Angriff aus dem All

Geschrieben am 18.06.2018 von

Vierzig Jahre ist es nun her, dass die Space Invaders die Erde attackierten. Am 19. Juni 1978 begann ihr Siegeszug in Japan, im Juli unterwarfen sie die USA. Die Bundesrepublik wurde 1980 erobert. Die Invasoren aus dem Kosmos brachten eine Fülle neuer Ideen in die Welt der Computerspiele und starteten die goldene Ära der Spielhallen.

Sie kamen aus der Tiefe des Raumes. Untermalt von pochender Technomusik, schlugen ihre Raketen irdische Bunker in Stücke, Widerstand leistete nur ein einsamer Laserschütze. Er hatte unbegrenzte Energiezufuhr und drei Leben, aber letztlich keine Chance gegen die kosmischen Kraken. Von ihm blieb im besten Fall eine Zahl in der Highscore-Tabelle.

Das ist der Inhalt des Videospiels „Space Invaders“. Die ersten Programme liefen am 19. Juni 1978 in japanischen Münzautomaten; danach war die Welt der Computerspiele nicht mehr dieselbe. Die Invasoren aus dem All bescherten ihrer in Tokio ansässigen Mutterfirma Taito einen Reingewinn von 500 Millionen Dollar. In Japan und im Rest der Welt mit Ausnahme des Ostblocks setzten sie eine Hochkonjunktur der Spielhallen in Gang.

Tomoshiro Nishikado im Jahr 2011  (Foto Jordan CC BY-SA 4.0)

Das erste erfolgreiche digitale Automatenspiel war Pong; der Amerikaner Nolan Bushnell und sein Unternehmen Atari stellten es 1972 vor. Es führte zu Nachfolgern sowohl in den USA als auch in Japan. Dort produzierte die schon erwähnte Firma Taito ab 1973 den Pong-ähnlichen „Davis Cup“. 1974 erschienen ein Autorennen und 1975 die Schießspiele „Western Gun“ und „Interceptor“; hier musste man Flugzeuge vom Himmel holen. Entworfen hatte alle der 1944 geborene Taito-Angestellte Tomohiro Nishikado.

1977 begann Nishikado mit der Arbeit an seinem nächsten Spiel. Inspirieren ließ er sich vom Atari-Produkt Breakout. Darin wird eine Kugel immer wieder gegen die Ziegel einer Mauer gelenkt; beim Aufprall verschwindet der getroffene Stein. Nishikado ersetzte die Kugel durch Energiestrahlen und die stationären Ziegel durch tintenfischartige Aliens, die hin und her und immer weiter nach unten rückten. Bei den Formen der fremden Wesen griff er auf die Marsianer aus dem Roman „Krieg der Welten“ von Herbert George Wells zurück.

Die bösen Marsianer aus dem „Krieg der Welten“

Das Resultat war das Spiel Space Invaders. Während die Schaltung von „Breakout“ noch 44 einzelne Chips aufwies, die Apple-Mitgründer Steve Wozniak verdrahtete, konnte Nishikado einen Intel-8080-Prozessor nutzen. Für den Kampfeslärm, die hypnotische Begleitmusik und das Jaulen des vorbeifliegenden UFOs sorgte ein Ton-Chip von Texas Instruments. Wenn sich die Außerirdischen durch Abschüsse reduzierten, rechnete der Mikroprozessor schneller, was eine besondere Dynamik ins Spiel brachte.

Als es im Juli 1978 in japanischen Spielhallen, Hotels, Kneipen und Bars eingeschaltet wurde, waren die Spieler begeistert. Es störte nicht, dass die Aliens unbesiegbar waren, es machte glücklich, wenn man lange durchhielt, viele Punkte erzielte und sich nach dem „Game over“ in der Bestenliste des Automaten eintrug. Ende 1978 hatte Taito mehr als 100.000 Geräte in Japan aufgestellt. Im Juli 1978 begann der Lizenzbau in den USA. 1980 übernahm Atari das Spiel für seine Konsole Atari 2600; so erreichte es auch den westdeutschen Markt.

Die Invasoren im Angriff – ganz unten ist die Laserkanone (Foto Jordiferrer CC BY-SA 3.0)

An 24. November 1980 schrieb der SPIEGEL über die Invasoren aus dem All, „einzelligen Tümpelbewohnern nicht unähnlich“. Er wiederholte auch die Legende, dass die japanische Nationalbank den Umlauf an 100-Yen-Münzen erhöhen musste, damit die Invader-Fans ihre Automaten füttern konnten. 100 Yen entsprachen etwa 80 Pfennig. Natürlich wurden die Münzen niemals knapp; es kam höchstens vor, dass Spielhallen das Wechselgeld ausging. Ein informativer Artikel zur Frühzeit des Spiels und zum 100-Yen-Mythos findet sich hier.

Sicher ist, dass die Space Invaders der Videospiel-Branche entscheidende Impulse gaben. Tomohiro Nishikado erfand das mehrfache Leben und die High-Score-Liste. Sein knapper aber wirkungsvoller Einsatz von Musik machte Schule. Durch seinen Erfolg wurde Japan eine Großmacht der digitalen Unterhaltung. Seine Aliens bereiteten den Weg für fernöstliche Computerhelden wie Pac-Man, Donkey Kong oder Prinzessin Zelda. Global läuteten die Space Invaders das Goldene Zeitalter der Arcade-Automaten ein.

Die „Invaders“ des HNF sind ein italienischer Nachbau des japanischen Automaten.

Die Ära endete Mitte der 1980er-Jahre, doch die Computerspiele blieben uns erhalten. 2017 verzeichnete die Branche weltweit einen Umsatz von rund 120 Milliarden Dollar, Tendenz steigend. Wer noch mehr von den Space Invaders hören möchte, findet im Netz ein Lied von 1979 und einen längeren Film zur japanischen Spielegeschichte. Und das sind die Space Invaders zum Selberspielen: die Pfeile setzen die Kanone, die Leertaste löst den Laser aus. Aber natürlich kann man auch im HNF auf die Außerirdischen ballern. Unser Eingangsbild zeigt ein Weltraumwesen des französischen Pixelkünstlers Invader.

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