Als Kugelschreiber rechnen lernten

Geschrieben am 21.01.2020 von

In der Rechentechnik finden wir früh die Miniaturisierung. 1902 erfand ein Franzose einen Federhalter mit schmalen logarithmischen Skalen. Sie sollten ihn zu einem Rechenschieber machen. Ähnliche Konzepte gab es in anderen Ländern; einige wurden sogar in Serie gefertigt. Der letzte Mini-Schieber war vermutlich der rechnende Kugelschreiber, der in den 1970er-Jahren in Erkrath bei Düsseldorf herauskam.

Die Rechentechnik zerfällt in analoge und digitale Geräte. Letztere kennen wir als Computer, erstere sind so gut wie ausgestorben. Vor fünfzig Jahren wurde der Umgang mit analogen Rechenstäben aber noch im Gymnasium gelehrt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts machten sich Erfinder Gedanken, wie man solche Stäbe weiter verkleinern, ja fast unsichtbar machen könnte. Eine Lösung war die Verbindung von Rechenschieber und Schreibstift.

Der Rechenstab-Federhalter wurde 1902 unter Nr. 320.058 in Frankreich patentiert.

Am 29. März 1902 meldete M. R. Kron junior – mehr wissen wir nicht über ihn –  vermutlich in Paris eine Erfindung zum Patent an. Sie betraf eine „règle à calcul avec porte-plumes ou porte-mines“, zu Deutsch einen Rechenschieber mit Federhalter oder Druckbleistift. Die Patentgrafik zeigt ihn mit spitzer Stahlfeder; auf dem Schaft sitzen der Länge nach feste und bewegliche logarithmische Skalen. Ein Ring aus Zelluloid lässt sich auf und ab schieben. Zusammen ergeben die Elemente einen Rechenschieber aus Körper, Zunge und Läufer.

Krons règle à calcul war der erste Versuch, ein Rechen- mit einem Schreibwerkzeug zu vereinen. Dahinter stand wahrscheinlich die Idee, das Ergebnis einer Rechnung gleich zu notieren. Zugleich stellte das Patent einen Schritt zur Miniaturisierung dar. Ein ähnliches Patent erhielt 1908 William Harlow aus dem amerikanischen Bundesstaat Massachusetts. Seine calculating rule umfasste ein Rohr auf einem Bleistift und eine verschiebbare Hülse. Beide trugen wieder Rechenstab-Skalen. Außen saß noch ein Ring als Läufer.

Der logarithmische Bleistift von William Harlow erhielt 1908 das US-Patent 883.800.

In den 1920er-Jahren wurden die ersten Rechenstabstifte tatsächlich produziert. Es handelte sich um Entwicklungen des im damals polnischen Lwow lebenden Joachim Schauer und von Leonard Yoder aus dem US-Staat Ohio. Schauer verkürzte die beweglichen Teile, sodass sie nicht über den Stift herausragten. Die Konstruktion wurde in Serie gefertigt und an diverse Firmen verkauft. Sie konnten ihren Namen auf den Rechenstift setzen und ihn beliebig weitergeben. Unser Eingangsbild zeigt ein solches Werbegeschenk.

Yoders Stab wurde 1928 und 1929 von der Ruxton Multi-Vider Corporation in New York vertrieben. Das Unternehmen gehörte dem Wall-Street-Finanzmann William Ruxton. Wie es scheint, erlitt er beim Börsenkrach vom Oktober 1929 aber so große Verluste, dass er die Fertigung des Rechenschreibers beeendete. Details und Fotos bringt der amerikanische Sammler Jonathan Veley in seinem Blog. Das auffälligste Merkmal des Multi-Vider war, dass man ihn der Länge nach auseinanderziehen konnte.

Der Rechenstift von Joachim Schauer (DRP 423.733) ging in Serie. Durch die verdoppelte Skala wurden die beweglichen Teile verkürzt. (Foto www.rechnen-ohne-strom.de)

Nach dem Zweiten Weltkrieg ging das Erfinden weiter; neue rechnende Stifte erschienen. Wir möchten uns auf drei deutsche beschränken; die übrigen bitten wir im Slide Rule Museum und auf der Internetseite Rechnen ohne Strom zu studieren. 1957 brachte der VEB Makeba in Bautzen den formschönen Kombinator heraus. Das Video zeigt, dass er ebenfalls wie ein Teleskop verlängert wurde. Ein Kombinator gelangte in den 1970er-Jahren sogar nach Washington ins Museum für amerikanische Geschichte.

1960 bot auch der Rechenstabhersteller Dennert & Pape logarithmische Stifte an. Zur Wahl standen der Kugelschreiber ARISTO 6101 und der ARISTO 6103 mit Graphitmine. Wie das Foto andeutet, schob der Benutzer die mobile Skala über die Spitze des Geräts; nun konnte er natürlich nichts damit notieren. Dieses Problem vermied die Rechenvorrichtung von Karl Opdenhövel. Der in Altschermbeck bei Dorsten wohnende Erfinder beschrieb 1973 einen Kugelschreiber, in dem die Skalen übereinander auf Ringen in der Mitte saßen.

Beim Kombinator aus Bautzen zog man die Skala hinten heraus. So konnte man vorne weiter schreiben. (Foto www.rechnen-ohne-strom.de)

Karl Opdenhövels Konzept wurde vom Edelstahlwerk Pose-Marré in Erkrath aufgegriffen und realisiert. Im Bild sieht man aber, dass jede Skala drei Ringe belegte. Das Rechnen war also knifflig. Eine bessere Lösung fand 1955 Gilbert Deschatre in Rio de Janeiro. Er setzte die beiden Skalen spiralförmig auf einen Füllfederhalter und dessen Verschlusskappe; diese ließ sich ohne Probleme drehen. Einzige Zutat war ein durchsichtiges Rohr, das über die Skalen geschoben und als Läufer genutzt wurde. Leider blieb Deschatres Idee unrealisiert.

Es sei noch eine andere Technik erwähnt, um analoge Rechengeräte zu verkleinern: die Rechenscheibe. Sie trägt kreisförmige Skalen und schrumpfte im Lauf der Zeit. Der Logomat Pfiffikus maß nur 48 Millimeter. Noch kleiner waren Armbanduhren mit solchen Skalen. Sie sind noch im Handel, allerdings nicht billig. Bei Wilfried Denz in Münster bedanken wir uns für die Fotos des Schauer-Stifts und des Kombinators. Schließen möchten wir aber mit einer ganz besonderen Kombination, die im HNF zu besichtigen ist:

Unten Rechenschieber, oben Taschenrechner: der Faber-Castell TR2 aus dem Jahr 1975

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