Bildschirmfoto-1

100 Jahre Fernsehen

Geschrieben am 26.01.2026 von

Wie die Suchmaschine Google hat das Fernsehen mehr als einen Geburtstag. Wir halten uns an den 26. Januar 1926. Vor hundert Jahren führte der Schotte John Logie Baird in seiner Londoner Werkstatt einer Gruppe von Besuchern sein System vor. Es übertrug ein dreißig Zeilen umfassendes Fernsehbild auf mechanisch-elektrischem Wege von einem Zimmer in ein anderes.

In der Frith Street 20 im Londoner Stadtteil Soho erinnert ein Schild an den Aufenthalt des jungen Wolfgang Amadeus Mozart; das Gebäude, in dem er 1764 und 1765 wohnte, ist aber verschwunden. Am Haus Nr. 22 hängt die nächste „blue plaque“. Sie besagt, dass dort John Logie Baird 1926 zum ersten Mal das Fernsehen zeigte. Weiter unten an der Fassade nennt eine Tafel des Ingenieurverbands IEEE auch den Tag, den 26. Januar 1926.

John Logie Bairds Adresse in Soho mit inzwischen drei Plaketten – die Werkstatt lag unter dem Dach. (Foto Matt Brown CC BY 2.0 seitlich beschnitten)

Die Geburt des, um genau zu sein, elektromechanischen Fernsehens schilderten wir schon im Blog. Sein Urheber John Logie Baird wurde am 13. August 1888 in Helensburgh nahe Glasgow geboren und starb am 14. Juni 1946 im südenglischen Bexhill, Wer sich im Internet Archive anmeldet, kann seine 1988 erschienenen Memoiren lesen. Seine Versuche begann Baird 1923, er befasste sich jedoch schon zwanzig Jahre vorher mit dem Thema, als er das Buch „Das Selen und seine Bedeutung für die Elektrotechnik“ von Ernst Ruhmer studierte.

Der deutsche Physiker erwähnte darin das Problem der Fernsehübertragung und das Teleoskop des Schweizer Erfinders Charles Dussaud aus den späten 1890er-Jahren. Es benutzte zur Bildzerlegung eine Lochspirale wie bei der Scheibe, die der Berliner Student Paul Nipkow 1884 zum Patent anmeldete. In Bairds Erinnerungen kommt Nipkow nicht vor, doch seine Idee war ihm natürlich bekannt; die Nipkow-Scheibe mit Linsen bildete neben der Fotozelle die Basis seiner Experimente. Im Folgenden schildern wir Bairds Aktivitäten vom März 1925 bis zum TV-Start im Januar 1926.

Die Vorderseite der TV-Anlage mit dem Erfinder im März 1925 (Foto Science Museum Group CC BY-NC-SA 4.0 seitlich beschnitten)

Am 16. März 1925 eröffnete das Londoner Kaufhaus Selfridge die nach eigenen Angaben erste öffentliche Fernsehpräsentation – „the First Public Demonstration of Television“. Im Mittelpunkt stand das Aufnahme- und Wiedergabe-Gerät von John Logie Baird. Er brachte seine Anlage von der Frith Street 22 in die Oxford Street 400 und führte sie drei Wochen lang dreimal täglich der Kundschaft vor. Dafür zahlte ihm Selfridge sechzig Pfund. Der Kamerateil des Fernsehers mit sechzehn Linsen ist oben im Eingangsbild zu erkennen.

Auf der Ausgabeseite erzeugte eine ringförmige Nipkow-Scheibe ein Sechzehn-Zeilen-Bild, das durch einen Guckkasten betrachtet wurde. Im Kaufhaus schuf Baird kleine Animationen mit einer beleuchteten Papiermaske, die ein Auge schloss oder den Mund öffnete. Offenbar sahen das auch die frühen Fernsehzuschauer so. Im Januar 1925 beschrieb der Erfinder das im März gezeigte System in der Zeitschrift Wireless World, bitte zu PDF-Seite 69 gehen. Ein neuerer Artikel dazu, verfasst von Bairds Sohn und seinem Enkel, steht hier.

Rückseite mit Guckkasten zum Betrachten des Nipkow-Bildes (Foto Science Museum Group CC BY-NC-SA 4.0 seitlich beschnitten)

Wer es möchte, kann schon den 16. März 1925 als Geburtstag des Fernsehens bezeichnen, im Internet fanden wir außerdem den 2. Oktober 1925. Damals gelang Baird die Aufnahme eines Menschen. Der Büroangestellte William Taynton arbeitete ebenfalls in der Frith Street 22, die BBC interviewte ihn vierzig Jahre nach dem Ereignis. Wahrscheinlich setzte Baird den jungen Mann vor die Lampen, die in diesem Artikel aus dem November 1926 abgebildet sind – bitte PDF-Seite 25 aufschlagen – und deren Hitze er nur eine Minute aushielt.

Der entscheidende Termin war allerdings der 26. Januar 1926. An diesem Tag fand in Soho die Vorführung für Angehörige der Royal Institution und einen Reporter der „Times“ statt; der Artikel folgte am 28. Januar. Im Lauf der Zeit entwickelte sich das obige Datum zum Beginn der Fernsehtechnik, sofern man nicht nur drahtlose Sendungen und elektronische Aufnahme und Wiedergabe gelten lässt. John Logie Baird sprach in seinen Memoiren und 1937 in einer Wochenschau vom 27. Januar 1926, was mit Sicherheit falsch ist.

Der Empfänger der Vorführung vom 26. Januar 1926 – links befindet sich eine Neon-Lampe. (Foto Science Museum Group CC BY-NC-SA 4.0 seitlich beschnitten)

Die Anlage, die Baird vor hundert Jahren enthüllte, unterschied sich in einigen Punkten vom Selfridge-System. Zum Scannen eines Objekts – oder eines menschlichen Kopfes – diente eine Nipkow-Scheibe mit dreißig Linsen, eine analoge Scheibe oder ein Ring erlaubte das sofortige Betrachten der Aufnahmen. Leider blieb keines dieser Teile erhalten. Ein neues Element war der Empfänger mit einer Dreißig-Loch-Scheibe, der das Bild per Kabel erhielt; er taucht am Ende der Wochenschau auf. Das Gerät befindet sich im Science Museum in London und ist das einzige konkrete Zeugnis von der Fernsehgeburt.

Im Februar 1926 bezog Baird eine neue Werkstatt im Londoner Theaterviertel. Mit einer Lizenz der Post durfte er jetzt Bilder per Funk übertragen, Anfang 1928 erreichte er die USA. Im gleichen Jahr verkaufte seine Firma einen Dreißig-Zeilen-Empfänger. Ab September 1929 fanden in Kooperation mit der BBC Versuchssendungen in England statt. 1935 startete die Reichs-Rundfunk-Gesellschaft in Berlin das erste reguläre TV-Programm mit 180 Zeilen und Nipkow-Technik auf der Aufnahmeseite. 1936 bot die BBC ein vollelektronisches Fernsehen mit 405 Zeilen und alternativ ein Baird-System mit 240 Zeilen an.

In diesem Haus begann Baird mit drahtlosen TV-Versuchen (Foto Robert Lugg CC BY-SA 4.0 seitlich beschnitten)

Im Folgejahr entschied sich die Sendeanstalt gegen die weitere Nutzung dieses Verfahrens. Damit endeten die Arbeiten von John Logie Baird für das öffentliche Fernsehen. Er starb 1946, seine Firma überlebte bis 1948. Hier und hier geht es zu unseren Blogbeiträgen über TV-Versuche in Berlin in den späten 1920er-Jahren. Dieser Link führt zum Nachlass von Paul Nipkow, den die Museumsstiftung Post und Telekommunikation verwahrt.

Tags: , , , , , , , , , , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Wir stellen diese Frage, um Menschen von Robotern zu unterscheiden.