Das Jahrhundert des Ettore Sottsass

Geschrieben am 29.12.2017 von

Vor 100 Jahren wurde er in Innsbruck geboren, vor zehn Jahren starb er in Mailand: Ettore Sottsass. Der stets melancholische Italiener revolutionierte das Produktdesign und schuf Meilensteine der Industrieform. Für die Büromaschinenfirma Olivetti gestalte er unter anderem den Computer Elea und die Schreibmaschine Valentine. 1983 wirkte er auch bei dem Personal Computer Olivetti M24 mit.

Halb indischer Guru, halb Tiroler Bauer – so beschrieb die Mailänder Tageszeitung „Corriere della sera“ Ettore Sottsass. Der Architekt und Designer lebte lange in dieser Stadt; er starb dort vor zehn Jahren, am 31. Dezember 2007. Geboren wurde er am 17. September 1917 in Innsbruck. Aufgewachsen ist er in den Bergen. Sein Vater war ein italienischer Architekt, seine Mutter kam aus Österreich. Ettore Sottsass studierte ebenfalls Architektur; anschließend wurde er Soldat und auf dem Balkan stationiert.

Ettore Sottsass (Foto Luca Fregoso CC BY-NC-ND 2.0)

Nach Krieg und Kriegsgefangenschaft half Ettore zunächst seinem Vater in Turin. Ab 1947 war er selbstständiger Architekt und Formkünstler in Mailand. 1956 lebte er einige Monate in New York; er arbeitete beim Möbeldesigner George Nelson, fuhr aber auch durchs Land. In den 1960er-Jahren bereiste Sottsass Asien – daher der „indische Guru“ – und fertigte Unmengen von Fotos und Skizzen an. Zu jener Zeit zählte er schon zu den kreativsten Gestaltern Italiens. Er erhielt regelmäßig Design-Preise; daneben malte er und verfasste Essays.

1958 begann seine Tätigkeit für den Büromaschinenhersteller Olivetti. Die Firma sitzt im norditalienischen Ivrea, unterhielt aber damals eine Nebenstelle in Pisa. Hier entwickelten Roberto Olivetti, ein Enkel des Firmengründers, und der chinesisch-italienische Ingenieur Mario Tschou den Computer ELEA. Das Kürzel steht für Elaboratore Elettronico Aritmetico, später Automatico; ein Elaboratore ist ein Rechner. Die ELEA entsprach der westdeutschen Siemens 2002; wie diese enthielt sie Transistoren und kam 1959 auf den Markt.

Computer ELEA 9003 (Foto Museo Nazionale Scienza e Tecnologia Leonardo da Vinci CC BY-SA 4.0)

Vom Startmodell ELEA 9003 setzte Olivetti 40 Stück ab. Die ELEA 6001 mit etwas reduzierter Leistung fand 170 Abnehmer. Die kleinere ELEA 4001 wurde an den amerikanischen General-Electric-Konzern verkauft; sie lief dann als GE 100 und nach einer weiteren Übernahme als Honeywell G 100. Die US-Modelle fanden 40.000 Nutzer. Für die gestalterischen Entwürfe zur ELEA bekam Ettore Sottsass 1959 den Goldenen Zirkel, den wichtigsten italienischen Design-Preis. Einen zweiten gab es 1970 für ein Honeywell-Modell.

In jenem Jahr räumte Sottsass außerdem Goldene Zirkel für die Addiermaschine Summa 19 und für die Valentine ab. Die Reiseschreibmaschine ist sein berühmtestes Werk und steht auch im HNF. Sie ist in der Regel rot, einige Exemplare gibt es in grau, grün, blau, schwarz und gelb. Zuvor designte Ettore Sottsass eine ganze Anzahl elektrischer Schreibmaschine wie die Olivetti Praxis 48. Bei ihr merkt man aber auch die Hand seines Mitarbeiters Hans von Klier. Der Österreicher wurde an der Hochschule für Gestaltung in Ulm ausgebildet.

Olivetti M24 (Foto Moehre1992 CC BY-SA 3.0)

Von 1980 bis 1988 arbeitete Sottsass in der Mailänder Memphis-Gruppe mit. Ihre Möbel brachen mit fast allen Traditionen und schufen ein postmodernes Anti-Design. Schönstes Beispiel ist Ettores Bücherregal Carlton. Er fand aber auch Zeit für einen herkömmlichen Computerentwurf. 1983 brachte Olivetti in Konkurrenz zum IBM-PC den M24 heraus. Er war absolut kompatibel zum US-Gerät, leistete mehr und kostete weniger. 1986 fertigte die Firma eine halbe Million Rechner und war Marktführer für Personal Computer in Europa.

In den Neunzigern verewigte sich der Anti-Designer im Silicon Valley: Im Ort Woodside baute er für den Stanford-Professor David Kelley ein Haus. Es steht seit einiger Zeit zum Verkauf. Für 13,5 Millionen Dollar kann sich also jeder einen echten Sottsass zulegen und bewohnen. Anlässlich des 100. Geburtstags waren 2017 Sottsass-Ausstellungen in den USA und Europa zu sehen; eine läuft noch bis März in Mailand. Hannoveraner brauchen aber nicht zu reisen. Sie finden am Königsworther Platz an der Universität eine Sottsass’sche Bushaltestelle (Foto Christian A. Schröder CC BY-SA 4.0).

Unseren Lesern wünschen wir noch einen guten Rutsch und melden uns 2018 zurück.

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