Sozialistische Automaten

Geschrieben am 19.03.2018 von

In der DDR gab es ebenso wie in den westlichen Ländern utopische Bücher und Filme. Manche behandelten die künftige Informationstechnik. Meist ging es um Roboter, doch ab und zu trat auch ein Computer auf. In der Spätzeit der DDR entstand ein Roman, der im Jahr 2062 spielte und in erstaunlicher Weise das heutige Internet vorwegnahm.

Die Zukunft ist etwas Wunderbares. Sie bringt eine bessere Welt, in der die Menschen alle Probleme lösen, den Weltraum erobern und denkende Maschinen bauen. Nachlesen können wir das in der utopischen Literatur. Entsprechende Filme zeigen es in allen Formen und Farben. In unserem Blog haben wir schon öfter darüber berichtet.

Auch die DDR hatte ein reiches Angebot an Science-Fiction. Zu den Themen zählten auch Computer und Roboter. Das wohl erste Werk war 1956 das Kinderbuch „Messeabenteuer 1999“ von Werner Bender: Zwei Jungen fahren mit der atomgetriebenen Schnellbahn von München nach Leipzig und treffen auf einen künstliche Menschen. Das Buch wurde zweimal verfilmt, 1958 für das DDR-Fernsehen und 1974 unter dem Titel Abenteuer mit Blasius fürs Kino. Den gleichnamigen Roboter spielte der Tscheche Leoš Suchařípa.

1968 erschien ein Roboter anderer Herkunft in einem Roman von Günther Krupkat. 1905 in Berlin geboren und 1990 dort verstorben, gehörte er zu den populärsten DDR-Utopisten. Der menschenähnliche „Nabou“ stammt von Außerirdischen, die ihn in alter Zeit auf der Erde zurückließen. Im Laufe der Handlung wird er aber enttarnt. Krupkat spielte auf die Theorie der Präastronautik an; angeregt wurde er aber weniger von Erich von Däniken, sondern von dessen russischem Vorläufer Matest Agrest.

Der Robotron Z 9001 war 1984 der erste Heimcomputer der DDR.

1973 legte der 1928 in Magdeburg geborene Karl-Heinz Tuschel „Die Insel der Roboter“ vor. Das Buch führte mitten hinein in die wissenschaftlich-technischen Revolution und in die Welt der Kybernetik, die in der DDR eine Zeitlang hoch geschätzt war. Ich-Erzähler Jürgen Tischner ist promoviert und Oberoffizier für Gefechtsleitelektronik in einem Panzerregiment. Im Jahr 1994 soll er in einem geheimen Institut für elektronische Pädagogik, abgekürzt Insel, das Training von drei Storos überwachen.

Die „Stochastischen Roboter mit Emotionsschaltung und innerem Umweltmodell“ sind ein Triumph der sozialistischen Technik und deshalb das Ziel von feindlichen Spionen. Ihre Sabotageversuche werden aber von Tischner im Keim erstickt, am Ende suchen die Agenten das Weite. Karl-Heinz Tuschel hatte Mathematik studiert und gab sich viel Mühe bei der Darstellung maschinellen Lernens. Die Storos verfügen über einen Speicher von zwei Megabit; der Protagonist besitzt einen selbstfahrenden Wagen der Marke Kyffhäuser.

1978 verfasste Tuschel den Roman „Die blaue Sonne der Paksi“, in dem ein Raumschiff mit Menschen und Robotern auf einem fernen Stern havariert; letztere begründen daraufhin eine neue Zivilisation. In „Kommando Venus 3“ von 1980 haben die Menschen die Nase vorn. Sie schaffen es, eine automatische Roboterfabrik auf dem Planeten wieder flottzumachen. Aus den Achtzigern sind Erzählungen „Computerspuk in Kosmograd“ und „Ein Expertensystem“ überliefert. Karl-Heinz Tuschel starb 2005.

Der K 8924 ging 1984 an Sparkassen, die Bahn und die Post.

Der Radrennfahrer, Sportjournalist und Schriftsteller Günter Teske wurde 1933 in Berlin geboren. 1978 kam in seiner Storysammlung „Die verschwundene Mumie“ die Geschichte „Ein talentierter Mittelstürmer“ heraus; darin treibt ein Fußballroboter mit seinem allzu fairen Spiel die Mitspieler zur Verzweiflung. Neun Jahre später erschien Teskes Erzählung „Eheglück aus dem Computer“. Sie behandelte – man kann es sich denken – einen Elektronenrechner, welcher einsame Herzen zusammenführt.

Längere Romane mit Computern finden wir in der DDR-Utopistik nur selten. Heiner Hüfner, Jahrgang 1940 und in Chemnitz ansässig, veröffentlichte 1985 „Sonne fünf“. In ihr kreist der Superrechner PERSOM in einer geostationären Raumstation um die Erde. Die Probleme beginnen, als zwei Frauen, von Beruf Künstlerinnen, mit einer Rakete eintreffen. Ehe wir zum wichtigsten Computerbuch der ostdeutschen Science-Fiction kommen, sei noch ein kurzer Blick auf die futuristische Filmproduktion gestattet.

Ein Klassiker ist der Streifen Der schweigende Stern von 1960. Im Raumschiff zur Venus fliegt der Raupenketten-Roboter Omega mit, der die Mitpassagiere im Schach besiegt. 1968 sendete das DDR-Fernsehen vor Weihnachten die dreiteilige Stunde des Skorpions, eine Agentengeschichte im All. Eine Nebenrolle spielte der weibliche Computer Elvira. Last not least müssen wir des Roboters RA-0-560 aus dem Film Eolomea gedenken. Der ziemlich wacklige Automat aus dem Jahr 1972 ist mittlerweile auf YouTube zu bewundern.

1986 kam der Robotron KC 85/3  – KC stand für „Kleincomputer“.

Und nun kommen wir zu Alfred Leman. Er wurde 1925 in Nordhausen geboren, studierte Biologie und Chemie und arbeitete von 1968 bis 1985 in der Forschung des VEB Carl Zeiss Jena. Leman war Co-Autor von zwei botanischen Lehrbüchern und schrieb daneben längere und kürzere Science-Fiction. In seinem Roman „Schwarze Blumen auf Barnard Drei“ von 1986 agiert ein Computer namens Beckmesser. Opernfreunde wissen Bescheid: So hieß der pedantische Schreiber aus Richard Wagners „Meistersinger von Nürnberg“.

Lemans nächstes Buch „Zilli 2062“ führte 1991 zur Erde zurück. Der Kurzroman schildert die Sommerferien eines jungen Mädchens in einem zukünftigen Berlin. Er erschien im bereits vereinten Deutschland, wurde aber mit ziemlicher Sicherheit noch zu DDR-Zeiten verfasst. Die vierzehnjährige Zilli saust mit Fünfeinviertel-Zoll-Disketten, aber ohne Schwierigkeiten durchs Internet, denn es gilt: „Man hatte den Erdball mit einem Netzwerk von Glas- und Metallkabeln umwoben, dessen Adern in den Wohngebieten der Menschen auffaserten.“

Und weiter: „Im Zeitraum von siebzig oder achtzig Jahren war das Netzwerk so zur Grundlage aller die Gesellschaft bewegender Prozesse geworden. Es funktionierte als unabdingbares Instrument, um diese Prozesse zu steuern, und ohne das Netz, nachdem es nun da war, lief nichts mehr.“ Wann und wo Alfred Leman das Netzwerk-Wissen erwarb, ist nicht bekannt. In seinem Buch erwähnte er die 414s-Hacker, die 1982 und 1983 amerikanische Computer attackierten. Die westdeutschen VAXbuster wurden nicht angesprochen.

Einen sowjetischen Prozessor mit 16 Bit erhielt 1986 der EC 1834.

Alfred Leman starb 2015 in Jena. Sein Internet-Roman ist nicht immer leicht zu lesen, aber auf jeden Fall ein faszinierendes Dokument der IT-Geschichte. Konkrete Denkmale der DDR-Informatik zeigt das HNF in der jüngst eröffneten Sonderschau Digging Deep. Der Bereich zu den Kopien und Chancen widmet sich den Computern im Osten, einige davon sehen Sie auch oben auf den Fotos im Blog. Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

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