Spiel mir das Lied vom weinenden Roboter

Geschrieben am 22.09.2015 von

Es ist kaum zu glauben, doch schon seit dem Jahr 1787 gibt es Lieder und Schlager, die mit Daten, Programmieren und Computern zu tun haben. Von der Registerarie aus der Oper „Don Giovanni“ von Wolfgang Amadeus Mozart führt ein musikalischer Weg bis zum kritischen Chanson „Der gläserne Mensch“, das Udo Jürgens im Februar 2014 herausbrachte.  

Welch ein Mann! 640 Freundinnen in Italien, 230 in Deutschland, 100 in Frankreich, 90 in Persien, 1003 in Spanien, und alle in einem Datenspeicher vereint, der stets für Updates bereitliegt. Das erzählt die Registerarie des Leporello, des Dieners von Titelheld Don Giovanni, in der 1787 in Prag uraufgeführten Oper von Wolfgang Amadeus Mozart. Das Register war dabei ein langer faltbarer Papierstreifen, und der Name des Benutzers übertrug sich mit der Zeit auf den Speicher selbst.

Das Lied des Leporello ist wohl das erste der Musikgeschichte über Bits und Bytes. Unsere nächste Arie behandelt das Programmieren, noch nicht von einem Computer, sondern von einem singenden Roboter in Form einer schönen Frau. Olympia tritt in „Hoffmanns Erzählungen“ auf, der Oper von Jacques Offenbach, die 1881 in Paris zur Premiere gelangte. Unser Videoclip stammt aus einem DDR-Film von 1970, der auf der gefeierten Inszenierung von Walter Felsenstein in Berlin basiert.

Nach jener Oper gab es lange Zeit nur die Werkslieder von IBM, die noch in der Zeit entstanden, als die Firma ihr Geld mit Lochkarten-Maschinen verdiente. 1968 besang die junge France Gall aber den „Computer Nr. 3“, der für jedes Girl den richtigen Boy sucht, und Reinhard Mey schrieb das „Klagelied eines sentimentalen Programmierers“, der sich in eine Rechenanlage namens 11X/13 verliebt. Diese himmelt aber einen anderen Programmierer an, worauf der Sänger ihr das Stromkabel kappt.

Aus den 1970er- und 1980er-Jahren kennen Freunde des progressiven Rock vielleicht die Band The Alan Parson Project. 1977 brachte sie, inspiriert durch den Zukunftsroman „Ich, der Robot“ von Isaac Asimov, das Album „I Robot“ heraus. Allerdings ist der titelgebende Track ein Instrumentalstück, und oft driftet die Musik in Discorhythmen ab. 1981 erschien dagegen ein Meilenstein des Elektro-Pop, die Langspielplatte „Computerwelt“ von der Düsseldorfer Gruppe Kraftwerk.

Das Cover zeigt ein Terminal des amerikanischen Typs Hazeltine 1500, in das die Mitglieder der Gruppe eingesetzt wurden. Die Tracks gehen mitten hinein ins volle Computerleben und reichen von der datengierigen „Computerwelt“ über „Nummern“ und „Taschenrechner“ zum „Heimcomputer“ – da war die Band auf dem letzten Stand der Entwicklung – und der beliebten „Computerliebe“. Merke: „It’s more fun to compute“. Das komplette Album lässt sich im Internet anhören, und dort gibt es ebenso „Die Roboter“ von 1978. Im Foto oben sieht man die dafür gebauten Kraftwerk-Roboter (Foto Ronald Preuß, CC BY-SA 2.0).

Ein Jahr nach der westlichen „Computerwelt“ antworteten die ostdeutschen Puhdys mit der rockigen „Computerkarriere“. Die DDR-Kritiker mochten die LP überhaupt nicht, doch die Fans kauften die Regale leer, und hier ist der Track „Computerman“. Zu Tränen rührte Nino de Angelo mit seinem Roboterlied von 1984, und 1985 bescherte uns die Neue Deutsche Welle wieder eine „Computerliebe“, diesmal vom Duo Paso Doble alias Frank und Rale Oberpichler und ein echter Ohrwurm.

In den 1990er-Jahren wurde das Internet zum Liederthema, und im Geist von Ada Lovelace leisteten Frauen Pionierarbeit. Den Anfang machten Les Horribles Cernettes, die Hausband des europäischen Kernforschungszentrums CERN, 1993 mit „Surfin on the Web“. Der Grund ist klar: Im CERN startete Tim Berners-Lee zwei Jahre vorher das World Wide Web. 1996 kämpften die deutschen Eurocats mit „Surfen Multimedia“ um die Teilnahme beim Eurovision Song Contest, schafften es aber nur auf den sechsten von zehn Plätzen. (Sieger Leon fiel später in der Vorrunde des ESC durch.)

Unser letzter Computersolist soll der im letzten Jahr verstorbene Udo Jürgens sein: 2011 und 2014 veröffentlichte er zwei Lieder über das Internet und seine Schattenseiten. „Du bist durchschaut“ und „Der gläserne Mensch“ enthalten nichts mehr vom Web-Optimismus der Neunziger, das Anhören lohnt sich aber auf jeden Fall. Hier gibt es den ersten und hier den zweiten Titel, und sie sind fast so etwas wie ein Vermächtnis, eine Mahnung an die Nachwelt, sich vor der Technik in Acht zu nehmen.

Doch es ist schon traurig, dass niemand mehr die digitale Liebe besingt.

 

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