
Wunder 3D-Film
Geschrieben am 28.02.2025 von HNF
Am Sonntag werden im Dolby-Theater in Hollywood die Oscars verteilt. Daher wenden wir uns heute der Kinogeschichte zu und betrachten eine Technik, die seit langem fasziniert, den stereoskopischen Film. Ein früher 3D-Film aus Deutschland erlebte am 5. Dezember 1937 seine Premiere in Berlin. Er trug den Titel „Zum Greifen nah!“ und ist im Bundesarchiv erhalten.
Nein, für einen Oscar reichte es nicht. Doch Audioscopiks wurde 1936 in der Kategorie dokumentarische Kurzfilme nominiert und liegt auf YouTube vor. Der Streifen führte in die 3D-Technik mit Rot-Grün-Brillen ein. Die unterschiedlichen Farbfilter bewirken, dass die Augen des Brillenträgers zwei leicht verschobene Ansichten einer Szene wahrnehmen, die im Gehirn zu einem räumlichen Bild verschmelzen. Die weltweit erste Präsentation solcher Filme fand 1915 in einem New Yorker Theater statt.
Vorläufer gab es vor dem Ersten Weltkrieg in Europa. So erdachten der Berliner Ingenieur August Engelsmann und der dort tätige Filmpionier Oskar Messter eine Projektionstechnik, die helle Figuren über eine Bühne schweben ließ. Sie wurde unter den Namen Alabastra und Kinoplastikon realisiert. Ein dafür gedrehter Film Fantomo lief im April 1914 in Berlin; ein Bericht erschien im Scientific American. Technisch ähnelte Alabastra dem heutzutage als Holografie bekannten Verfahren, das mit der echten Holografie wenig zu tun hat.
Die erste „richtige“ 3D-Produktion aus Deutschland entstand 1937. Am 27. Mai des Jahres wurde in einem Vortrag in Dresden ein stereoskopischer Farbfilm der großen Gartenschau von 1936 gezeigt. Die Trennung der zwei Hälften des Films – für das linke und für das rechte Auge – erfolgte durch Projektion in unterschiedlicher Polarisierung. Das Publikum musste also Brillen mit ebenso polarisierten Gläsern aufsetzen. Die schlechte Nachricht ist, dass der angebliche Referent, ein Professor Ferdinand Bauer, keinerlei Spuren hinterließ.

Holografie der Kaiserzeit: beim Alabastra-Verfahren wird ein auf der Projektionsfläche A laufender Film durch die Glaswand B in den Zuschauerraum gespiegelt. Die Personen im Film erscheinen für die Zuschauer vor der Rückwand D.
Wir wenden uns daher dem nächsten 3D-Film von 1937 zu, der ebenfalls aus Dresden kam. „Zum Greifen nah!“ hieß das Erzeugnis der Firma Boehner-Film für die Volksfürsorge AG in Hamburg. Der elf Minuten lange Streifen kann auf der Internetseite des Bundesarchivs angeschaut werden, allerdings nur in der stummen Rohfassung. Man erkennt dennoch das Prinzip. Die Bilder für die zwei Augen sitzen nebeneinander und um 90 Grad gedreht auf dem Filmstreifen. Ein Spezialobjektiv trennt sie bei der Projektion, dreht sie zurück und wirft sie mit zwei Polarisierungen auf die Leinwand.
Die Betrachtung erfordert wieder eine Polarisationsbrille. Das Verfahren stammte von der Dresdener Zeiss Ikon AG, Einzelheiten bringt dieser Artikel. „Zum Greifen nah!“ wurde am 5. Dezember 1937 in Berlin aufgeführt. 1939 drehte Boehner-Film einen dreißigminütigen 3D-Streifen Sechs Mädels rollen ins Wochenend, der im Bundesarchiv liegt, doch nicht online ist. Im Krieg erstellte man stereoskopische Lehrfilme für Wehrmacht und Luftwaffe. Ein friedlicher Filmschnipsel von Schloss Babelsberg überlebte im Filmmuseum Potsdam.
Berliner und Berlinerinnen konnten im Oktober 1951 vier kurze 3D-Produktionen auf dem Messegelände erleben. Zwei Zeichentrick- und zwei Realfilme liefen im englischen Pavillon der Deutschen Industrie-Ausstellung; gleich nebenan schlug das Elektronengehirn Nimrod die Besucher beim Nim-Spiel. Die Streifen wurden ursprünglich für das Festival of Britain angefertigt, das von Mai bis September 1951 in London stattfand; hier geht es zu einer Beschreibung. Technisch handelte es sich um das altbekannte Polarisationsverfahren.
Am 26. November 1952 begann in den USA mit Bwana Devil eine zwei Jahre währende Welle von stereoskopischen Spielfilmen. Die deutsche Fassung Bwana der Teufel erhielt im April 1953 eher schlechte Kritiken. Im Monat davor kehrte das inzwischen in Hamburg arbeitende Boehner-Studio in die 3D-Welt zurück. „Plastische Vorstellung“, „Der Wagen und sein Werk“ und „Weißer Traum“ entstanden für das Volkswagenwerk und wurden auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt gezeigt. Das schrieb damals die ZEIT.
Danach machten sich 3D-Filme bei uns rar, ausgenommen zwei Erotikstreifen, die 1973 und 1983 die Leinwände füllten, und dem Weißen Hai 3-D von 1983. In den 1990er-Jahren weckte das IMAX-3D-Verfahren erneut Interesse für die Technik; verbesserte Stereobrillen ermöglichten eine saubere Trennung der Filmhälften auch in normalen Kinos. 2010 gewann der dreidimensionale Avatar drei Oscars und entwickelte sich zum größten Filmerfolg. (Dabei wurden vermutlich die Besucher der 2D-Version mitgezählt.)
Stereofilme, die man, falls vorhanden, mit der Rot-Grün-Brille auf YouTube anschaut, sind ein zweifelhaftes Vergnügen; uns gefiel aber ein NASA-Clip. Mit Hausmitteln realisierbar ist das 3D-Verfahren von Carl Pulfrich. Man hält eine Sonnenbrille oder eine dunkle Folie vor ein Auge und betrachtet mit beiden Augen bewegte Objekte. Ein schönes Beispiel befindet sich hier, andere ergibt eine YouTube-Suche mit „Pulfrich“ oder „Nuoptix“. Unter diesem Namen erschienen in den 1990er-Jahren Pulfrich-Videos im deutschen Privatfernsehen.
Zum Schluss wünschen wir unseren Lesern und Leserinnen eine unterhaltsame Oscar-Nacht in zwei Dimensionen.