Als das Radio das Rauschen verlor

Geschrieben am 07.09.2018 von

Die traditionellen Radiofrequenzen sind Mittelwelle und Langwelle. Vom 25. Juni bis 15. September 1948 tagte in Kopenhagen die Europäische Rundfunkkonferenz und legte die Frequenzen neu fest. Deutsche Teilnehmer waren nicht zugelassen. Der Kopenhagener Wellenplan trat im März 1950 in Kraft. Er brachte einige Nachteile für deutsche Hörer, führte aber auch zum Aufbau des neuen UKW-Rundfunks.

Der Strom kommt, wie jeder weiß, aus der Steckdose. Das Radio erreicht uns aus der Luft und über elektromagnetische Wellen. Sie haben Längen und Frequenzen, die ab und zu neu geordnet werden. Das machen die Internationale Fernmeldeunion ITU und ihre Mitglieder, weshalb alle paar Jahrzehnte Konferenzen stattfinden, wie die in Dänemark vor 70 Jahren.

Am 25. Juni 1948 betraten 32 Delegationen das Stadtschloss von Kopenhagen und nahmen ihre Plätze im Saal ein. Anschließend eröffnete Carl Petersen, der dänische Minister für öffentliche Arbeiten, die Europäische Rundfunkkonferenz. Sie sollte eine neue Regelung für die Standardfrequenzen des Radios erarbeiten, also für die Mittel- und die Langwelle. Der alte Wellenplan ging auf das Jahr 1933 zurück, seitdem war in der Welt eine Menge passiert. Die erste Arbeitssitzung der Konferenz fand am 28. Juni statt.

Deutsche Experten waren in Kopenhagen nicht dabei. Ein deutsches Reich gab es seit 1945 nicht mehr; der Kontrollrat der vier Siegermächte – er hätte eine Delegation autorisieren können – stellte im Februar 1948 die Arbeit ein. Deutschland blieb ein Thema der Konferenz, denn der Rundfunk in den vier Besatzungszonen musste ja geregelt werden. Die USA hatten jedoch nur den Status eines Beobachters, während die Sowjetunion mit drei Delegationen anrückte; neben der eigenen kamen die von Weißrussland und der Ukraine.

Der Vater des UKW-Rundfunks, der Amerikaner Edwin Armstrong (1890-1954)

Schon ab Januar 1948 trafen sich Abgesandte aus Belgien, England, Frankreich, Jugoslawien, Schweden, den Niederlanden sowie der Schweiz und der UdSSR zu Vorgesprächen in Brüssel. Sie entwarfen eine Frequenzliste, die die Konferenz in Dänemark weiter diskutierte; sie ging maßgeblich auf den niederländischen Physiker Balthasar van der Pol zurück. Jene Liste wurde mit gewissen Änderungen am 15. September 1948 verabschiedet; in Kraft trat sie am 15. März 1950. Man kennt sie heute als den Kopenhagener Wellenplan.

Sieben Länder verweigerten die Unterschrift unter den Plan: Ägypten, Island, Luxemburg, Österreich, Schweden, Syrien und die Türkei. Sie befürchteten einen schlechteren Empfang oder sträubten sich gegen die Teilung ihres Frequenzbands mit anderen Ländern. Die Deutschen mussten ihre Kanäle einfach akzeptieren. Jede Zone erhielt zwei Wellen mit reduzierter Senderstärke und eine weitere für den Rundfunk der Besatzungstruppen. Eine schwache Frequenz wurde dem damals eigenständigen Saarland zugewiesen.

Eine Frequenz für sich allein besaß keine deutsche Radiostation; von ferne konnte stets ein fremder Sender dazwischenfunken. Vier der acht zugeteilten Kanäle lagen oberhalb von 1.500 Kilohertz, in einem Bereich, der vielen älteren Radiogeräten verschlossen war. Der in der britischen Zone operierende NWDR – aus ihm wurden später NDR und WDR – sah 1949 für die Rundfunkversorgung „die Gefahr einer gewissen Verschlechterung“. Er versprach aber Abhilfe durch weitere Mittelwellen-Transmitter und ein neues UKW-Netz.

Auch der SPIEGEL schilderte die ultrakurzen Wellen. Die zugehörige Technik erfand vor allem der amerikanische Elektroingenieur Edwin Armstrong. In den späten 1930er-Jahren arbeiteten in den USA schon einige UKW-Sender, der Zweite Weltkrieg beendete aber ihre Aktivitäten. Charakteristisches Merkmal des UKW-Funks ist die quasioptische Ausbreitung – die Wellen laufen zum Horizont und kaum weiter – und die Frequenzmodulation. Auf Details möchten wir verzichten, wichtig ist, dass UKW-Sendungen so gut wie rauschfrei sind.

Das leerstehende Berliner Funkhaus 1955; es war bis 1956 eine sowjetische Enklave. Der RIAS nutzte eine der beiden in Kopenhagen beschlossenen Frequenzen für die US-Zone. (Foto Bundesarchiv, B 145 Bild-F003013-0010/Brodde/CC-BY-SA 3.0)

Auf der Ultrakurzwelle durften die westdeutschen Sender relativ frei agieren, mit ihr konnte man dem Wellenplan ein Schnippchen schlagen. Vertreter der Rundfunkanstalten, der Industrie und der Post einigten sich noch im September 1948 auf den Aufbau eines UKW-Netzes. Die Ingenieure machten Überstunden, und am 28. Februar 1949 meldete sich der Bayerische Rundfunk aus München-Freimann auf 90,1 Megahertz. Einen Tag später sendete der NWDR aus Hannover auf 88,9 Megahertz. Im Osten sendete ab 1958 Radio DDR II auf UKW und ab 1959 die „Berliner Welle“.

So begann die Erschließung des deutschen Äthers durch UKW. Die interessierten Hörer benötigten natürlich neue Hardware, die 1950 die erste Funkausstellung nach dem Krieg in Düsseldorf zeigte. Wer sich kein Radio leisten konnte, kaufte sich einen UKW-Vorsatz. Für die Mittel- und Langwelle galt ab März 1950 die in Kopenhagen beschlossene neue Ordnung. Sie brachte dem Norden der Bundesrepublik die befürchteten Interferenzen, vor allem in den Nachtstunden; der Süden kam etwas besser weg.

Das lag auch an den Amerikanern, die den Kopenhagener Wellenplan wenig beachteten. Sie unterschrieben ihn nicht, sondern verhandelten mit anderen Ländern über Nutzung oder Mitnutzung von Frequenzen. So sorgten sie für ihre Besatzungszone, die Bayern, Hessen und einen Teil Baden-Württembergs umfasste. Die nächste Europäische Rundfunkkonferenz fand 1952 in Stockholm statt; ihr Thema waren TV- und UKW-Kanäle. Die Westdeutschen nahmen teil, unterschrieben alles und hielten sich dann brav an die Regeln.

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Ein Kommentar auf “Als das Radio das Rauschen verlor”

  1. Wolfgang Coy sagt:

    Ultrakurzwelle-Geräte (UKW) wurden ab 1938 von der Wehrmacht zur Kommunukation u.a. zwischen Panzern (Kampfpanzer, Schützenpanzer, Panzerbefehlswagen…) eingesetzt – freilich in den Frequenzbereichen 27Mhz bis um 60MHz.

    Nix für de Funkausstellung.

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