Computer für die BBC

Geschrieben am 11.01.2022 von

Ab dem 11. Januar 1982 strahlte die BBC „The Computer Programme“ aus. Die zehn Folgen lange Serie führte in die Informatik ein. Im Fernsehstudio stand ein Acht-Bit-Rechner, der BBC Micro; er stammte von der Firma Acorn in Cambridge. Serie und Computer gehörten zu einem Projekt der IT-Bildung. Aus dem Micro entstand dann eine kleine Computerfamilie.

Um 1980 bewegte englische Politiker und Medienleute das, was deutsche Minister im Jahr 2022 umtreibt: die Digitalisierung. Sie lasen Berichte zum Fortschritt der Mikroelektronik, und 1978 brachte die BBC einen Film über das Silicon Valley Now the Chips Are Down – die Chancen stehen schlecht. Gemeint war damit das Vereinigte Königreich. Man befürchtete, dass es in der Hochtechnologie zurückbleiben und die drohende Computerflut zu noch mehr Arbeitslosen führen würde.

Es kam zu Diskussionen zwischen Fernsehmanagern, höheren Staatsbeamten und Vertretern von Bildungsorganisationen. Auch die 1979 ins Amt gewählte konservative Regierung unter Premierministerin Margaret Thatcher wollte Zeichen setzen. Die Gespräche führten dann zum Computer Literacy Project der BBC, was man mit Computerbildungsprojekt übersetzen kann. Es umfasste neben mehreren Fernsehserien diverse Bücher, Kurse, einen Computer und die dafür geeignete Software.

Das Grundmodell des BBC-Mikrocomputers. Rechts sitzt die Eule.

1980 erschien in England ein Acht-Bit-Computer zu einem geringen Preis, der ZX80 aus der Firma von Clive Sinclair. Er kostete 99,95 Pfund –  als Baukasten 79,95 Pfund – und wurde an den Fernseher angeschlossen. Sein Arbeitsspeicher fasste ein Kilobyte; das war der BBC zu wenig. Die Planer des Bildungsprojekts listeten anspruchsvolle Spezifikationen auf und kontaktierten sieben Hersteller. Sechs wollten einen passenden Computer liefern. Im Januar 1981 setzte die BBC eine Frist von einer Woche für die Vorlage eines Prototyps.

Die Ausschreibung gewann Acorn Computers, ein kleines Unternehmen aus Cambridge. Es existierte seit 1978; die Gründer waren der Elektronikspezialist Chris Curry, der über ein Jahrzehnt für Clive Sinclair arbeitete, und der Physiker Hermann Hauser, Sohn eines Tiroler Weinhändlers. 1979 brachte Acorn den Einplatinenrechner System 1 heraus; es folgten das System 2 und der Acorn Atom. Er sah wie ein richtiger Mikrocomputer aus und besaß als Prozessor den MOS 6502, der schon in Apple- und Commodore-Rechnern steckte.

Ende 1980 befand sich ein neues Gerät in der Entwicklung, das den Namen Proton erhalten sollte. Es diente als Grundlage für den BBC-Computer. Der Überlieferung nach setzte das Acorn-Team in drei Tagen und zwei Nächten ein Versuchsmodell zusammen, das gerade rechtzeitig für die Vorführung fertig wurde. Die dramatische Geschichte und die Beziehung der beiden Computerfirmen schilderte 2009 das Fernsehspiel Micro Men. Eine Hauptfigur ist der cholerische Clive Sinclair; der reale Firmenchef war darüber gar nicht begeistert.

Die goldenen Achtziger! Ein BBC-Micro 1984 bei einem Computerfestival in Amsterdam.

Der Acorn Proton verwandelte sich in den BBC Micro, erkennbar an der stilisierten Eule. Er enthielt ebenfalls einen 6502-Chip und sechzehn Kilobyte freien Speicher; das Modell B bot 32 Kilobyte an. Der Computer gab Grafiken bis zur Größe von 640 mal 256 Pixeln wieder und Videotext-Tafeln mit 480 mal 500 Pixel. Der Micro hatte außerdem Platz für einen zweiten Prozessor. Im freien Handel kosteten die beiden Modelle 299 und 399 Pfund. Zum Vergleich: den neuen Sinclair ZX81 gab es ab 1981 für 69,95 Pfund.

Acorn musste sich dennoch keine Absatzsorgen machen. Der BBC Micro war am 1. Januar 1982 und in neun weiteren Folgen der TV-Serie The Computer Programme zu sehen, dem Kernstück des Computerbildungsprojekts. Eingeleitet durch Töne der Pop-Gruppe Kraftwerk, behandelte jede ein bestimmtes Thema der IT-Welt. Die Moderatoren waren Chris Serle, der manchmal den Unwissenden spielte, und Ian McNaught-Davis, der sich stets auskannte. Die beiden gingen schon vor vierzig Jahren auf Künstliche Intelligenz und auf Netzwerke ein, und sie hatten Zugang zur Pilotversion des deutschen Bildschirmtextes.

Im Rahmen des BBC-Projekts legten sich  85 Prozent der Grund- und 65 Prozent der höheren Schulen Acorn-Computer zu; insgesamt wurden zwei Millionen Stück abgesetzt. Das Buch zur TV-Serie fand 80.000 Käufer. „The Computer Programme“ zog ähnliche Produktionen nach sich. Die zwei Grundmodelle des Micro führten zu einer kleinen Computerfamilie. Für das Domesday Project der BBC, einem Spin-off des Bildungsprojekts, entstand 1986 das Modell Master. Ein Meister fand, siehe unser Eingangsbild, den Weg ins HNF.

Hermann Hauser 2012 bei einer Veranstaltung zum 30. Geburtstag des BBC Micro (Foto Trevor Johnson CC BY-SA 2.0 seitlich beschnitten)

Neben den Sinclair-Computern führten die Acorn-Micros und das zugehörige BBC-Projekt das Vereinigte Königreich in die moderne IT-Welt. Eine Erinnerungsseite der BBC ist online; die Filme und Spiele lassen sich vom Kontinent, wie die Briten zu sagen pflegen, anschauen und bedienen. (Am besten in der Zeile ganz oben auswählen.) Hier gibt es  historische Fotos – bitte etwas scrollen – und hier ein Interview mit Hermann Hauser. Ein Buch über die Acht-Bit-Rechner und ihre Auswirkungen verfasste Tilly Blythe vom Londoner Science Museum.

Die Micros haben noch viele Fans; einer setzte jüngst einen Beep, wie sie auch genannt wurden, ins Netz. Er wäre vielleicht das richtige Spiel für unsere Digitalisierungspolitiker. Die zwei genannten Firmen gibt es nicht mehr. Der 1983 geadelte Sir Clive Sinclair schied in den 1980er-Jahren aus dem Computergeschäft aus, Acorn folgte in den Neunzigern. Weltweit verbreitete sich aber die von Acorn entwickelte Chip-Architektur ARM. Prozessoren dieses Typs sind marktbeherrschend beim Einsatz in Smartphones.

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Ein Kommentar auf “Computer für die BBC”

  1. Dr. Stefan Stein sagt:

    Wow! DAS ist mal wieder ein spannendes Kapitel aus der Epoche „als die Computer laufen lernten“! War mir bislang völlig unbekannt. Wenn man sich dagegen ansieht, wie zäh bei uns aktuell die Digitalisierung im föderalistischen Bildungssystem vorankommt …
    Übrigens sieht die Eule oben rechts auf dem kleinen Tastaturgehäuse dem damaligen Emblem des Deutschen Museums ziemlich ähnlich.
    Am Rande sei erwähnt, dass der DDR-Rundfunk in den 1980er-Jahren auch Sendungen brachte, bei denen man ganz einfache Programme herunterladen konnte.

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