Musik und Künstliche Intelligenz

Geschrieben am 28.12.2021 von

Kann Künstliche Intelligenz die Skizzen eines Komponisten in ein Musikstück verwandeln? Das hofften 2019 Beethoven-Freunde bei der Deutschen Telekom. Sie starteten ein Projekt, das zwei Sätze seiner kurz vor dem Tod begonnenen 10. Symphonie rekonstruierte. Das Werk wurde am 9. Oktober 2021 in Bonn uraufgeführt. Das Komponieren mit technischer Hilfe ist aber viele Jahre älter.  

Im Dezember 2019 erfuhr es die Presse: Seit dem Sommer des Jahres arbeitete ein Team mit Fachleuten aus Musik und Informatik an der Vollendung von Beethovens 10. Symphonie. Initiiert wurde das Projekt von der Zentrale der Deutschen Telekom in Bonn; Projektleiter war der Salzburger Musikmanager Matthias Röder. Bei der Rekonstruktion halfen Algorithmen der Künstlichen Intelligenz. Die Premiere des so erzeugten Musikstücks sollte schon 2020 stattfinden; wegen der globalen Gesundheitslage verschob sie sich in den Oktober 2021.

Bekanntlich schrieb der 1770 in Bonn geborene und 1827 in Wien verstorbene Ludwig van Beethoven neun Symphonien. Die letzte mit dem berühmten Chor „An die Freude“ wurde 1824 gespielt und gesungen. Danach brachte der Komponist hin und wieder Ideen für eine weitere Symphonie zu Papier; sie blieben in seinem Nachlass erhalten. Der englische Musikwissenschaftler Barry Cooper machte aus Beethovens Notizen eine Partitur; er beschränkte sich jedoch auf den ersten Satz. Dieser wurde 1988 in London mit großem Orchester uraufgeführt.

Barry Cooper rekonstruierte in den 1980er-Jahren den ersten Satz der 10. Symphonie.

Das Telekom-Team verzichtete bei seiner Rekonstruktion auf den Kopfsatz und nahm sich den dritten und vierten Teil der Symphonie vor. Es digitalisierte zunächst viele Beethoven-Stücke sowie Musik von Komponisten seiner Zeit und von älteren Tonkünstlern. Damit wurde nach den Prinzipien des Maschinellen Lernens ein KI-Programm trainiert. Nach Abschluss der Lernphase erhielt es die Daten der Skizzen zur 10. Symphonie. Diese führte es im Stile Beethovens fort, wie an einem Beispiel zu hören – bitte bis zur SoundCloud scrollen.

So simpel wie oben geschildert arbeitete das Programm natürlich nicht. Es lieferte zu einem Beethoven-Entwurf viele alternative Fortsetzungen und führte Feedbacks und Optimierungen aus. Am Schluss pickte der Wiener Pop- und Filmmusik-Komponist Walter Werzowa die klangvollste Melodie heraus, und ein professioneller Arrangeur erstellte die vollständige Instrumentierung. Das Ergebnis wurde am 9. Oktober 2021 im Bonner Telekom Forum der Welt zu Gehör gebracht. Das Orchester dirigierte Generalmusikdirektor Dirk Kaftan.

Dirk Kaftan mit dem Beethoven Orchester Bonn (Foto Deutsche Telekom)

Im Video starten die beiden rekonstruierten Sätze bei Minute 17:20. Das Scherzo besitzt Ohrwurm-Qualität; das Grundmotiv ist eine flott-beschwingte Ausgabe des Pa-Pa-Pa-Pam aus Beethovens Fünfter. Danach mischte die Künstliche Intelligenz oder Meister Werzowa die Themen bunt durcheinander. Es ertönt auch eine Orgel, wie man sie aus französischen Symphonien des 19. Jahrhunderts kennt. Der Satz endet kurz vor Minute 39:00, und es beginnt eine gut zwanzig Minuten lange Diskussion der Projektbeteiligten. Mit Beethovens echter 8. Symphonie klingt der Abend aus.

Ein anderes Video, das nur die Rekonstruktion der 10. enthält, befindet sich hier. Vor der Telekom produzierten zwei Musikfreunde, der Japaner Hideaki Schichida und der in Mühltal bei Darmstadt wohnende Gerd Prengel, alle vier Teile der Symphonie von Hand. Mit einem KI-fähigen Smartphone des chinesischen Huawei-Konzerns entstanden die symphonischen Sätze, die der Unvollendeten von Franz Schubert fehlen. Sie wurde in vollständiger Form am 4. Februar 2019 in London eingespielt; der neue Abschnitt fängt bei Minute 24:35 an. Ob das vielleicht die Telekom auf die Beethoven-Idee brachte?

Cameron Carpenter spielte bei der Premiere die Orgel. (Foto Deutsche Telekom)

Erinnern müssen wir noch daran, dass Menschen lange vor Künstlichen Intelligenzen mit einfacher Technik Musik schufen. Im 18. Jahrhundert kamen musikalischen Würfelspiele auf, bei denen man vorkomponierte Takte nach dem Zufallsprinzip aneinanderreihte. Nach dem Tod von Wolfgang Amadeus Mozart 1791 erschien ein Spiel auch unter seinem Namen. Mittlerweile liegt es im Internet vor: hier und hier geht es zu Online-Versionen. Dieser Link führt zu einem deutschen Programm; bitte „Würfeln“ und danach „Spielen“ anklicken.

Vor zwei Jahrhunderten baute der Uhrmacher Dietrich Nikolaus Winkel das Componium, einen Musikautomaten. Seine Walzen speicherten viele kurze Melodien; ein mechanischer Zufallsgenerator wählte Takte aus und kombinierte sie zu einem längeren Stück. Dieses wurde sofort vorgespielt. Das Componium steht heute im Musikinstrumentenmuseum von Brüssel. Sein Schöpfer wurde 1777 in Lippstadt bei Paderborn geboren und starb 1826 in Amsterdam. Die Vorform der KI machte ihn lange vor Heinz Nixdorf zum ersten Informatiker aus Ostwestfalen-Lippe. Zum Schluss wünschen wir allen einen guten Rutsch ins Jahr 2022.

Die Mechanik des Componiums: Unten sitzen zwei Walzen für die Melodien und darüber die Pfeifen der Orgel. (Foto Jbumw CC BY-SA 4.0 seitlich beschnitten)

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