Hacker

Geständnisse eines Hackers

Geschrieben am 09.01.2026 von

Ein Manifest ist ein Bekennerschreiben oder eine Absichtserklärung. Am 8. Januar 1986 verfasste der junge Texaner Loyd Blankenship, der wegen Computerkriminalität verhaftet worden war, ein „Hacker Manifesto“. Es erschien im September des gleichen Jahres in einem Online-Magazin. Der Beitrag avancierte danach zu einem der wichtigsten Texte der Hackerkultur und zu einem literarischen Denkmal der Internet-Geschichte.

Jemand musste Loyd Blankenship verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. Es passierte wohl kurz nach Weihnachten 1985 in der texanischen Stadt San Marcos. Blankenship war zwanzig und computerinteressiert. Lange kann er nicht gesessen haben. Am 8. Januar 1986 tippte er einen Text in sein System, in dem er das Erlebnis verarbeitete. Er trug den Titel „The Conscience of a Hacker“ – das Gewissen des Hackers.

Vor vierzig Jahren war das Phänomen des Hackens, des unerlaubten Eindringens in größere und kleinere Computernetze, bereits bekannt. Im Juni 1983 lief der damit befasste Film WarGames in amerikanischen Kinos, ab Oktober in der Bundesrepublik. Im November 1983 druckte der SPIEGEL ein Interview mit dem Computer-Experten und „Hacker“ – den schrieb man noch mit Gänsefüßchen – Richard Cheshire. Seit 1981 gab es den Chaos Computer Club, der sich 1984 eine eigene Zeitschrift zulegte; 1985 folgte die Hackerbibel. Im selben Jahr erschienen zwei Taschenbücher zum Thema.

Es gab natürlich auch konkrete Hacker-Fälle. 1983 erwischte das FBI die in Milwaukee tätige Gruppe The 414s; sie war in die Netze von Forschungszentren und Banken eingebrochen. Eine Hamburger Sparkasse war 1984 das Ziel des Chaos Computer Clubs. Er wollte mit seiner Aktion die mangelnde Sicherheit des deutschen Bildschirmtextes nachweisen, was ihm ohne Zweifel gelang. Kriminelle Absichten wiesen die Hacker auf beiden Seiten des Atlantiks von sich; der CCC überwies die erbeuteten 134.634,88 DM an die Sparkasse zurück.

Der Mentor und seine junge Nichte um 2005

Was genau Loyd Blankenship hinter Gitter brachte, wissen wir nicht. Sicher ist, dass sein Text am 25. September 1986 in der Online-Publikation Phrack erschien. „Das Gewissen des Hackers“ trug die Angabe „Geschrieben am 8. Januar 1986“ und die Autorenbezeichnung „Der Mentor“. Hacker verwendeten gerne Pseudonyme; ein Mentor ist im Englischen ein Berater oder Betreuer. Das Wort ging aber eher auf die gleichnamige Comicfigur des Marvel-Universums zurück, die eine übermenschliche Intelligenz besitzt.

Auf die Datumsangabe folgten 48 Zeilen mit 535 Worten. Gegen Ende fand sich der Satz „Ich bin ein Hacker, und das ist mein Manifest“, was dem Text die Bezeichnung Hacker-Manifest eintrug. Wir möchten die Leser bitten, dieses zunächst einmal durchzulesen. Es ist in einem leicht verständlichen Englisch verfasst, das zugleich poetisch klingt – der Mentor ließ sich möglicherweise durch den Dichter Walt Whitman inspirieren. Anschließend werden wir den Text mit Übersetzungen analysieren. Let’s go!

Er beginnt mit dem Satz „Wieder einer erwischt, die Zeitungen sind voll davon“ und echten oder erfundenen Schlagzeilen zum Hacker-Unwesen. Sie dürften übertrieben sein, aber Loyd Blankenship war vielleicht durch die Haft traumatisiert. Danach lästert ein Erwachsener über die „damn kids“ – was man mit „Jugend von heute“ übersetzen kann – die alle gleich sind. Nun spricht wieder der Hacker. Er stellt Fragen an die Respektsperson mit ihrer „three-piece psychology“. Der Ausdruck erinnert an den „three-piece suit“ aus Hose, Jacke und Weste.

Der Hacker bittet um Verständnis für sein Denken und Handeln und lädt den braven Bürger in seine Welt ein. Es folgt eine autobiografische Passage, die immer wieder durch hämische Kommentare zu den „damn kids“ unterbrochen wird. Wir erfahren daraus, dass der Hacker mathematisch begabt ist, dass er als Schüler den Computer entdeckte und schließlich eine Anlage installierte, mit der er ins Internet ging: „Das ist es… Hier gehöre ich hin.“ Unser Eingangsbild zeigt die dazu passende Vitrine des HNF mit Tastentelefon und Modem.

Westdeutsche Hacker-Literatur aus dem Jahr 1985

Der nächsten Abschnitt des Manifests attackiert die Schule und ihr sadistisches oder desinteressiertes Personal. Das Fazit lautet: „Das ist unsere Welt… die Welt des Elektrons und des Transistors, der Zauber des Baud.“ Dort kontrollieren leider „geldgierige Fresser“ einen spottbilligen technischen Dienst und machen Forschenden und Wissensdurstigen das Leben schwer. „Ihr baut Atombomben, führt Kriege, tötet, täuscht und lügt und wollt uns weismachen, dass es zu unser aller Wohl geschieht, doch wir sollen Kriminelle sein.“

Was folgt daraus? „Ja, ich bin ein Krimineller. Mein Verbrechen ist die Neugier und dass ich Menschen danach beurteile, was sie sagen und denken, nicht danach, wie sie aussehen. Mein Verbrechen ist, dass ich schlauer bin als du, was du mir nie verzeihst. Ich bin ein Hacker, und das ist mein Manifest. Du kannst mich stoppen, aber du kannst uns nicht alle stoppen. Und wir sind alle gleich.“ Hier zitiert der Autor noch einmal den Vorwurf von Eltern und Erziehern an die widerspenstige Jugend.

Soweit das Bekennerschreiben. Es ist brillant formuliert, sagt aber wenig zu konkreten Taten der Hacker wie das Überwinden von Zugangssperren. Die Argumentation reduziert sich auf ein „Ihr seid die Bösen, wir sind die Guten“. Blankenship verließ die Hacker-Szene 1990 und arbeitete als technischer Berater, Spiele-Autor und Musiker. Das ist ein Interview aus den 2000er-Jahren. Sein Manifest verbreitete sich durch Bücher und Filme, wir entdeckten auch ein Raver Manifesto. Wichtiger für die Informatik wurde aber die Hacker-Ethik.

Heute leben wir im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz, und ChatGPT liefert Bekenntnisse für alle möglichen Berufsgruppen. Probieren Sie einmal das Bäcker-Manifest, es erscheint nach Eingabe von „Bitte schreibe ein Bäcker-Manifest ähnlich dem Hacker-Manifest“. Einen lesenswerten Text erhält man, wenn man das Programm über sich selbst denken lässt, wir empfehlen den Prompt „Write a ChatGPT manifesto in the style of the Hacker manifesto“.

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