-500 CC-BY-SA 3.0 DE)

Ein frühes Porträt der Agentur lieferte der Artikel Who is Mr. Reuter ? von 1861; zwölf Jahre später schrieb „Die Gartenlaube“ über das Hauptbureau des Weltverkehrs. 1871 erhob Fürst Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha, ein Schwager von Königin Victoria, Julius Reuter zum Freiherrn. Ab 1891 durfte er den Titel in England führen und war Baron, er selbst, die Kinder und Enkel führten den Namen „de Reuter“. Sein Wappen zierte die Erde mit vier Blitzen drumherum, das Motto lautete „per mare per terras“ – durch Meer und Land.

Anfang 1870 teilten die Nachrichtenagenturen Reuter, Havas und W.T.B. die Erde unter sich auf. Die Londoner berichteten aus dem Vereinigten Königreich, dem britischen Empire und dem Fernen Osten, den Parisern gehörten Frankreich und seine Kolonien, Spanien, Italien und Südamerika, an die Berliner fielen Deutschland, Skandinavien und Russland. Besondere Regelungen bestanden mit dem Wiener Korrespondenz-Bureau und der amerikanischen Agentur Associated Press. Das Kartell hielt bis zum Ersten Weltkrieg.

Elektronischer Börsenticker: der Stockmaster von Reuters und dem US-Hersteller Ultronic (Foto Museumsstiftung Post und Telekommunikation CC BY-SA 4.0 seitlich beschnitten)

1878 übergab Julius Reuter die Firma an seinen ältesten Sohn Herbert und lebte die meiste Zeit an der Riviera. Er starb am 25. Februar 1899 in seiner Villa in Nizza. Herbert de Reuter erschoss sich 1915 nach dem Tod seiner Frau, die Agentur wurde danach von zwei Managern erworben und Reuters genannt – ohne Apostroph. Ab 1941 gehörte sie dem Reuters Trust, einem Presseverband. 1984 erfolgte der Börsengang. 2006 zog Reuters aus dem Londoner Zeitungsviertel in das neue Finanzzentrum Canary Wharf. Seit 2008 ist das Unternehmen ein Teil des kanadischen Medienkonzerns Thomson Reuters.

Seit Ausbreitung des Telegrafen folgte es dem Fortschritt der Technik und zählte zu den frühen Anwendern von Telefon, Schreibmaschine, Fernschreiber und Funktelegrafie; für Börsendaten setzte es 1964 das elektronische System Stockmaster ein. 2026 ist Reuters nach eigenen Angaben die größte Nachrichtenagentur der Welt und beschäftigt in 165 Ländern 2.600 Journalisten. Sie erstellen jährlich zwei Millionen Berichte, dazu kommen anderthalb Millionen Fotos und 130.000 Videos. 2025 nahm Reuters 853 Millionen (US-) Dollar ein. Zum Vergleich: Die dpa erwirtschaftete im selben Jahr 107,4 Millionen Euro.

Total digital: Reuters-Filiale 1988 in Bonn im mittlerweile verschwundenen Bonn-Center (Foto Bundesarchiv B 145 Bild-F079048-0032 CC-BY-SA 3.0 DE)

Die Karriere von Julius Reuters und seiner Agentur erzählen dieses und – bitte im Internet Archive anmelden – dieses Buch sowie ein Film von 1940. Im Oktober 1962 wurden in Aachen ein Zeitungsmuseum eröffnet und eine Gedenktafel an Reuters alter Adresse enthüllt, die Wochenschau berichtet ab Minute 2:50. Wir empfehlen außerdem die Adresse THE BARON. Zudem lohnt sich ein Blick auf die Reuters-Seite zum 175. Gründungstag. Sie führt zu historischen Ereignissen, die die Agentur als Erste verkündete, darunter einem in Berlin. Unser Eingangsbild entstand 1942 im Fernschreiber-Raum der „New York Times“.

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