So könnten wir denken

Geschrieben am 07.07.2020 von

Vor 75 Jahren erschien in der amerikanischen Zeitschrift „Atlantic“ ein Artikel über die Zukunft der Informationstechnik. Der Ingenieurprofessor und Wissenschaftsorganisator Vannevar Bush hatte ihn verfasst. In seinem Text skizzierte Bush den Memex. Damit konnte man Mikrofilme lesen, neue Daten auf Film speichern und mit den bestehenden verknüpfen. Der Memex nahm das Prinzip des Hypertextes vorweg.      

Die Freunde der Computergeschichte kennen Vannevar Bush vor allem als den Erfinder des Differentialanalysators. Der programmierbare mechanische Analogrechner lief ab 1931 im Massachusetts Institute of Technology und löste komplizierte Gleichungen. Nachbauten entstanden in England, Norwegen, Japan und natürlich in den USA. Ähnliche Geräte fertigte nach dem Krieg die Firma Schoppe & Faeser im ostwestfälischen Minden.

Vannevar Bush wurde 1890 in Everett bei Boston geboren; der Vater war Pastor, die Großväter fuhren zur See. Er studierte Elektrotechnik im nahen Tufts College und am MIT; hier machte er 1916 seinen Doktor. Ab 1919 arbeitete Bush als Dozent am MIT; daneben verdiente er gutes Geld in der Rundfunkindustrie. 1932 wurde er Vizepräsident des MIT; 1939 wechselte er an die Spitze der Carnegie-Stiftung.  Von 1941 bis 1947 leitete er das Amt für wissenschaftliche Forschung und Entwicklung, das die Kriegsforschung der USA lenkte.

In den späten 1930er-Jahren befassten sich Vannevar Bush und einige Mitarbeiter, darunter Claude Shannon, mit dem Rapid Selector. So hieß eine Suchmaschine für Mikrofilme, die als lange Streifen hindurchsausten und mit Fotozellen abgetastet wurden. Es ist möglich, dass im Team die ältere Entwicklung von Emanuel Goldberg bekannt war. Mikrofotografie galt als die Zukunft der Informationsspeicherung; wir finden sie bereits 1930 im Roman „Das Automatenzeitalter“ des deutschen Utopisten Ludwig Dexheimer.

Vannevar Bush in den frühen 1940er-Jahren

Vom schnellen Auswähler kam Vannevar Bush zu einer Vision des Informationszeitalters. Eine Publikation im Jahr 1939 scheiterte jedoch, und im Krieg hatte Bush andere Sorgen. Sein Aufsatz erschien erst in der Juli-Ausgabe 1945 der Zeitschrift Atlantic. Der Titel lautete „As We May Think“ – so könnten wir denken. Nach dem Sieg über Deutschland kämpften die USA damals noch gegen Japan. Bush wusste aber von den Arbeiten an der Atombombe, und er hatte Grund zur Annahme, dass bald eine friedliche Nachkriegszeit anbrechen würde.

As We May Think füllte im Heft acht eng bedruckte Seiten ohne Illustrationen. Die ersten sechs skizzierten die künftige Foto-, Film- und Fernsehtechnik sowie Lochkartenmaschinen und den erwähnten Rapid Selector. Elektronische „arithmetical machines“ deutete Vannevar Bush kurz an. Die nächsten anderthalb Seiten schilderten ein neues System, den Memex. Der Name steht für „Memory Extender“ oder Gedächtnisverstärker. Die Memex-Passage des Aufsatzes liegt auch auf Deutsch vor, bitte zu PDF-Seite 6 gehen.

Der Memex ist primär ein Speicher- und Lesegerät für Mikrofilme; er enthält Bilder, Texte und Bücher im Kleinstformat. Im Unterschied zu gewöhnlichen Mikrofilmlesern muss man nicht mit Rollen hantieren, sondern kann direkt Titel anwählen und auf zwei Schirme projizieren. Man kann auch zwei oder mehr Quellen verknüpfen und Pfade anlegen, wie es im Aufsatz heißt. Das bietet die Möglichkeit, bei einer späteren Sitzung mit einem Text anzufangen und die verknüpften Dokumente aufzurufen. Was nichts anderes ist als das Hypertext-Prinzip.

Das bekannte Memex-Bild folgt der Illustrierten LIFE. Rechts ist die Tastatur und links die Kamera. In der Mitte sitzen die Bildschirme. Die schmalen Streifen deuten Mikrofilme an. (Grafik Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin, polygraphdesign.com)

Der Memex erlaubt außerdem das Kommentieren von Mikrofilm-Seiten und das Abspeichern von neuem Material. Dazu legt der Benutzer die Bilder, Buchseiten oder Papiere auf eine transparente Fläche und macht ein Sofortbild-Foto; dieses wandert umgehend auf einen Filmstreifen im Inneren des Memex. Damit ist das papierlose Büro geschaffen. Schließlich kann der User jede Quelle und jeden Pfad auf eine Filmrolle kopieren und sie an andere Interessenten weitergeben. Sie schauen sich dann alles auf dem eigenen Memex an.

Soweit die Erfindung von Vannevar Bush, so wie sie vor 75 Jahren im Druck erschien. Im September 1945 brachte die Illustrierte LIFE eine gekürzte Fassung von „As We May Think“; sie enthielt Bilder, die über den Urtext des Aufsatzes hinausgingen. Sie zeigten eine winzige Kamera, einen Diktierautomaten, einen Computer („Thinking Machine“) und zweimal den Memex. Die Grafiken schuf der italo-amerikanische Künstler Alfred Crimi. Den bekannten Blick ins Memex-Terminal skizzierte also nicht Vannevar Bush, sondern sein Illustrator.

Bushs Aufsatz gilt dennoch als der früheste Entwurf eines Hypertext-Systems. Er inspirierte die Netzpioniere Douglas Engelbart, J. C. R. Licklider und Ted Nelson. Ein weit verbreitetes Hypertext-Programm war 1987 HyperCard von Apple; die Computer Chronicles stellten den Urheber Bill Atkinson vor. Die jüngste Version des Memex-Konzepts ist natürlich das World Wide Web von Tim Berners-Lee. 1995 hielt er einen Vortrag bei der 50-Jahr-Feier von „As We May Think“. Er liegt ebenso als Video vor, bitte zu Minute 1:04:00 gehen.

Grafik aus dem US-Patent Nr. 2.295.000 für einen Rapid Selector-Calculator. Die Firma Kodak meldete es 1938 an. Ähnlich arbeitete vermutlich das Gerät von Vannevar Bush.

Der Memex selbst wurde nie realisiert. 1949 baute jedoch die Computerfirma ERA einen funktionierenden Rapid Selector. Er speicherte auf einem 600 Meter langen Filmstreifen 72.000 Mikrobilder. Das Gerät stand im amerikanischen Landwirtschaftsministerium, eine Beschreibung mit Fotos ist online. In den 1960er-Jahren bot IBM den schrankgroßen „Film Recorder“ IBM 2280 an, der Pläne auf Mikrofilm festhielt. Man konnte ihn zudem an den Monitor IBM 2250 anschließen. Ein Exemplar überlebte in einem Museumsdepot.

Seit 2015 können Besucher des Deutschen Technikmuseums in Berlin einen digitalen Memex ausprobieren. Er befindet sich im Schlussraum der Netz-Abteilung und ist im Eingangsbild zu sehen. Die Installation umfasst eine Tastatur, zwei Flachbildschirme und eine Digitalkamera; hinter den Kulissen wirken vier Raspberry-Pi-Prozessoren, ein Arduino-Controller und ein Datenbankserver. Weitere Details liefert ein Vortrag des Entwicklers Jörg Rädler; am Ende des Referats gibt es auch ein dreieinhalb Minuten langes Video.

Wer Vannevar Bush im Film sehen will, kann sich Atomic Power von 1946 anschauen. Die Dokumentation stellte die Entwicklung der Atombombe mit den Zeitzeugen nach. Bush tritt bei Minute 8:45 auf und noch einmal bei Minute 14:30; damals trug man Schlips und Anzug bei einem Atombombenversuch. Ein kürzeres Interview ist aus dem Jahr 1963 überliefert. Vier Jahre später schrieb Vannevar Bush ein Update zu „As We May Think“ mit dem Titel Memex Revisited. Er starb 1974.

Schließen möchten wir mit einem Foto von Alfred Crimi aus dem Jahr 1944 – siehe unten. Er widmet sich dort einer Wandkarte zum Pazifik-Krieg, man erkennt den Frontverlauf. Das Bild stammt aus dem Archiv des Center for Migration Studies of New York.  Wir bedanken uns bei Eva Kudrass (Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin) herzlich für die Memex-Grafik; sie gehört zu der Installation in der Netz-Abteilung. We also thank Donald Kervin from the Center for Migration Studies for the permission to use the Alfred Crimi photo in our weblog.

Alfred Crimi bei der Arbeit (Foto Center for Migration Studies of New York)

 

 

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