24 Stunden im Cyberspace

Geschrieben am 09.02.2021 von

In den 1990er-Jahren war Multimedia angesagt und es surften außerdem immer mehr Menschen im Internet. Das brachte den amerikanischen Journalisten Rick Smolan auf ein globales Projekt. Am 8. Februar 1996 nahmen Tausende von Amateur- und Profi-Fotografen Bilder der durch die Digitaltechnik veränderten Welt auf. Sie erschienen anschließend im Netz, im Buch und in einer Ausstellung.     

1996 kam das Internet – so scheint es im Rückblick. Am 1. März sangen die Eurocats vom Surfen Multimedia, zehn Tage später schmückte D@s Netz das Cover des SPIEGEL. Das ZDF beantwortete in zweieinhalb Minuten die Frage Was ist das Internet?, der Sender 3sat widmete dem Thema etwas mehr Zeit. Die „Neue Zürcher Zeitung“ klärte schon 1995 auf, und im Blog erwähnten wir den Börsengang der Browserfirma Netscape am 9. August jenes Jahres. Er machte den Amerikanern die Bedeutung des World Wide Web deutlich.

Es war auch ein Amerikaner, der das erste globale Internet-Event organisierte. Es fand am 8. Februar 1996 statt und trug den Titel „24 Stunden im Cyberspace“. Der Organisator hieß Rick Smolan, war Jahrgang 1948 und von Beruf Fotojournalist. Bekannt gemacht hatte ihn 1978 ein Artikel im Magazin „National Geographic“. Smolan beschrieb damals die junge Abenteuerin Robyn Davidson, die mit vier Kamelen und einem Hund 2.700 Kilometer durch die australische Wüste marschierte. Ihre Geschichte wurde später verfilmt.

Schon 1974 hatte Rick Smolan in einem Foto-Projekt der Illustrierten LIFE mitgewirkt, das Einen Tag im Leben Amerikas schilderte. 1981 kam er auf die Idee zurück und fand hundert Fotografen, die einen Tag im Leben Australiens dokumentierten. Das daraus entstandene großformatige Buch wurde ein Bestseller. In den folgenden Jahren erstellte Rick Smolan weitere Bände im gleichen Stil, zum Beispiel über Japan, China, Israel, Kanada, Spanien und die Sowjetunion. 1986 erschien eine neue Version des Lebens in Amerika.

Rick Smolan, Großmeister des Fotobuchs

1992 gab er ein Buch über Robyn Davidson heraus, das CDs mit Fotos und multimedialen Informationen mitbrachte. Das war damals ziemlich neu. Im Mai 1995 begann er ein Projekt für das Medienlabor des Massachusetts Institute of Technology. Sein Direktor Nicholas Negroponte – wir sind ihm im Blog begegnet – plante für den zehnten Geburtstag am 10. Oktober 1995 ein Fest im Internet. Computernutzer mit Netzanschluss sollten aus aller Welt digitale Bilder, Töne und Texte ans MIT schicken. Dort wollte man sie aufbereiten und online stellen.

Im August 1995 schied Smolan aus dem Projekt aus; der Grund ist unklar. Das MIT musste die digitale Geburtstagsfeier nun selbst organisieren, was mit Hilfe einiger Sponsoren auch gelang. Ein Tag im Leben des Cyberspace fand wie vorgesehen statt. Die Tageszählung vom 1. zum 10. Oktober 1995 ist noch erreichbar – bitte jeweils unten [next] anklicken. Die zugehörige Internet-Seite ist archiviert, und hier gibt es Fotos von der Geburtstagsparty im Medienlabor. Aus dem angedachten Begleitbuch „Bits of Life“ wurde aber nichts.

Rick Smolan machte dann aus dem Tag die 24 Stunden im Cyberspace. Am 8. Februar 1996 schwärmten 150 Berufsfotografen und Tausende von Amateuren aus und porträtierten die Welt, die uns das World Wide Web bescherte. Zusammen mit Hintergrund-Informationen und O-Tönen mailten sie ihre Fotos an eine „Mission Control“ in San Francisco. Hier saßen auf 600 Quadratmetern achtzig technische, künstlerische und journalistische Mitarbeiter; sie wählten die besten Bilder und Geschichten für die Website des Projekts aus.

Einen Überblick über ihr Werk lieferte diese PDF-Datei. Das Fernseh-Netzwerk ABC sendete einen Tag später eine Reportage, die die Stimmung der „24 Stunden“ einfing; wir sehen natürlich auch Rick Smolan. (Die Werbespots bitten wir zu entschuldigen.) Unter den Profi-Fotografen waren zwei Deutsche, Jörg Müller und Manfred Scharnberg. Die prominenteste Lichtbildnerin war Tipper Gore, die Frau des amerikanischen Vizepräsidenten Al Gore. Sie benutzte schon eine Digitalkamera.

Tipper Gore 2007 (Foto Jodi Cobb CC BY 3.0 seitlich beschnitten)

Die meisten Fotos dürften aber analog entstanden sein. Kodak, einer der Hauptsponsoren, stiftete 9.000 Filmrollen und Scanner zum Digitalisieren. Die Firma Sun Microsystems sorgte für die Internet-Server, Adobe steuerte Programme wie Photoshop und PageMaker bei. Insgesamt beteiligten sich fast fünfzig Unternehmen am Cyberspace-Projekt, sei es durch Hard- und Software, sei es durch Personal. Die „24 Stunden“-Adresse verzeichnete in 24 Stunden insgesamt viereinhalb Millionen Besuche.

www.cyber24.com umfasste sechs Kapitel und einen Abschnitt, den Schüler und Studenten gestalteten. Die Seite lässt sich heute im Internet-Archiv aufrufen. Wer sich dort anmeldet, kann außerdem für einige Zeit in das Begleitbuch schauen. Es kam im Oktober 1996 heraus und zählt 224 Seiten. Der Kritiker der New York Times war von ihm nicht begeistert, die Fotos erinnern oft an das „National Geographic“-Magazin. 1997 wurden fünfzig von ihnen vergrößert und im Museum für amerikanische Geschichte in Washington ausgestellt.

In deutscher Sprache berichtete nur eine Computerzeitschrift – bitte etwas scrollen. Nach den „24 Stunden“ organisierte Rick Smolan weitere Foto-Projekte, darunter auch zwei mit Internet-Bezug. Seine Veranstaltung vom 8. Februar 1996 zeigt vor allem die Hoffnungen, die man zu jener Zeit ins neue elektronische Medium setzte. Inzwischen sind wir etwas schlauer und um einige Enttäuschungen reicher. Aber ohne Internet und Cyberspace wären wir sicher viel, viel ärmer dran.

Wir schließen mit einem Blick in das „24 Stunden“-Buch. Das Foto zeigt den russischen Astronomen Alexander Militsky im Home Office. Das gab es also auch schon vor 25 Jahren.

 

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Ein Kommentar auf “24 Stunden im Cyberspace”

  1. Ein faszinierendes Projekt, dass mir so gar nicht bekannt war. Es sagt einiges Über die Erwartungen und Hoffnungen aus, die mit dem Medium des Web verbunden wurden.

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