Oh Spam, lass nach

Geschrieben am 01.05.2018 von

Zu den weniger schönen Erscheinungen des Internets zählen unerwünschte E-Mails, auch Spam genannt. Die erste Spam-Nachricht verschickte am 3. Mai 1978 Gary Thuerk, ein Mitarbeiter der Computerfirma Digital Equipment. Über das ARPANET, die Urform des Netzes, lud er zu Produktvorstellungen in Kalifornien ein. Seit den 1990er-Jahren ist Spam als Folge des Online-Booms ein globales Phänomen.

Shocking! Das dachten die englischen Politiker, die im Mai 1864 das gleiche Telegramm erhielten. Es kam aus heiterem Himmel und warb für die Zahnarztpraxis von M. & A. Gabriel in der Londoner Harley Street, Spezialisten für künstliche Gebisse. Die empörten Herren konnten nur Leserbriefe an die Zeitung „Times“ schreiben. So begann vor 154 Jahren die Karriere einer Kommunikationsform, die noch immer gepflegt wird – unverlangte Post mit zweifelhaftem Inhalt.

Was als Depesche anfing, setzte sich vor vierzig Jahren elektronisch fort. Am 3. Mai 1978 verschickten der Marketingspezialist Gary Thuerk und der Ingenieur Carl Gartley eine Rundmail über das 1969 eingeweihte ARPANET. Die beiden saßen in der amerikanischen Computerfirma Digital Equipment bei Boston und luden zu zwei Präsentationen in Kalifornien ein; dort sollten neue DEC-Systeme vorgestellt werden. Die sechshundert Adressaten ihrer Mail arbeiteten an der Westküste der USA; aus technischen Gründen erreichte sie aber nur 320 Personen.

Die Aktion löste einen allgemeinen Aufschrei aus; anschließend blieb das ARPANET lange  frei von Massenwerbung . In den Achtzigern kam es dann in der Rollenspiel-Gemeinde zu Netzattacken: Nutzer versuchten, die zugehörigen Chat-Runden durch Versenden riesiger Datenpakete lahmzulegen. Wie der kanadische Internetexperte Brad Templeton herausfand, bürgerte sich dafür der Name Spam ein. So hieß seit 1937 ein Dosenfleisch der US-Firma Hormel. 1970 machte die Komikertruppe Monty Python die Mahlzeit aufs Neue populär.

Am 31. März 1993 setzte Richard Depew in der Newsgroup news.admin.policy versehentlich 200 Kopien derselben Nachricht ab. Einige Gruppenmitglieder tadelten das als „Spam“, worauf sich Depew entschuldigte. Am 12. April 1994 posteten die Rechtsanwälte Laurence Canter und Martha Siegel eine Werbebotschaft an jede der 6.500 Gruppen des Usenet. Es dauerte nicht mehr lange, bis ebenso im E-Mail-Netz Spam erschien. Hier ist eine Leidensgeschichte aus Amerika, die im April 1995 begann.

Spamfilter von 2005   (Foto Computer History Museum)

In den Neunzigern tauchten auch Profi-Spammer auf; aktenkundig wurden Kevin Lipsitz, Jeff Slaton, Sanford Wallace, Yuri Rutman, Walt Rines, Dave Mustachi, Dan Huffnal, Joe Melle und Alan Relsky. Zur Jahrtausendwende etablierten sich Nigeria, Argentinien und Taiwan als Spam-Hochburgen. Auf der Gegenseite zeichnete sich der Engländer Steve Linford aus; er gründete 1998 die Anti-Spam-Organisation Spamhaus. Das erste Gesetz gegen Spam, den CAN-SPAM Act, erließen 2003 die Vereinigten Staaten.

Im Jahr 2004 wurde der Amerikaner Howard Carmack als erster Spammer zu einer Haftstrafe verurteilt. Schlimmer erging es seinem russischen Kollegen Vardan Kushnir: Er wurde 2005 in seiner Moskauer Wohnung ermordet aufgefunden. In Deutschland bemüht sich seit 2007 das Telemediengesetz um eine Spam-Reduzierung; die entsprechenden Klauseln stehen im Paragraph 6. Im gleichen Jahr begann die Internet-Beschwerdestelle mit ihrer Arbeit. Auch die Verbraucherzentralen richteten Beratungsbüros ein.

Wirkungsvoll sind darüber hinaus Spamfilter, das Blockieren von verdächtigen IP-Adressen und das Ausschalten von Spambots. So nennt man eine Software, die sich auf fremden Computern einnistet, gespeicherte Adressen liest und dahin Mails verschickt. 2017 zählten die deutschen Anbieter web.de und GMX 41 Milliarden Spam-Botschaften. Im Vergleich zu 2016 bedeutete das einen Rückgang von vier Prozent. Spamfrei wurden im letzten Jahr 771 Milliarden E-Mails verschickt.

Das beste Rezept gegen Spam ist und bleibt ein wacher Verstand. Ein Beispiel aus dem Mailprogramm: Platziert man bei den neuen Nachrichten den Cursor auf den Namen des Absenders, dann wird in der Regel die volle Mail-Adresse angezeigt. Und wenn die sich vom Namen erheblich unterscheidet, ist Misstrauen angebracht. Auch bei Lockungen, Drohungen und amtlich klingenden Ankündigungen sollte man aufpassen. Eine gute Übersicht über Betrugsversuche via Spam liefert die Seite der Onlinewarnungen.

Spam-Poet Christian Morgenstern – ein Selfie von 1906

Aber Geburtstage sollte man feiern, wie sie fallen. Wer Frühstücksfleisch nicht mag und keine Zeit für einen Besuch des Spam-Museums hat, der kann online und gefahrlos das schönste Spam-Gedicht aller Zeiten lesen. Das „Warenhaus für Kleines Glück“ erfand der Lyriker Christian Morgenstern schon 1910. Wenn man dort bestellt, „kommt von früh bis spät / Post von / aller Art und Qualität“. Hier gibt es das Warenhaus komplett.

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