Netzwerk für Jahrtausendmenschen

Geschrieben am 04.06.2016 von

Im Herbst 1973 erschien das Buch „Der Jahrtausendmensch“ des Zukunftsforschers Robert Jungk. Es stellte Projekte und Visionen einer demokratischen Technik vor. Dabei erwähnte Jungk auch schon das vier Jahre alte Computernetz ARPANET. Wenig später baute Ulrich Klotz, der einer „Roten Zelle“ nahe stand, für seine Diplomarbeit an der TU Berlin den wahrscheinlich ersten deutschen Mikrocomputer.

Am Abend des 29. Oktobers 1969 wurde die erste Botschaft über das Netzwerk ARPANET geschickt, ein Login-Befehl. Er ging von einem Computer in Los Angeles zu einem zweiten in Menlo Park bei San Francisco. Ein weiterer Netz-Rechner stand in Santa Barbara westlich von Los Angeles und der vierte im US-Bundesstaat Utah.

Aus diesen bescheidenen Anfängen entwickelte sich das weltumspannende Internet mit knapp dreieinhalb Milliarden Usern. Wann erfuhr aber die Öffentlichkeit von der Existenz des Netzwerks? Was die Bundesrepublik angeht, spricht einiges für das Jahr 1973. Damals waren Computer schon im Lande bekannt, Universitäten boten das Studium der Informatik an. Bei Netzen dachten die Bürger jedoch eher ans Telefon, und die Zukunft der Medien erwarteten sie von der Videokassette.

Die vielleicht erste deutsche Darstellung des ARPANET stammt von Wolfgang Händler, Professor im Institut für Mathematische Maschinen und Datenverarbeitung der Universität Erlangen. Im Mai 1973 erschien ein Arbeitsbericht, der die Erfahrungen einer siebenmonatigen USA-Reise zusammenfasste. Händler behandelte drei Themen: digitale Kartographie, neue Rechnersysteme und Computernetze. Das ARPANET lernte er vor allem an der Universität von Kalifornien in Berkeley kennen.

Robert Jungk (Foto Right Livelihood Award Foundation)

Robert Jungk wohl in den 1980er-Jahren         (Foto Right Livelihood Award Foundation)

Im Oktober des gleichen Jahres brachte der C. Bertelsmann Verlag das Buch „Der Jahrtausendmensch“ von Robert Jungk heraus. Geboren 1913 in Berlin, hatte sich Jungk einen Namen als Sachbuchautor und Zukunftsforscher gemacht. Sein Erstling „Die Zukunft hat schon begonnen“ von 1952 schilderte die neuesten Entwicklungen in den USA einschließlich Raketenstarts, Fernsehen und Computer. Der Buchtitel wurde sprichwörtlich. Ein besonderes Anliegen von Jungk war dabei stets die Auswirkung der Technik auf den Menschen und die Gesellschaft.

„Der Jahrtausendmensch“ war eine Bestandsaufnahme der Welt um 1970. Jungk feierte aber nicht die Triumphe der Technik, von denen die Zeitungen schrieben, schon gar nicht die Mondflüge der NASA. Wie der Untertitel sagte, berichtete er aus den Werkstätten der neuen Gesellschaft, das heißt, über sanfte Technologien, kritische Wissenschaften, neue Methoden der Ökologie, Psychologie und Pädagogik, Bürgerinitiativen und Medienkooperationen. Nach 300 Seiten Text bringt das Buch noch mehr als 100 Seiten mit Adressen und Literaturhinweisen.

Im vierten Teil der Schrift mit dem Titel „Mehr Demokratie“ findet sich ein Kapitel über Kongresse im eigenen Wohnzimmer. Dort stellt Jungk gegen die Computernetze des Staates und der Industrie, die er nicht näher spezifiziert, Bürgernetze, parlamentarische Datenbänke (sic!) und oppositionelle Informationsspeicher. Es folgen auf Seite 259 und 260 drei Absätze über das ARPANET – wir haben sie an das Ende unseres Blogbeitrags gesetzt.

Robert Jungks Buch von 1973

Robert Jungks Buch

Wegen der Fülle des von ihm studierten Materials ist es verzeihlich, wenn ihm ein Fehler unterlief. Die zitierten Computerforschungszentren gehörten natürlich nicht der ARPA an, dem Forschungsbüro des Pentagon, sondern nutzten nur sein Netzwerk. Zu Jungks Quellen gehörte vermutlich ein visionärer Aufsatz von Joseph Licklider und Robert Taylor aus dem Jahr 1968. Licklider war so etwas wie der Vordenker des Internets, Robert Taylor initiierte als Angehöriger des Pentagon das ARPANET.

Im gleichen Monat, in dem „Der Jahrtausendmensch“ erschien, brach im Nahen Osten der Yom-Kippur-Krieg aus. Danach kamen die Ölkrise 1973/1974 und ein Jahr später ein gravierender Abschwung der Konjunktur. Neue Gesellschaften interessierten niemanden mehr. Robert Jungk widmete sich anderen Themen wie dem Atomstaat. Er propagierte aber noch seine Zukunftswerkstätten und bewarb sich 1992 als grüner Kandidat um das Amt des österreichischen Bundespräsidenten. Er starb 1994 in Salzburg. Sein Erbe bewahrt die nach ihm benannte Bibliothek.

Ans ARPANET wurde die Bundesrepublik erst 1984 angeschlossen. Allerdings entstand schon 1975 ein Gerät, das gut zu Robert Jungks Jahrtausendvisionen passte. Gemeint ist der Computer MCS-40, den Ulrich Klotz als Diplomarbeit an der Technischen Universität Berlin baute. Er verwendete einen Mikroprozessor Intel 4040 für 4 bit, eine Weiterentwicklung des Ur-Chips 4004 von 1971. Der MCS-40 besaß schon ein Betriebssystem und konnte über einen Teletype-Fernschreiber bedient werden.

Der Computer von Ulrich Klotz

Der Mikrocomputer von Ulrich Klotz

Eingesetzt wurde er in der universitären Lehre als Ausbildungs- und Entwicklungssystem für Mikrocomputer. Heute ist der MCS-40 im Depot des HNF. Unser Eingangsbild zeigt ihn und seinen Erbauer bei einem Treffen von Freunden alter Computer in Berlin. Die Firma Nixdorf kennt Ulrich Klotz gut: Er arbeitete nach dem Diplom im Berliner Forschungszentrum. Später war er an der TU Hamburg-Harburg tätig und ab 1987 im Vorstand der IG Metall. Neben vielen Aufgaben als Dozent, Stiftungsprofessor, Berater und Gutachter verfasste er Hunderte von Publikationen zu Arbeit, Technik und Innovation.

Jene Themen interessierten Klotz schon in der Studienzeit, als er der Roten Zelle Kybernetik/Elektrotechnik angehörte. Neben der Rotzkybel gab es in Berlin weitere radikale Uni-Gruppen wie Rotzmath, Rotzmed, Rotzphys und Rotzjur. Er hörte aber auch Vorlesungen zur Zukunftsforschung bei dem politisch gemäßigten Robert Jungk, der Honorarprofessor an der TU Berlin war. Diese war in den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren eine Werkstatt der neuen Gesellschaft.

Wir bedanken uns bei Ulrich Klotz für weiterführende Informationen und bei Detlef Borchers für die Erlaubnis, sein Foto nutzen zu dürfen. Es folgt nun Robert Jungks Internet-Bericht von 1973.

 

 

 

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