Zugpostfunk: 100 Jahre Mobiltelefonie
Geschrieben am 06.01.2026 von HNF
Zur Zeit erleben die Kunden der Deutschen Bahn auf der Schnellstrecke Berlin-Hamburg nur den Schienenersatzverkehr. Vor hundert Jahren, am 7. Januar 1926, rollte dort der erste fahrplanmäßige Zug mit einem Telefon an Bord. Mit ihm konnten die Reisenden Gespräche nach außen führen und sich auch direkt anrufen lassen. So begann das Zeitalter der mobilen Kommunikation.
„deutsche zugtelephonie soeben im zuge f d 23 hamburg berlin dem oeffentlichen verkehr uebergeben punkt benutzen erstes telegramm aus fahrendem zuge hiervon mit dem ausdruck besten dank fuer bisherige foerderung mitteilung zu machen und bitten unseren bestrebungen das neue nachrichtenmittel zu vervollkomnen auch weiterhin wohlwollende unterstuetzung zuteil werden zu lassen zugtelephonie a g berlin“
Diese Depesche schickte am 7. Januar 1926 um 8.15 Uhr ein Mitarbeiter der genannten Firma irgendwo zwischen Hamburg und Berlin an das Reichspostministerium. Der Absender saß in einem Fernschnellzug der Reichsbahn – das zeigt das Kürzel FD 23 an – und weihte den an Bord installierten Zugpostfunk ein. Er bot vor allem die Möglichkeit, mit der Welt außerhalb der Strecke zu telefonieren, doch gab es auch eine Telegrafie-Funktion, und Telegramme ließen sich, siehe unten, publizieren.

So begann der deutsche Mobilfunk: das erste Telegramm aus dem FD 23 (Foto ANNO)
Schon 1906 übermittelte die Firma Telefunken Morsezeichen aus einem fahrenden Zug an einen stationären Empfänger. Gesendet wurde auf Mittelwelle auf der Militärbahnstrecke Berlin-Zossen. 1911 und 1912 testete eine englische Lokalbahn ein echtes Telefonsystem südlich von Birmingham. Es ging auf den deutschen Ingenieur Hans von Kramer zurück und verband Eisenbahn und Festnetz. Von Kramer und sein Railophone sind heute weitgehend vergessen, das Patentamt verwahrt jedoch viele Patente von ihm, bitte den Namen des Erfinders in das Menü eintippen.
In den 1910er-Jahren entstand auch eine Zugtelefon-Anlage in Schweden, die dieses Patent beschreibt; sie verwendete elektrische Induktion. Die Dr. Erich F. Huth GmbH, ein Berliner Funktechnik-Hersteller, erprobte das Verfahren 1918 auf der erwähnten Militärbahn. Es erwies sich als unzureichend, und Huth entwickelte eine andere Übertragungstechnik. Sie benutzte quasi huckepack die Leitungen für Telefonate und Telegramme, die neben den Schienen verliefen. Die kurze Distanz zwischen Zug und Kabel wurde per Funk überbrückt.

Skizze des Zugpostfunks vom Oktober 1926; bitte zum Vergrößern anklicken (Foto ANNO)
Bei einem Telefonat strahlte ein Sender im Zug – siehe obiges Bild – über die Antenne, die sich über die Dächer zweier Waggons erstreckte, Funkwellen aus, die durch die Ströme des Telefonats moduliert waren. Sie setzten sich über die Freileitung neben der Strecke fort und erreichten die Endpunkte in Berlin und Hamburg. Dort saßen Vermittlungsstellen mit einem Sender und einem Empfänger; sie waren mit dem normalen Telefonnetz verbunden. Diese Stellen speisten ebenso die Antworten des jeweiligen Gesprächspartners ein.
Zwischen 1922 und 1924 führte Huth das System mehrmals bei Versuchsfahrten vor. Daneben wurden Lücken in der Freileitung geschlossen, etwa dort, wo Kabel unterirdisch verliefen. 1925 erfolgte die Gründung der Zugtelephonie AG, die den Kommunikationsdienst betreiben sollte. Anfang 1926 war es soweit. Am 6. Januar dampfte ein Zug mit Reportern, die das System live erleben wollten, von Berlin Richtung Hamburg; hier geht es zum Artikel der SPD-Zeitung „Vorwärts“. Einen Tag später wurde es offiziell eingeweiht.

Lok der Baureihe S 10, die FD-Züge zog. (Foto Bundesarchiv, Bild 102-01341A / CC BY-SA 3.0 seitlich beschnitten)
Dem Zugpostfunk war allerdings nicht der Erfolg beschieden, den die Post, die Bahn und der Hersteller Huth sich erhofften, sodass es bei der Verbindung Berlin-Hamburg blieb. 1931 übernahm die Schlaf- und Speisewagengesellschaft MITROPA den Dienst; ein Film der Reichsbahn aus dem Jahr 1936 erwähnt ihn bei Minute 3:30. 1939 wurde er eingestellt. Ab 1955 bot die Bundesbahn eine Neuauflage der Technik an. Näheres bringt die Wikipedia. Überliefert sind ähnliche Dienste in den USA, Japan, Frankreich, Italien und Österreich.
Wer sich für die alte deutsche Zugtelefonie interessiert, findet einiges zu ihr in Zeitschriften aus Österreich. Informative Artikel stehen hier, hier und hier, bitte rechts oben im Menü mit den kleinen Pfeilen umblättern. Neben der Telefonie für die Kunden der Bahn gab und gibt es den drahtlosen Zugfunk für ihre Mitarbeiter, über den ebenfalls die Wikipedia berichtet. Auch zu ihm existiert ein schönes Video. Wir freuen uns natürlich, dass sich die deutschen Postmuseen des Themas annehmen,

Auf der Funkausstellung 1924 wurde die Zugtelefonie schon in einer Installation vorgeführt. (Foto Bundesarchiv, Bild 102-00879 / CC BY-SA 3.0 seitlich beschnitten)