Computer im Kalten Krieg

Geschrieben am 15.01.2016 von

Vor 60 Jahren gab die US Air Force den Aufbau eines landesweiten Netzes zur Erkennung und Abwehr feindlicher Flugzeuge bekannt. SAGE wurde 1963 fertig und verband Radarstationen mit 23 Leitzentralen, in denen riesige IBM-Rechner standen. Der militärische Sinn des rund 8 Milliarden Dollar teuren Netzwerks ist zweifelhaft, doch befruchtete es auf vielfältige Weise die Computertechnik.

Das Wort Sage, ausgesprochen „Seidsch“, bezeichnet im Englischen den Weisen, doch mit großen Buchstaben hat es einen anderen Sinn. Dann steht SAGE für Semi-Automatic Ground Environment, was man mit halbautomatischer Bodenunterstützung übersetzen könnte. Das gleichnamige Projekt der US Air Force ging über die Abkürzung allerdings weit hinaus, denn es sollte einen elektronischen Schutzschirm über Nordamerika aufspannen und den Kontinent vor feindlichen Flugzeugen – man darf raten woher – und ihren Atombomben schützen.

Das Projekt wurde bereits Ende 1955 in der Fachpresse erläutert. Die breite Öffentlichkeit erfuhr davon durch eine Pressekonferenz, die am 16. Januar 1956 vor den Toren von Boston stattfand. Schauplatz war das Lincoln Laboratory, eine der Militärforschung gewidmete Einrichtung des MIT alias Massachusetts Institute of Technology, der berühmten technischen Hochschule. Unser Foto entstand bei diesem Termin und zeigt rechts den Initiator von SAGE, MIT-Physiker George Valley.

SagePK

Im Januar 1956 war das Projekt SAGE aber schon im vollen Gange. Begonnen hatte es bald nach dem 29. August 1949, dem Tag, an dem die Sowjetunion ihre erste Atombombe zündete. Die Explosion wurde im September 1949 in den USA bekannt und veranlasste George Valley, der im Radar-Labor des MIT arbeitete, zu einer Untersuchung, wie gut sein Land gegen Überraschungsangriffe gefeit war. Er kam zu dem Schluss, dass ein sowjetischer Bomber durch Tiefflug in den amerikanischen Luftraum eindringen könne, ohne von einer Radarstation bemerkt zu werden.

Diese Erkenntnis war ein Schock für die US Air Force und ließ sie nach Abhilfe suchen. Sie fand sie im MIT, das 1951 mit Geld der Regierung das erwähnte Lincoln Laboratory gegründet hatte. Im MIT hatten der junge Ingenieur Jay Forrester und sein Team gerade den Röhrencomputer Whirlwind fertiggestellt, der seine Kalkulationen in Echtzeit durchführte und die Resultate auf einem Bildschirm anzeigte. Der Wirbelwind diente als Ausgangsbasis für die SAGE-Rechner, die viele Radardaten verarbeiten und Informationen für Abfangjäger und Abwehrraketen erstellen sollten.

Konzipiert wurden die Computer im Lincoln-Labor und gebaut von IBM, die alles in allem 7.000 Mitarbeiter mobilisierte. Jedes der 23 SAGE-Zentren erhielt einen Doppelrechner namens AN/FSQ-7 – die Abkürzung steht für Army-Navy/Fixed Special eQuipment – mit 55.000 Röhren, 175.000 Dioden und 13.000 Transistoren, die 7.000 Steckeinheiten füllten und 3 Megawatt Strom benötigten. Die Computer waren die größten ihrer Zeit. Das Foto unten zeigt die meterlangen Konsolen, eine für jede Rechnerhälfte. Ein AN/FSQ-7 kostete 42 Millionen Dollar.

SageKonsolen

Am 28. Juni 1958 ging das erste „direction center“ in Dienst, die restlichen 22 folgten bis 1963. Eine der Stationen stand auf kanadischem Boden. Das gesamte SAGE-Netz war bis 1979 in Betrieb und wurde dann nach und nach abgeschaltet; der letzte Computer stoppte zur Jahreswende 1983/1984. Insgesamt verschlang das System um die 8 Milliarden Dollar an Stück- und Betriebskosten. Wie wir wissen, wurde es nie aktiv; gegen die ab den 1960er-Jahren gefertigten Interkontinentalraketen und insbesondere solchen, die von U-Booten abgefeuert wurden, hätte es wohl nichts ausgerichtet.

War das System ein Erfolg oder ein grandioser Flop? Sicher ist, dass es technische Pionierleistungen erforderte und IBM ermöglichte, höchst erfolgreiche Technologien zu entwickeln, etwa bei den Kernspeichern. Außerdem vermittelte es den beteiligten Ingenieuren wertvolle Praxiserfahrung. Bahnbrechend war SAGE in der Computervernetzung, der Echtzeitverarbeitung und bei den Displays, die Eingaben mit Lichtgriffeln gestatteten – siehe das Eingangsbild. Last not least bescherte uns ein Monitorplatz die erste künstlerische Bildschirmgrafik.

Der Nachwelt hinterließ das Programm eine Fülle technischer Dokumente. Ein guter Einstieg ist die englische Wikipedia-Seite, Unterlagen von IBM enthält das Online-Archiv Bitsavers. Ein informatives Buch zum SAGE-Computer erschien 2014 in einem deutschen Verlag, allerdings in englischer Sprache. Die Website des Lincoln Laboratory bietet drei ältere Filme (rechts oben) und eine neuere Animation (Mitte) über SAGE. Echte Konsolen und Monitore stehen im Computer History Museum in Kalifornien und traten darüber hinaus in unzähligen Science-Fiction-Filmen und Fernsehserien auf. Und auch im Heinz Nixdorf MuseumsForum gibt es einen Bereich zu SAGE.

(Fotos aus der Sammlung der MITRE Corporation, Bedford, Massachusetts)

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Ein Kommentar auf “Computer im Kalten Krieg”

  1. Robert Limes sagt:

    Memories … I was working for the F106 Flight Test Group at Convair in San Diego, California, back in the 60’s. One task was to plot and evaluate the F106 interceptor guided by SAGE. Supposed to terminate in an „intercept“, but almost always wound up a pursuit. Not very successful.

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