Der digitale Duden

Geschrieben am 18.11.2021 von

Im Frühjahr 1986 war es wieder soweit: In der Bundesrepublik erschien ein neuer Duden. Die 19. Auflage enthielt eine Fülle von Einträgen aus dem Bereich der Informatik und des Computers. Ob Bit oder Byte, ob Hardware oder Software, ob BASIC oder FORTRAN, das Wörterbuch hatte keine Angst vor der „Hochtechnologie“ vom „Algorithmus“ bis zum „Walkman“.   

„Gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen, wissenschaftlicher und technischer Fortschritt führen zu neuen Wortschöpfungen, lassen Fachtermini in die Allgemeinsprache eindringen, begünstigen Entlehnungen aus anderen Sprachen.“ Das lesen wir in dem Vorwort, mit dem die Dudenredaktion im Februar 1986 ihr jüngstes Produkt einleitete. Der Titel lautete „DUDEN – Rechtschreibung der deutschen Sprache und der Fremdwörter“. Der Verlagsort war Mannheim; das Leipziger Gegenstück lassen wir außen vor.

Die 19. Auflage des Nachschlagewerks enthielt auf 702 Seiten mehr als 100.000 Stichworte. Im Vergleich zur Ausgabe von 1980 gab es dreitausend Neuzugänge. Der DUDEN 86, wie ihn die Werbung nannte, reflektierte den technischen Wandel, der sich in den 1980er-Jahren abspielte. Westdeutschland und zum Teil die DDR wurden damals von der Revolution der Mikrocomputer erfasst. Zugleich verbreiteten sich der Videorekorder und das von der Bonner Bundesregierung aktiv geförderte Privatfernsehen.

Schauen wir uns im Wörterbuch um – Beispiele sind kursiv gesetzt. Es führte hinein in die Hoch- und Spitzentechnologie, in die High-Tech- und Schlüsselindustrie. Nach der neuen Mathematik marschierten die neuen Medien auf. Wir entdecken die Bildplatte und den Bildschirmtext, die Bildschirmzeitung und das Bildtelefon. Es folgten das Kabel- und das Satellitenfernsehen, das Videoband, der Videoclip und der Videotext, last not least der Walkman. Noch unbekannt waren Videospiele. Dagegen registrierte der Duden die 1948 erfundene Kybernetik sowie den Kybernetiker.

Aus alter Zeit finden wir die Hollerithmaschine und das schöne Verbum hollerithieren. Es gab die Lochkarte, die Lochkartenmaschine, den Locher und die Locherin, aber ebenso den Elektronenrechner und das Elektronen[ge]hirn. Den Computer nahm der Duden 1967 auf. Die 19. Auflage verlängerte das Wort zur Computerdiagnostik, zur Computerkriminalität und zur Computertomographie. Ganz ähnlich folgte auf die Datei eine Gruppe von Worten mit Daten-. Hierzu gehörten die Datenverarbeitung und die Datenverarbeitungsanlage.

Der DUDEN 86 brachte die Informatik und den Informatiker sowie den Personal-, den Heim-, den Mikro- und den Minicomputer. Er erklärte Bit und Byte, Hardware und Software, den Chip, den Compiler, das Display und das Interface, den Joystick und den Printer. Wir treffen Programmierer und Programmiererin, das Programm und die Programmiersprache mit den Beispielen ALGOL, BASIC, COBOL und FORTRAN. Der Hacker drang in Computersysteme ein, während der User nur als „jmd., der Drogen nimmt“ erschien.

Das Wort Siemens tauchte als Familienname und Maßeinheit auf, und der Duden dachte an die IBM Deutschland GmbH. Die Nixdorf Computer AG suchten wir leider vergebens. Ein kleiner Schnitzer unterlief der Redaktion auf Seite 210 bei der Diskette. Dort stand ein Verweis auf die „Floppy-disk“, die sechzig Seiten später zur Floppy disk ohne Bindestrich wurde. Was fehlte im Wörterbuch? Das ist Geschmacksache, doch das Betriebssystem, die Computermaus, der Industrieroboter und die Informatikerin hätten eigentlich reingehört.

Die Künstliche Intelligenz schaffte es nicht ins Buch, dafür aber die intelligente Maschine. Der Roboter wurde als Maschinenmensch und als Fronarbeiter notiert; im Blog wiesen wir auf die ältere Bedeutung hin. Androide galt der Dudenredaktion als ein Wort männlichen Geschlechts. Korrekter sind wohl „der Android“ für den menschenähnlichen Roboter und „die Androide“ für die Roboterin. Der Online-Duden meldet inzwischen den maskulinen Android, das gleichnamige Betriebssystem und die feminine Androidin.

Die Ausdrücke digital und digitalisieren wurden vor 35 Jahren bereits verzeichnet, ebenso der Digitalrechner und die Digitaluhr. Auch der Algorithmus war kein Neuland. Das Silicon Valley lag noch hinterm Horizont, doch vermerkte der DUDEN 86 den Grundstoff in alter (Silicium) und neuer (Silizium) Orthographie. Wieder einmal erkennen wir, wie groß das Wissen um die Computertechnik in den Achtzigern war; die Digitalisierung erschreckte niemanden. Warum es heute anders ist, bleibt rätselhaft.

Unser Eingangsbild nahm Rudolf Stricker auf, es zeigt das Haus des Bibliographischen Instituts in Mannheim, der Heimat des westdeutschen Dudens, im Jahr 2012. Im gleichen Jahr zog der Verlag nach Berlin um.

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2 Kommentare auf “Der digitale Duden”

  1. Spannend, danke für diese kleine etymologisch SprachReise. Ich wusste gar nicht, dass der Computer erst 1967 in den Duden aufgenommen wurde. Das erscheint mir einerseits relativ spät. Andererseits unterstreicht es den starken Wandlungscharakter der späten 1960 er Jahre.

    Die DDR kommt mir hier etwas zu schlecht weg. Gerade Sprache war für das Regie enorm wichtig, zumal technisches Wissen. Dort gab es ganz herrliche Wörterbücher, und das auch schon recht früh. Beispielsweise das WörterBuch der Kybernetik oder Wirtschafts wissenschaftliche WörterBücher, in denen Computer-Begriffe sehr prominent fungierten. Hier würde also sehr wohl mal ein Blick in den Ost – Duden und das bibliografischen Institut Leipzig lohnen.

    1. HNF sagt:

      Das ist ein guter Hinweis! Werden wir in Zukuft sicher mal machen.

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