Klein wie eine Curta

Geschrieben am 30.12.2016 von

Wir leben im Zeitalter der Mikroelektronik. Dieses bescherte uns kleinste Computer, auch Smartphones genannt. Das Streben nach Miniaturrechnern ist jedoch älter. Schon 1905 kam die Rechenmaschine Gauss auf den Markt, die nur 12,5 cm breit war. Später folgten kleine und flache Addierer mit Zahnstangen. Der Höhepunkt der mechanischen Verkleinerung war die legendäre Curta von 1948.

„Bigger is better“ oder „Small is beautiful“? Bei Computern – die Supercomputer wollen wir draußen lassen – gilt eindeutig der zweite Spruch. Mainframes führten zu Mini- und Mikrocomputern. Auf Desktops folgten Notebooks, Tablets und Smartphones. Die Elektronenrechner wurden kleiner und kleiner und ebenso die elektronischen Bausteine auf den Chips, siehe das Mooresche Gesetz.

Wie sah es in der mechanischen Ära aus? Die Standardmodelle wie die Brunsviga oder die Staffelwalzenmaschinen mit Volltastatur behielten über Jahrzehnte ihre Maße. Hin und wieder erschienen aber Rechenmaschinen, die deutlich kleiner als die Konkurrenz waren. Das lag nicht an neuartigen Fertigungstechniken, sondern an geistreichen Lösungen für die grundlegenden Teile im Inneren. Ein gutes Beispiel ist die erste Maschine unserer kleinen Übersicht, die Gauss aus dem Jahr 1905.

Gauss-Mercedes mit Fuß

Gauss-Mercedes mit Fuß

Schöpfer der Gauss war der berühmte Rechenmaschinen-Konstrukteur Christel Hamann. 1870 in der Nähe von Bremen geboren, zog er in den 1890er-Jahren nach Berlin. Hier starb er 1948. Die Gauss entwickelte er zu Beginn des 20. Jahrhunderts in engem Kontakt mit den Geodäten der Königlichen landwirtschaftlichen Hochschule. Die Rechenmaschine kam 1905 auf den Markt. Sie war vor allem für Landvermesser und Ingenieure und für den mobilen Einsatz bestimmt.

Die Gauss war 10 cm hoch bei einem Durchmesser von 12,5 cm und wog ohne Standfuß nur 850 Gramm. Verkauft wurde sie von einem technischen Versandhaus. Der Preis von 200 Mark entsprach etwa drei Monatslöhnen eines Arbeiters. 1909 erschien eine verbesserte und leicht vergrößerte Version unter dem Namen Mercedes; sie maß 16 cm. Die Maschine bewältigte die vier Grundrechenarten. Der Benutzer gab über sechs Schieber den ersten Faktor einer Multiplikation ein. Dann kurbelte er, wie es der zweite Faktor vorschrieb. Das Produkt las er in kleinen Fenstern am Rand der Deckplatte ab.

Die Zahn-Scheibe trat in der Gauss an die Stelle der Sprossenräder

Die Zahn-Scheibe ersetzte in der Gauss die nebeneinander angeordneten Sprossenräder (Grafik aus der Patentschrift Nr. 194.527)

Im Prinzip rechnete die Gauss mit einer Technik, die Gottfried Wilhelm Leibniz erfand. Während in seiner Maschine für jede Input-Stelle eine Staffelwalze auf einer Achse verschoben wird, passierte in der Gauss etwas anders. Hier drehte der Nutzer beim Kurbeln eine Scheibe, die Kreisbögen von einem bis zu neun Zähnen trug. Der Bogen mit neun Zähnen saß innen, der Einzelzahn außen. Das Einstellen einer Ziffer platzierte ein Zahnrad in den zugeordneten Bogen. Beim Drehen der Scheibe griff jenes Rad die Zähne des Bogens ab und gab die Anzahl ins Resultatwerk.

Die Gauss und ihre Nachfolgerin Mercedes wurden bis 1911 von der Mercedes-Bureau-Maschinen-Gesellschaft produziert, zunächst in Berlin, danach in Zella-Mehlis in Thüringen. Insgesamt sollen 1.000 Stück entstanden sein. Das Netz bietet eine Online-Ausführung an; die Bedienungsanleitung steht auf Seite 8 der pdf-Datei. Das Modell erschließt sich ebenso durch Probieren, sofern man beachtet, dass die Fenster den zweiten Faktor wie auch das Produkt zeigen. Zum Umschalten den Ring anklicken!

Blick in die Gauss-Mercedes: oben ist die Scheibe mit den Zähnen (auf der Rückseite)

Offene Mercedes mit Zahn-Scheibe – die Zähne sitzen auf der Rückseite

Die nächste kleine Vier-Spezies-Maschine war die Curta. Ihr Erfinder Curt Herzstark wurde 1902 in Wien geboren. Sein Vater stellte Rechenmaschinen her; nach seinem Tod 1937 leitete Curt Herzstark den Betrieb. Am 19. August 1938 – Österreich war inzwischen ein Teil des Reichs – meldete er ein deutsches Patent für eine „Rechenmaschine mit einer einzigen von Einstellrädchen umgebenen Staffelwalze“ an. Es bezog sich auf ein trommelförmiges Gerät mit vertikaler Staffelwalze. Daran wurden reihum die Zahnräder zum Abgreifen gesetzt. Ihre Achsen mündeten oben im Resultatwerk.

Unter der Nummer DRP 747.073 wurde das Patent Anfang 1944 erteilt. Zu diesem Zeitpunkt war Curt Herzstark im KZ Buchenwald inhaftiert. Er arbeitete im benachbarten Wilhelm-Gustloff-Werk und konnte seine mechanischen Ideen weiter verfolgen. Nach der Befreiung des Lagers war er kurze Zeit technischer Direktor der Büromaschinenfirma Rheinmetall im thüringischen Sömmerda. Ende 1945 floh er jedoch aus der sowjetischen Besatzungszone nach Österreich. 1946 gelang ihm ein Neustart in Liechtenstein mit der Contina Büro- und Rechenmaschinenfabrik.

Hier entstand ab 1948 die Vier-Spezies-Rechenmachine, die erst Liliput, dann Contina und endlich Curta hieß. Bis 1970 wurden 140.000 Exemplare produziert. Das Grundmodell hatte acht Input-Zahlen, 5,3 cm Durchmesser und 8,5 cm Höhe. Die Schwester Curta II besaß drei Eingaben mehr, maß 6,5 cm und war 5 mm höher. Die Gewichte betrugen 230 Gramm und 360 Gramm. Die Ur-Curta kostete 400 Schweizer Franken, die Curta II 495 Franken. Ein westdeutscher Käufer musste 500 DM bezahlen.

Curt Herzstark zog sich schon 1952 aus der Firma Contina zurück. Bis zu seinem Tod 1988 in Liechtenstein war er freiberuflich tätig. Seine „Pfeffermühle“ ist die bei weitem populärste kleine Rechenmaschine und im Internet mit vielen Adressen vertreten. Hier ist eine lange Animation zur Curta, die alle Details erklärt; hier geht es zum Curta-Simulator. Der erste Faktor wird mit den Schiebern eingestellt. Das Resultat erscheint in den Fensterchen rund um die Kurbelachse.

Addiator Duplex: zur Subtraktion musste man den Rechner umklappen

Addiator Duplex: die Rückseite des Rechners diente zur Subtraktion

Neben den Maschinen für alle Rechenarten gibt es seit alters her die zum Addieren und Subtrahieren. Für diese Operationen wurde im 20. Jahrhundert eine ganze Palette einfacher Rechenwerkzeuge erdacht. Der König der Kleinaddierer war der Zahlenschieber, der sich ab 1920 ausbreitete und bis in die 1970er-Jahre verkauft wurde. Hier ist eine Internetseite zur bekanntesten Marke Addiator und hier ein erklärendes Video. Und den Addiator-Simulator gibt es hier.

Zum Abschluss kehren wir zu Vier-Species-Rechnern zurück und einer zu Unrecht vergessenen Marke: der Alpina. Mit Maßen von 19 cm x 7,5 cm x 3 cm passte sie in eine Manteltasche. Mit achtstelligen Eingaben sollte sie gegen die ältere Curta antreten. 1961 und von 1969 bis 1971 wurden in Kaufbeuren knapp 6.000 Stück montiert. Im Inneren steckten keine Staffelwalzen, sondern Sprossenräder wie in den bekannten Brunsviga-Maschinen. Die Alpina war klein, elegant und erfolglos. Mit ihrem Verschwinden endete auch das Zeitalter der mechanischen Rechenmaschinen.

Für das in Kürze beginnende neue Jahr wünschen wir unseren Lesern alles Gute! Auch 2017 werden wir wieder über Neuigkeiten von gestern berichten .

Alpina

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2 Kommentare auf “Klein wie eine Curta”

  1. Die Gauß-Mercedes des HNF hat eine recht abenteuerliche Umzugsgeschichte hinter sich: ursprünglich von dem Quedlinburger Büromaschinenhändler August Nepputh in den 1930er Jahren erworben, ging sie nach dessen Tod im Jahre 1941 an seinen Sohn über, der die Rarität im Kamin seines Hauses vor den DDR-Behörden versteckte. Nach der Flucht ihres Mannes 1957 in den Westen, schob seine Frau die Gauß-Mercedes einige Monate später im Kinderwagen über die Zonengrenze. Schließlich landete sie im Büromaschinen-Museum der Neppuths in Einbeck.

  2. Addiator Duplex: „Code-Maschine“ nach GM 1839666. Angemeldet am 31.7.1961

    Eine Sonderanfertigung für Karstadt/ Horten/KDW mit teilweise codierten Schiebern – Buchstabenfeldern – diente zur Verschleierung der Endsummen bei Kassen. Damit konnte nur der Abteilungsleiter die Endsumme feststellen und mit der Kassenabrechnung vergleichen.

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