Rechenmaschine oder Computer?

Geschrieben am 21.09.2018 von

Ein neuer elektronischer Tischrechner mit den Leistungen eines Computers: So nannte die kalifornische Hewlett-Packard Company vor fünfzig Jahren den HP 9100A. Das 41 mal 48 Zentimeter große Gerät beherrschte eine Vielzahl mathematischer Operationen, war programmierbar und zeigte das Resultat auf einem Bildschirm an; ein Drucker ließ sich draufsetzen. Werbeanzeigen bezeichneten den 9100A als „personal computer“.

In den wilden sechziger Jahren passierte viel in der Informatik. Die IBM präsentierte das System 360, Minicomputer und integrierte Schaltungen kamen heraus, die Computermaus wurde geboren und die Urform des Internets startete. Außerdem endete nach dreieinhalb Jahrhunderten die Karriere der vom Gelehrten Wilhelm Schickard erfundenen mechanischen Rechenmaschine. An ihre Stelle trat – wie könnte es anders sein – die Elektronik.

Die Anita der Bell Punch Company war der erste elektronische Tischrechner.

Die erste elektronische Maschine für die vier Grundrechenarten war 1961 die englische Anita. Sie arbeitete mit kleinen Kaltkathodenröhren, die nicht geheizt wurden. In den folgenden Jahren erschienen in Italien, Japan und den USA dann Rechenmaschinen mit Transistoren. 1965 brachte die IT-Firma Wang an der amerikanischen Ostküste ihr Modell 300 heraus. Es enthielt eine zentrale Transistor-Einheit, die mit Logarithmen multiplizierte und dividierte. Daran schlossen sich mehrere Terminals mit Tastatur und Resultatanzeige an.

An der Westküste, in Palo Alto nahe San Francisco, saß seit der Gründung im Jahr 1939 die Hewlett-Packard Company, kurz HP. Sie baute elektronische Messgeräte und Ausrüstungen; hinter den Kulissen entwickelte sie auch einen Minicomputer. Im Juni 1965 kam es in der Firma zu gleich zwei schicksalhaften Begegnungen. Der Physiker Malcolm Macmillan stellte den Prototypen eines elektronischen Rechners für mathematische Funktionen vor. Er verwendete einen digitalen Algorithmus, den der Ingenieur Jack Volder entdeckt hatte.

Das Balsaholz-Terminal von Thomas Osbornes Rechenmaschine, die er 1965 im HP-Hauptquartier vorführte. (Photo National Museum of American History)

Wenig später brachte der junge Elektronikspezialist Thomas Osborne einen Rechnerentwurf nach Palo Alto. Das Terminal aus grünlackiertem Balsaholz bediente einen Schaltkreis, der Gleitkomma-Operationen realisierte. Bei dieser Technik, die schon Konrad Zuse in den 1930er-Jahren kannte, werden Zahlen logarithmisch dargestellt, also mit dem Exponenten und der zugehörigen Mantisse. Nach einiger Bedenkzeit entschloss sich Hewlett-Packard, die Entwürfe zu übernehmen. Macmillan und Osborne erhielten Beraterverträge.

Zusammen mit den beiden Erfindern machten sich die HP-Entwickler an die Arbeit. Am 11. März 1968 konnte Forschungschef Bernard Oliver in New York das Ergebnis vorzeigen. Auf einer Pressekonferenz im Waldorf-Astoria-Hotel enthüllte er Modell 9100A. 41 Zentimeter breit, 48 Zentimeter tief und 21 Zentimeter hoch, wog es 18 Kilo. In vier Gruppen unterteilt, boten 63 Tasten ihre Dienste an. Ein kleiner Bildschirm zeigte übereinander die Inhalte von drei Registern. Im Aluminiumgehäuse steckten die Bildröhre und die Transistoren.

Ein Prototyp des HP 9100A aus der Entwicklungsphase; das Einstellrädchen wanderte später an die Seite. (Photo National Museum of American History)

Gedruckte Schaltungen und Fädelspeicher nahmen 32 Kilobit mathematischer Daten auf, ein Kernspeicher weitere 2.208 Bit. Im Typ 9100B von 1969 – er ist im Eingangsbild zu sehen – wuchs er auf 3.840 Bit. Neben den angezeigten Registern besaß der Rechner noch sechzehn Speicherplätze. Formeln wurden klammerfrei eingegeben. Man konnte Programme eintippen und in Magnetkärtchen festhalten. Diese guckte Hewlett-Packard bei dem Kleincomputer Olivetti Programma 101 ab. (Den Plagiatsprozess gewannen später die Italiener.)

In der Pressemitteilung vom März scheute Hewlett-Packard das Wort Computer und sprach von einem „electronic calculator“, einem elektronischen Tischrechner. Im September 1968 erläuterte die Firma ihn in ihrer Zeitschrift. Der Preis betrug 4.900 Dollar, was dem Gegenwert von drei Volkswagen entsprach. Zum Grundmodell kamen Peripheriegeräte wie ein Drucker, den man obenauf setzte. Ab 1969 wurde das Modell 9100A auch vom Hewlett-Packard-Werk in Böblingen produziert. Bei uns kostete es 25.000 DM.

Unten aus dem Gerät konnte der Benutzer die Bedienungsanteilung herausziehen.

Im Herbst 1968 begann eine Werbekampagne für das Gerät; hier ist ein längerer Film. Die Anzeigen lobten es nun als „personal computer“, „computing marvel“ – Rechenwunder – und „electronic genie“. Damit ist nicht das deutsche Genie, sondern eher der sagenhafte arabische Dschinn gemeint. 1970 verschenkte Hewlett-Packard einen 9100A an den Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke. Er gab ihm den Namen HAL junior. 1971 finden wir die Rechner mehrfach in den Kulissen des amerikanischen Zukunftsfilms Earth 2.

Mit dem 9100A gelang Hewlett-Packard ein fulminanter Einstieg in die wissenschaftliche Rechentechnik. Einen weiteren Meilenstein setzte die Firma im Jahr 1972 in Gestalt des Taschenrechners HP-35. Vergessen wir aber nicht, dass die erste noch mechanische Rechenmaschine für Sinus, Cosinus und andere verzwickte Funktionen 1950 in Stuttgart entstand. Erbauer war der Geodät Karl Ramsayer. Es ist eben alles schon mal dagewesen.

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