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1950 – die erste Volkszählung der DDR

Geschrieben am 29.08.2025 von

In den letzten Augusttagen des Jahres 1950 erhielten die Bürgerinnen und Bürger der DDR die Unterlagen für eine Volkszählung. Sie sollten zudem Auskünfte zu Arbeitsstätten, Kleingärten und Kleinbetrieben geben. Stichtag des Zensus war der 31. August, danach wurden die ausgefüllten Papiere eingesammelt. Die Auswertung der Daten erfolgte mit Lochkartentechnik, die Ergebnisse blieben aber jahrelang geheim.

„Auch in der Sowjetzone wird im Spätsommer eine Volkszählung stattfinden. Am 31. August sollen dort die Einwohner und auch die nichtlandwirtschaftlichen Arbeitsstätten, Kleingärten und Kleinbetriebe der Land- und Forstwirtschaft und des Gartenbaues gezählt werden. Die Volkszählung in der Bundesrepublik findet am 13. September statt.“

Das meldete die junge Deutsche Presse-Agentur im Juni 1950. Seit dem Mai 1949 gab es die Bundesrepublik, seit Oktober die DDR, in westlichen Zeitungen meist SBZ, Sowjetzone oder Zone genannt. Hüben und drüben wurde 1950 das Volk gezählt, nicht zum ersten Mal seit Kriegsende. Am 12. August 1945 fand im gesamten Berlin ein Zensus statt. Die sowjetischen Besatzungsbehörden organisierten am 1. Dezember 1945 eine Volkszählung, der Alliierte Kontrollrat veranlasste am 29. Oktober 1946 eine weitere in allen vier Zonen.

Einweisung einer Volkszählerin (Foto Bundesarchiv, Bild 183-T00384  CC BY-SA 3.0)

Die DDR-Aktion basierte auf einer Verordnung der Regierung vom 25. Mai 1950. Die erste Durchführungsbestimmung kam am 29. Juli vom Ministerium für Planung; ihm unterstand das Statistische Zentralamt in Ost-Berlin, das die Oberaufsicht über die Zählung hatte. Die Verantwortlichen wussten von der Weltzählung, zu der die Vereinten Nationen aufgerufen hatten. Das heute ziemlich vergessene Projekt umriss Zensus-Maßnahmen in allen Ländern der Erde; sie sollten ab 1950 oder 1951 ähnlich wie in den USA alle zehn Jahre ablaufen.

In der DDR wurden im Juli 1950 die Zählbezirke gebildet und Zähler angeworben. Bis Mitte August erhielten die Gemeinden die Unterlagen, die sie an die Zähler weitergaben. Ab dem 18. August erschienen Berichte im Radio und in den Zeitungen. Vom 24. bis zum 27. August schwärmten in 187.366 Bezirken 193.786 Zähler und Zählerinnen aus und verteilten die Bögen an die Bevölkerung. Als Zensustermin galt der 31. August, ein Donnerstag; an diesem und am Folgetag standen die lokalen Zählungsbüros für Auskünfte zur Verfügung.

Der Volkszähler ist da und hilft Herrn und Frau Mielke – sic! – beim Ausfüllen der Bögen. (Foto Bundesarchiv, Bild 183-T00386 CC BY-SA 3.0 seitlich beschnitten)

Ab dem 1. September klopften die Zähler wieder an und nahmen die ausgefüllten Bögen mit. Bis zum 5. September lieferten sie die Papiere bei den Zählungsbüros ab. Von dort ging alles an die Statistischen Kreis- und Landesämter. Letztere übernahmen die Aufbereitung von Hand; danach setzte das Statistische Zentralamt die Arbeit mit Lochkarten-Maschinen fort. Das Zählpersonal draußen im Lande kämpfte mit Stromsperren und Materialmängeln aller Art. Einen kuriosen ideologischen Streit lösten die „Knechte und Mägde“ aus, die in der Erstauflage der Zählbögen auftauchten; später wurden sie daraus entfernt.

Für die Auswertung  der Daten ist der Einsatz von Lochkartentechnik durch Fotos belegt. Das Eingangsbild oben stammt aus dem Bundesarchiv (Bild 183-T00387 CC BY-SA 3.0 seitlich beschnitten); die Locherin sitzt an einer Maschine von Powers. Ein ähnliches Modell, einen Powers-Kartenprüfer, zeigt das HNF. Die Firma betrieb bis zum Zweiten Weltkrieg eine Fabrik in der Berliner Friedrichstraße; Konkurrent DEHOMAG saß in Lichterfelde. Das Statistische Zentralamt erbte den Locher vermutlich vom gleichnamigen Reichsamt; 1946 umfasste die Abteilung „Hollerith“ – die sicher auch Powers-Technik nutzte – sechzig Personen.

Ein Techniker kümmert sich um die Powers-Hardware im Statistischen Zentralamt der DDR. (Foto Bundesarchiv, Bild 183-T00288 CC BY-SA 3.0 seitlich beschnitten)

Mit Veröffentlichungen zur Volkszählung ließ sich das Amt etwas Zeit. Erst die Statistischen Jahrbücher der DDR von 1955 und 1956 – man findet sie hier – publizierten einige Resultate. Wir beschränken uns auf die Angabe, dass die Republik 1950 rund 18.388.200 Einwohner hatte. Von ihnen wohnten 1.189.100 in Ost-Berlin. Die nächsten DDR-Volkszählungen fanden im Dezember 1964, im Januar 1971 und im Dezember 1981 statt. Aus dem Oktober 1964 ist ein TV-Bericht über eine Pressekonferenz zu der zweiten Zählung überliefert.

Über die erste liegt im Internet einiges Material. Das zentrale Zählbüro der DDR-Verwaltung für Statistik stellte es 1983 zusammen, es war unsere Hauptquelle. Dieser Link führt zu einer Geschichte der ostdeutschen Statistik aus dem Jahr 1999. Der Zensus von 1950 ist wohl nicht filmisch dokumentiert, den Freunden alter Volkszählungen können wir jedoch Ersatz aus der Schweiz anbieten – bitte den YouTube-Link im Fenster anklicken. Im September werden wir im Blog die Volkszählung von 1950 in der Bundesrepublik behandeln.

Der Powers-Kartenprüfer im ersten Obergeschoss des HNF ist ein naher Verwandter der Locher, die bei der Volkszählung eingesetzt wurden. Bitte zum Vergrößern anklicken!

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