Die digitale Pinnwand

Geschrieben am 07.08.2018 von

Vor 45 Jahren startete im kalifornischen Berkeley das Community Memory, die erste Mailbox der Welt. In einem Plattenladen wurde am 8. August 1973 ein Fernschreiber aufgestellt; eine Telefonleitung verband ihn mit einem Computer in San Francisco. Die Benutzer konnten Texte an den Rechner schicken und dort gespeicherte Inhalte nach Stichworten durchsuchen. Das Projekt endete 1975.

Die Geschichte des Internets lässt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen. Im Herbst 1969 startete das ARPANET des US-Verteidigungsministeriums. Es verband nur vier Rechner, doch es wurde schnell größer. Weitere Netze schlossen sich an, und aus dem amerikanischen ARPANET wurde das globale Internet. 1991 schuf Tim Berners-Lee das World Wide Web. Ihm verdanken wir es, dass Sie diesen Blog lesen können.

Neben dem weltweiten Netz gab es kleinere, die aufblühten und dann wieder verschwanden. Beispiele sind der deutsche Bildschirmtext oder – wir berichteten darüber im Blog – das französische Minitel. Es wurden auch Firmennetze gesponnen, und Universitäten betrieben Systeme für Time Sharing. Dabei wurde ein Zentralrechner sternförmig mit weiter entfernten Terminals verbunden. Darüber hinaus fanden alle möglichen Projekte statt. Um ein solches geht es nun, nämlich um das Community Memory von 1973.

2518 Durant Avenue in Berkeley, der Geburtsort der Mailbox (Foto von 2013)

Das Wort „Memory“ kann das menschliche Gedächtnis oder den Speicher eines Computers meinen; bei unserem Projekt wäre beides denkbar. Die „Community“ ist genau bekannt: Es handelt sich um die Universitätsstadt Berkeley an der Bucht von San Francisco. Unweit des Campus, in der Durant Avenue 2518, saß ein von Studenten betriebener Plattenladen, der Leopold Stokowski Memorial Service Pavilion. Er trug den Namen eines berühmten Dirigenten, wurde aber meist nur Leopold Records genannt.

Wie es sich für ein Plattengeschäft gehört, umfasste es eine meterlange Pinnwand. Darauf steckten LP-Freunde Wünsche und Angebote, Konzerte wurden angekündigt, Bands suchten Musiker und Musiker Bands oder Instrumente. Am 8. August 1973 erhielt der Raum einen ungewöhnlichen Zuwachs, einen Fernschreiber Teletype ASR 33. Plastikfolien und Styropor dämpften seine Geräusche. Rein äußerlich passte das Gerät gut zur rockigen Umgebung. Das zeigt auch unser Eingangsbild oben (Foto Computer History Museum).

Lee Felsenstein im Jahr 1977 (Foto Computer History Museum)

Der Teletype war die Außenstelle des Community Memory, der ersten digitalen Mailbox der Welt. Wer sich an den Apparat setzte und die Hände in die Tastatur-Öffnungen steckte, konnte Botschaften eintippen und abschicken. Sie erreichten einen Computer im nahen San Francisco, der sie speicherte. Die Verbindung erfolgte mit Hilfe eines Modems über die normale Telefonleitung. Sie wurde von morgens bis abends offen gehalten; da es sich rein technisch um ein Ortsgespräch handelte, galt eine Flatrate.

Das System unterschied keine Benutzer, es fungierte als große digitale Pinnwand. Niemand musste sich anmelden oder gar identifizieren. Jede Sitzung begann mit dem Befehl ADD; dabei empfahl es sich, der abgeschickten Nachricht Stichworte anzuhängen. Mit ihrer Hilfe und den Befehlen FIND, AND, OR und NOT ließen sich gespeicherte Texte durchsuchen. Der Output wurde auf der Papierbahn des Fernschreibers angezeigt. Die Anweisung PRINT mit einer Zeilennummer löste einen ausführlichen Ausdruck aus.

Judith Milhon auf einem Polizeifoto aus den 1960er-Jahren (Foto Trescabehling CC BY-SA 4.0)

Der mit dem Fernschreiber verbundene Rechner stand in einer Technik-Kommune namens Resource One. Sie nutzte in San Francisco ein leeres Lagergebäude, hier ist ein Film dazu. Resource-Leiterin Pam Hardt erscheint bei Minute 4:10. Sie hatte es verstanden, ein älteres Mainframe-System des Typs SDS 940 anzuschaffen, ohne viel bezahlen zu müssen. Es kam von der kalifornischen Firma Scientific Data Systems. Vorher lief es im Forschungsinstitut des Maus-Erfinders Douglas Engelbart und gehörte 1969 zu den ersten ARPANET-Knoten.

In Betrieb setzte das Community Memory ein Team um den Ingenieur Lee Felsenstein. 1945 in Philadelphia geboren, studierte er ab 1963 in Berkeley. Er verkehrte in linksradikalen Kreisen und wirkte auch bei einer Untergrund-Zeitschrift mit. Nach Abbruch des Studiums und diversen technischen Jobs ging er an die Uni zurück und machte 1972 seinen Master; danach arbeitete er für Resource One. Eine Kollegin Felsensteins war Judith Milhon; sie war sechs Jahre älter und eine Veteranin der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung.

Ein SDS-940-Rechner wie der des Community Memory (Foto Computer History Museum)

Felsenstein, Hardt und Milhon entstammten der kalifonischen Gegenkultur, in der sich alternatives Denken mit Freude an High-Tech vertrug. Wichtig war, dass die Technik den Menschen diente, und das tat das Community Memory. Auf den Fernschreiber folgte ein Terminal vom Typ Hazeltine 1000. Nach Umzug und Erweiterung endete das Projekt aber Anfang 1975. Ein Neustart in den 1980er-Jahren führte nicht weit. Unten bringen wir noch zwei Seiten aus dem Resource-One-Newsletter 1974 mit Dialogbeispielen.

Schon 1976 entwickelte Lee Felsenstein den 8-Bit-Rechner Sol-20 und das preiswerte Pennywhistle-Modem. Zugleich moderierte er den Homebrew Computer Club, der einen immensen Einfluss auf die Mikrocomputer-Revolution ausübte. 1981 konstruierte er den „Schlepptop“ Osborne 1. Leopolds Plattenladen in Berkeley gibt es nicht mehr, an seine Stelle trat eine Pizzeria. In einem Musikvideo von 1991 kann man die (analoge) Pinnwand sehen. Die Sängerin sei nicht verraten, wir wünschen aber gute Unterhaltung.

(Fotos von Mark Szpakowski CC BY-SA 2.5)

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