Museum der Informationsgesellschaft

Geschrieben am 24.10.2016 von

Vor zwei Jahrzehnten, am 24. Oktober 1996, wurde das Heinz Nixdorf MuseumsForum eröffnet. Es war das erste große Computermuseum in einem eigenständigen Haus und ist von der Fläche das größte der Welt. Die Festrede hielt Bundeskanzler Helmut Kohl. Dabei verwendete er einen Begriff, den er selbst einst in die Politik eingeführt hatte – den der Informationsgesellschaft.

„Bis in die späte Nacht hatten in Paderborn die Bohrmaschinen und Stichsägen geheult. Als der Morgen graute, feilte der Kurator immer noch an den Texten der Objektbeschilderung. Der Lohn der Hektik: Bundeskanzler Kohl persönlich adelte am vergangenen Donnerstag das ‚Heinz Nixdorf Museumsforum‘ durch Eröffnungsvortrag und Begutachtung der Exponate.“

Soweit unser liebstes Hamburger Nachrichtenmagazin – das Zitat stammt aus dem Heft vom Montag, dem 28. Oktober 1996. Der „vergangene Donnerstag“ war der 24. Oktober 1996, und an diesem Tag wurde das Heinz Nixdorf MuseumsForum eröffnet. Prominentester Referent war Helmut Kohl, doch sei seine Vorrednerin Anke Brunn nicht vergessen. Sie war Ministerin für Wissenschaft und Forschung von Nordrhein-Westfalen und hatte jahrelange Computererfahrung. Denn von 1966 bis 1975 arbeitete sie im Rechenzentrum der Universität Köln.

Zur Vorgeschichte des HNF möchten wir auf die historische Übersicht unserer Homepage verweisen. Die im Text erwähnten Nixdorf-Stiftungen sind die Heinz Nixdorf Stiftung und die Stiftung Westfalen; letztere ist der Träger des Museums. Den Vorstand der beiden Stiftungen leitete damals Gerhard Schmidt, Rechtsanwalt, langjähriger Berater von Heinz Nixdorf und von 1969 bis 1989 Aufsichtsratsvorsitzender der Nixdorf Computer AG.

Dr. Gerhard Schmidt

Dr. Gerhard Schmidt (Foto ww.dr-gerhard-schmidt.de/)

Die Eröffnung des HNF war aber nicht der erste Abstecher Helmut Kohls auf ein Nixdorf-Gelände. Im November 1984 hatte er bereits Heinz Nixdorf in Paderborn besucht und sich die Rechnerproduktion angeschaut. Zwei Jahre später war Kohl zugegen, als die neue Berliner Fertigungsstätte der Firma Nixdorf eingeweiht wurde. Sein Redetext ist leider nicht überliefert. Dafür können wir aber in voller Länge im Internet den Vortrag nachlesen, den er am 24. Oktober 1996 im HNF hielt.

Zwanzig Jahre später sind zwei Begriffe daraus noch von Interesse. Der erste ist Schulen ans Netz: So hießen eine Initiative und ein gemeinnütziger Verein, der von der Bundesregierung und der Deutschen Telekom gefördert wurde. Von 1996 bis 2001 bewirkte jener Verein, dass sämtliche allgemein- und berufsbildenden Schulen in Deutschland einen Internetanschluss erhielten. Das waren rund 34.000 Adressen. Zuvor konnten gerade einmal 800 Schulen ins Netz gehen.

Der zweite wichtige Begriff aus der Kohl-Rede ist die Informationsgesellschaft. Im Text taucht er sechsmal auf, das erste Mal im vierten Absatz. Das Wort war keine Erfindung des Kanzlers; als Urheber gilt der amerikanische Soziologe Daniel Bell. Es stand 1975 in seinem Buch „Die nachindustrielle Gesellschaft“; das US-Original erschien 1973. Bell meinte damit eine Welt, die auf vielfältige Weise und vor allem wirtschaftlich von der Informations- und Kommunikationstechnik abhängt.

Helmut Kohl benutzte das Wort im August 1976, allerdings in anderer Bedeutung. Am 3. Oktober 1976 stand die Wahl zum Bundestag an. Kohl war Kanzlerkandidat der CDU und hoffte auf eine Fernsehdebatte mit SPD-Kanzler Schmidt. Der wollte aber nicht. Im SPIEGEL machte Kohl seinem Ärger Luft: „SPIEGEL: Herr Kohl, Sie gieren nach dem Fernsehduell mit Helmut Schmidt, warum eigentlich? KOHL: Was heißt hier gieren, und was heißt Duell? Es ist schon eher grotesk, wenn man den Massenmedien hierzulande die Spielregeln der Informationsgesellschaft erklären muß.“

Norbert Ryska (links) und Theodor Rode, die ersten HNF-Geschäftsführer

Norbert Ryska (links) und Theodor Rode, die ersten HNF-Geschäftsführer, im Jahr 1995

Das war das letzte SPIEGEL-Gespräch, das Helmut Kohl führte. Klar wird jedenfalls, dass er eine Informationsgesellschaft durch den freien Zugang zu Nachrichten und Medien definierte. Dies erinnert an die „Informierte Gesellschaft“, die der in Karlsruhe lehrende Computerpionier Karl Steinbuch 1966 in einem Buch beschrieb. Von den 1970er-Jahren an vertrat Steinbuch betont konservative Positionen und trat 1975 auf einem CSU-Parteitag auf. Kohl hat ihn sicher einmal getroffen.

1976 wurde Kohl noch nicht Kanzler. 1982 klappte es dann, und zu den Maßnahmen seiner christlich-liberalen Koalition zählte eine neue Medienpolitik. Unter anderem entstanden private Fernsehsender. Parallel entwickelte sich in der Bundesrepublik auch eine Informationsgesellschaft im ökonomischen Sinne. Das zeigten die zunehmenden Verbreitung von Mikrocomputern und mikroelektronischen Systemen wie auch der wirtschaftliche Erfolg von Computerfirmen wie Nixdorf.

Bei der Eröffnung des HNF berücksichtigte Helmut Kohl beide Bedeutungen des Begriffs Informationsgesellschaft, das Marktsegment und den Kommunikationsraum. Das Ende seiner Rede wies aber nur in eine Richtung: „Der freie Austausch von Informationen und Meinungen ist eine Gefahr für autoritäre und diktatorische Regime. Er ist Grundlage für Freiheit und Demokratie. Er entspricht unserem Bild vom Menschen, der in eigener Verantwortung über sich selbst bestimmt.“ Heute gibt es in Paderborn mit dem HNF nicht nur ein Museum der Informationsgesellschaft, sondern auch eine Universität, die den Begriff offiziell im Untertitel trägt.

Unser Eingangsbild zeigt den Kanzler beim Rundgang durch das Museum. Links von ihm erkennt man Martin Nixdorf, ältester Sohn von Heinz Nixdorf. Er ist seit 2009 der Vorstandsvorsitzende der Nixdorf-Stiftungen. Das Foto unten zeigt die Professoren Gerhard Diel (links) und Ludwig Thürmer (rechts), die Architekten und –gestalter des HNF. Zwischen ihnen steht Nixdorf-Veteran Willi Lenz, der das Museumsprojekt in den späten 1980er-Jahren am Leben hielt.

ThürmerDielLenz

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