Blicke in die Zukunft

Geschrieben am 27.03.2020 von

In den 1950er-Jahren erfand die RAND Corporation im kalifornischen Santa Monica das Delphi-Verfahren. Mit ihm kann man Prognosen erstellen; das Verfahren basiert auf einer Befragung von Experten, die mehrmals wiederholt wird. Von 1964 bis 2009 entstanden einige Delphi-Studien, die auch die Zukunft des Computers und des Internets erfassten. Wir haben sie uns einmal näher angeschaut.  

Die Zukunft! Seit Jahrtausenden versuchen Propheten, Hellseher, Astrologen und Science-Fiction-Autoren, sie zu enträtseln. In den späten 1950er-Jahren entstand in Kalifornien eine wissenschaftliche Prognostik. Ihr Urheber, die RAND Corporation in Santa Monica, nannte sie nach einem berühmten Orakel die Delphi-Technik. An ihrer Entwicklung wirkten auch zwei deutsche Emigranten mit, der Berliner Olaf Helmer und der in Hagen geborene Nicholas Rescher. Wir haben ihn im Blog bereits kennengelernt.

Eine Delphi-Studie umfasst zwei bis vier Runden, in denen eine Gruppe von Experten zu vorbereiteten Fragen Stellung nimmt. Oft geht es darum, wann bestimmte Erfindungen, wissenschaftliche Durchbrüche oder soziale Fortschritte zu erwarten sind. Die Antworten bleiben stets anonym. Nach jeder Runde werden sie gesammelt, aufbereitet und der Gruppe wieder vorgelegt. Die Experten revidieren ihre Schätzung oder vielleicht auch nicht. Das Endergebnis kann durchaus eine breite Fächerung der Jahreszahlen aufweisen.

Die erste große Zukunftsstudie veröffentlichte RAND 1964. Sie enthielt auch Aussagen zur Datentechnik. Bis 1990 sah sie Lehrmaschinen, Büroautomation mit Arbeitsplatzverlusten und automatische Büchereien mit Kopierdienst voraus. 1996 gab es Übersetzungscomputer und Haushaltsroboter. Über autonome Autos waren sich die Experten nicht einig, doch würden sie spätesten 2023 fahren. Bei zuhause ausgedruckten Zeitungen und Zeitschriften reichten die Erwartungen von 1992 bis 2021. Bei der Fernüberwachung der braven Bürger durch Vater Staat stimmten sie für ein „Niemals“.

Man erkennt, dass die Experten mal falsch und mal richtig lagen. So etwas wie das Internet wurde nur partiell prophezeit. Typisch waren optimistische Termine für die Raumfahrt. Für 1984 sagte RAND eine dauerhafte Mondstation voraus, zur Jahrtausendwende würden Menschen auf dem Mars landen. Dann sollte es auch Fusionsreaktoren und eine regionale Steuerung des Wetters geben. Die Delphi-Studie kann hier heruntergeladen werden; bei uns erschien sie 1967 als Buch mit dem Titel 50 Jahre Zukunft.

Von den Voraussagen der RAND Corporation springen wir 31 Jahre in die Zukunft und ins Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung in Karlsruhe. Das ISI gab 1995 die Resultate einer staatlich geförderten Untersuchung heraus. „Der Delphi-Report“ umfasste 256 Seiten; er schloss an eine ältere japanische Studie an. Die Fragen der Japaner wurden übersetzt und an deutsche Fachleute verteilt. Die Karlsruher Delphi-Aktion ging über zwei Runden, es wirkten insgesamt 3.534 Personen mit.

Das Ergebnis enttäuscht im Rückblick, jedenfalls in den Feldern Mikroelektronik und Informationsgesellschaft. So rechneten die Experten für die Zeit von 2002 bis 2012 mit Bürogeräten, die handschriftliche Texte lesen können. Parallel dazu würden Bildtelefone, Online-Systeme und Faxgeräte „Telearbeit“ ermöglichen. Für die Zeit von 1998 bis 2004 hielt das ISI-Orakel ein Multimedia-Gerät für möglich, „mit dem man nicht nur Schriften, Laute und Bilder eingeben, sondern gespeicherte Daten jederzeit zu Hause abrufen kann“.

„Der Delphi-Report“ wusste vom Internet, er vergaß aber das neu erfundene World Wide Web und verkannte die gewaltigen Auswirkungen des globalen Netzwerks. Ein paar Jahre später organisierte das ISI eine zweite Studie; die Kurzform der Resultate ging im Januar 1998 online. Zum Thema Computer und Internet erhielt die Delphi-Gemeinde 111 Thesen. In der ersten Runde nahmen  287 Personen Stellung, in der zweiten waren es noch 206. Wir beschränken uns auf ein Zitat von PDF-Seite 21 zum „Next Generation Internet“:

„Ein Internet der nächsten Generation wird realisiert, dessen Sicherheit hoch ist und das Informationen in Echtzeit übertragen kann, so daß Telefonservice und die Übertragung bewegter Bilder möglich sind. Die Mehrzahl aller Privathaushalte sendet und empfängt deshalb elektronische Post. Eine fortgeschrittene Breitbandverkabelung aller Haushalte in dicht besiedelten Gebieten bildet die dafür notwendige Infrastruktur (alles zusammen: 2003 bis 2009).“ Die E-Mails kamen, auf landesweite Breitbandkabel warten wir noch.

Unser nächstes Delphi-Projekt behandelte „Die Zukunft des Internet“; es ging im Jahr 2000 an die Öffentlichkeit. Initiatoren waren der Kommunikationswissenschaftler Klaus Beck, der Medienpolitiker Peter Glotz und der Unternehmensberater Gregor Vogelsang. Die Studie lief vom Sommer 1998 bis zum Frühjahr 1999. Die Experten kamen aus dem In- und Ausland, 480 beteiligten sich an der ersten und 360 an der zweiten Frage-Runde. Eine Übersicht über die Resultate erstellte Klaus Beck.

Die Delphi-Studie ahnte die Popularität des Smartphones und den Aufstieg der Online-Wirtschaft voraus. Neunzig Prozent der Befragten sahen aber in der Zukunft das Fernsehen als das zentrale Unterhaltungsmedium; eine Existenzkrise erwarteten sie nicht. Fast drei Viertel der Experten prognostizierten, dass die großen Medienkonzerne sehr bald auch die Netzkommunikation dominieren würden. Fremd wirkt heute die Annahme, dass bis zum Jahr 2010 virtuelle Stars an die Seite realer Prominenter treten würden.

Die letzte große Delphi-Analyse der Computerzukunft erschien zum Nationalen IT-Gipfel in Stuttgart 2009. Sie ist achtzehn Megabyte schwer und kann hier heruntergeladen werden. Sie erwähnte schon – man lese und staune – Facebook und Twitter und analysierte sogar die Aussichten der Künstlichen Intelligenz, siehe PDF-Seite 180. Prognosen wie „2020 sind weite Teile unseres täglichen Lebens digitalisiert“ oder „Spätestens im Jahr 2020 ist die Internetnutzung überwiegend mobil“ hören sich aber nicht originell an.

Allgemein neigen Delphi-Studien dazu, bestehende Tendenzen in die Zukunft zu verlängern; revolutionäre Neuerungen werden eher selten genannt.  Wie uns der Futurologe Karlheinz Steinmüller mitteilte, sind die Studien in den letzten Jahren etwas aus der Mode gekommen. Die heutige Technikvorausschau entwirft lieber Szenarien zur Entwicklung einzelner Felder. Nach einer alten Weisheit sind Voraussagen schwierig, speziell solche über die Zukunft, dennoch liest man sie gern, besonders die, die sich als falsch erwiesen.

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