Der Club der selbstgestrickten Computer

Geschrieben am 03.03.2020 von

Unsere kleine Serie über die Revolution der Mikrocomputer führt nun ins Silicon Valley. In Menlo Park trafen sich vor 45 Jahren 32 junge Leute in einer Garage und gründeten den Homebrew Computer Club. Seine Mitglieder hielten Vorträge und stellten neue Hardware vor. Im Club wirkten unter anderem die Apple-Gründer Steve Jobs und Steve Wozniak mit.   

Homebrew ist das Selbstgebraute. Im Englischen kann das Wort ebenso etwas Selbstgebautes bezeichnen, ist also ein Synonym zu homebuilt und homemade. Als deutsche Übersetzung, die auch die Nebenbedeutung erfasst, passt wohl am besten das Selbstgestrickte.

Der Homebrew Computer Club trat vor 45 Jahren in die Welt, am Mittwoch, dem 5. März 1975. Damals trafen sich abends um sieben Uhr 32 technikbegeisterte junge Männer – vielleicht auch eine Frau – in einer Garage in Menlo Park; der Ort liegt fünfzig Kilometer südöstlich von San Francisco. Die Garage gehörte dem vierzigjährigen Ingenieur und Programmierer Gordon French. Die Einladungen zum Meeting gingen auf ihn und den etwas jüngeren Fred Moore zurück, einen politischen Aktivisten mit technischen Neigungen.

Gordon French (stehend) bei einem Clubtreffen 1978. (Foto Computer History Museum)

Den Anstoß zum Treffen gab ein Altair 8800; wir haben den Acht-Bit-Computer im November im Blog beschrieben. Einen solchen Rechner hatte die People‘s Computer Company, ein links-alternativer Technikverlag, einige Tage zuvor erhalten. Ein Angestellter des Verlags stand in der Garage und führte ihn vor. Ein anderer Referent berichtete von einem Besuch beim Altair-Hersteller MITS im US-Bundesstaat New Mexico. Am Schluss wurde ein Dollar pro Kopf als Unkostenbeitrag eingesammelt und das nächste Treffen vereinbart.

Das fand nach vierzehn Tagen im Institut der Stanford-Universität für Künstliche Intelligenz statt. Jetzt kamen schon sechzig Interessenten. Einen Monat später versammelte man sich in einer Schule. Höhepunkt war die Präsentation eines Altair-Programms, das eine Beatles-Melodie erzeugte. Sie setzte sich aus den Interferenz-Tönen eines daneben stehenden Radios zusammen; hier ist eine Rekonstruktion. Die endgültige Heimat des Homebrew Computer Clubs wurde der Hörsaal des SLAC, eines großen Elektronenbeschleunigers mit angeschlossenem Forschungsinstitut.

Der Newsletter Nr. 2 des Clubs porträtierte einige Mitglieder. Rechts erkennt man mit kurzen Haaren und spitzer Nase Lee Felsenstein. (Foto Computer History Museum)

Die Sitzungen leitete in der Regel der dreißig Jahre alte Informatiker Lee Felsenstein; mit einem riesigen Zeigestock versuchte er, das Chaos zu bändigen. Ebenso wichtig wie die Vorträge waren die Weitergabe von Software – man warf sich die aufgerollten Lochstreifen zu – und die Präsentation selbstgebauter Hardware vor dem Hörsaal. Hier zeigten Steve Jobs und Steve Wozniak 1976 zum ersten Mal ihren Apple I. Das Geschehen wurde 1999  mit einigen künstlerischen Freiheiten im Film nachgestellt.

Die Teilnehmerzahl wuchs von Termin zu Termin; so fanden sich am 19. Januar 1977 rund 240 Hörer ein. Der Club produzierte auch einen monatlichen Newsletter. Anfang 1977 wurden 1.500 Exemplare verschickt. In der zweiten Nummer stellten sich Clubmitglieder vor. Neben Lee Felsenstein finden wir John Draper, der später einmal das HNF besuchte, und natürlich Steve Wozniak. Die Liste enthält eine Frau, die Computerpädagogin Liza Loop; sie war vielleicht schon beim Gründungstreffen dabei. 1976 erhielt sie den ersten Apple I, der an einen Kunden, genauer gesagt, an eine Kundin ging.

Shown at the Homebrew Computer Club: der Apple I. Dies ist das Exemplar des HNF.

Die Newsletter von 1975 bis 1977 lassen sich online nachlesen; sie vermitteln uns einen faszinierenden Überblick über den Beginn der Mikrocomputer-Revolution. Die Ausgabe vom 31. Januar 1976 enthielt einen offenen Brief an die Hobbyisten. Darin beklagte sich der zwanzigjährige Bill Gates bitter über die unbezahlte Nutzung seiner Software. Er arbeitete mit einigen Getreuen als Zulieferer des Altair-Herstellers MITS in Albuquerque. Seine Firma war klein und schrieb sich mit einem Bindestrich – „Micro-Soft“.

Im April 1977 organisierten Mitglieder des Homebrew Computer Club in San Francisco die West Coast Computer Faire; hier geht es zu einer Sammlung von Dokumenten. Die erste Messe für Mikrorechner lockte 180 Aussteller und 12.000 Besucher an; sie sahen unter anderem den Commodore PET und den Apple II. Die Welt der kleinen Computer wandelte sich. Es wurde nicht mehr selbstgestrickt, sondern Geld verdient. Die Treffen im SLAC liefen bis 1986; danach wurde der Homebrew Computer Club zum Mythos des Silicon Valley.

Unser Eingangsbild zeigt ein Clubtreffen im Jahr 1978 (Foto Computer History Museum).

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