Vor vierzig Jahren: Der Walkman kommt

Geschrieben am 28.06.2019 von

Eigentlich lag er erst am 17. Juli 1979 in den japanischen Elektroläden. Feiern können wir ihn aber schon jetzt. Mit dem Walkman TPS-L2 der Firma Sony begann vor vier Jahrzehnten eine neue Ära des Musikgenusses. Mit ihm konnte man die Lieblingslieder überall anhören. Bis zum Ende der Produktion 2010 wurden rund zweihundert Millionen Geräte verkauft.

„Tragbare Mini-Kassettengeräte, die Musik in HiFi-Qualität liefern, sind derzeit in Amerika und England große Mode und tauchen nun auch am Münchner Stachus und an der Hamburger Alster im Passantengewühl auf. In New York werden die Geräte an Silberkettchen um den Hals oder am Gürtel getragen.“ Das berichtete der SPIEGEL am 13. Oktober 1980. Gemeint war der Walkman der japanischen Firma Sony. Fünfzehn Zentimeter lang und  250 Mark teuer eroberte er gerade die Bundesrepublik.

Vorgestellt wurde er schon im August 1979 auf der Berliner Funkausstellung; New Yorker konnten ihn im Weihnachtsgeschäft kaufen. In Tokio war er ab dem 17. Juli 1979 erhältlich; als Erstverkaufstag gilt aber der 1. Juli. Die japanischen Fachjournalisten bekamen ihn am 22. Juni zu sehen. Der Walkman spielte die seit 1963 bekannten Kompaktkassetten ab; aufnehmen konnte er nicht. Den Strom zum Antrieb lieferte ein Akku. Unverzichtbar war der leichte Kopfhörer, der die Umwelt vor dem Mithören der Kassette bewahrte.

Kassettenrekorder Sony TC 50, der 1969 mit Apollo 12 zum Mond flog. (Foto Smithsonian National Air and Space Museum, transferred from the NASA – Johnson Space Center)

Der Walkman setzte den Trend zur Miniaturisierung fort, der nach der Erfindung des Transistors begann. Ein Vorläufer im weitesten Sinne war 1961 das Uher Report 4000; das kompakte Magnetofon aus München wog nur viereinhalb Kilo und wurde in alle Welt exportiert. 1968 brachte Sony das Kassettengerät TC-50 mit integriertem Mikrofon und Lautsprecher heraus; es war kürzer als der spätere Walkman. Das TC-50 und passende Musikaufnahmen begleiteten die Apollo-Astronauten der NASA zum Mond und zurück.

Zehn Jahre später kam das batteriegetriebene Modell Sony TCM-100 Pressman in den Handel, das Journalisten bei der Arbeit helfen sollte. Es enthielt ein Mikrofon, wog aber nur vierhundert Gramm. Zur Jahreswende 1978/79 kontaktierte Masaru Ibuka, Mitgründer und Ehrenvorsitzender von Sony, das Entwicklungslabor des Firmenbereichs Tonbandgeräte. Er wünschte sich einen Pressman mit Kopfhöreranschluss und Stereo-Wiedergabe; damit wollte er in die USA reisen und unterwegs Musik hören.

Tonband-Chef Kozo Ohzone ließ sofort ein Gerät bauen. Ibuka flog nach Amerika und war von der Leistung höchst angetan. Nach der Rückkehr teilte er das seinem Freund Akio Morita mit, den damaligen Direktor von Sony. Morita testete den umgebauten Pressman und war ebenfalls von seinem kommerziellen Potenzial überzeugt. Im Februar 1979 startete er die Entwicklung einer marktfähigen Version. Als Verkaufspreis setzte Morita 33.000 Yen fest; das entspricht heute knapp dreihundert Euro.

Ein Walkmann DD von 1982 – die Abkürzung steht für die Kraftübertragung („disc drive“).

Nach fünf Monaten war der Walkman fertig. Den Entwicklern half die Tatsache, dass alle Komponenten einschließlich des leichten Kopfhörers in der Firma vorlagen; man musste sie nur richtig zusammenfügen und in ausreichender Stückzahl vermarkten. Wie erwähnt, boten japanische Läden das Produkt am 17. Juli 1979 an. Bis Monatsende wurden nur dreitausend abgesetzt; im August hatte Sony aber die erste Serie von 30.000 Stück verkauft. Und danach gab es kein Halten mehr.

Der Walkman war nicht nur eine Marke, er wurde zum Kult und Mythos, vergleichbar dem Apple Macintosh oder dem Nintendo Game Boy. Trotz sich bald einstellender Konkurrenz und weiter zunehmender Digitalisierung hielt Sony die Fertigung bis Oktober 2010 durch. Bis zum Produktionsende liefen rund zweihundert Millionen Walkmänner vom Band. Heute werden noch die digitalen Verwandten des analogen Urmodells gefertigt; sie spielen CDs und MP3-Musikdateien.

1979 reichte Sony den Walkman noch nicht beim Patentamt ein. Ein Jahr später klopfte bei der Firma der deutsch-brasilianische Kulturmanager Andreas Pavel an; er hatte einen Stereobelt erfunden und schon 1977 patentierten lassen. Er ließ sich am Gürtel befestigen und funktionierte ansonsten wie das japanische Gerät. Pavel und Sony fochten daraufhin einen jahrelangen Rechtsstreit aus; 2004 einigte man sich außergerichtlich. Die Japaner zahlten dem Erfinder eine Summe, über deren Höhe man Stillschweigen vereinbarte.

Patentzeichnung von Andreas Pavel – 1 ist das Abspielgrät, 2 der Verstärker.

Schon 1964 beantragte der japanische Hersteller Olympus ein Patent für einen Walkman-ähnlichen portable tape-recorder. Es schützte aber nur das Design des Geräts; zum Glück für Sony lief es 1978 ab. Auch der Skirennläufer und Textilfabrikant Willy Bogner meldete sich als Erfinder. 1974 schneiderte er einen Skianzug mit Kassettenrekorder und in der Haube verborgenem Kopfhörer. Getestet wurde die Kluft vom berühmten Dirigenten Herbert von Karajan. Es kam aber weder zu einer Patentierung noch zu einer Serienfertigung.

Am Ende bleibt der Erfinderruhm wohl doch bei Masaru Ibuka und seinem Unternehmen. Unser Eingangsbild zeigt einen frühen Walkman in einer Ausstellung 2016 im Sony-Haus in Tokio; das Foto von Yoshikazu TAKADA (CC BY 2.0) wurde oben und an den Seiten beschnitten. Das Gebäude wurde inzwischen leider abgerissen.

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Ein Kommentar auf “Vor vierzig Jahren: Der Walkman kommt”

  1. Ulrich Klotz sagt:

    … das waren noch schöne Zeiten. Ich habe noch den allerersten Walkman von Sony. Auch einen DD-Quartz und den letzten, den Sony gebaut hat: WM-EX525, der mit einer einzigen 1,5V Batterie 35 Stunden läuft. Die beiden letzteren Walkmen sind neuwertig. Falls das Museum daran Interesse hat, sollten wir reden …

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