Das Universum des Ramon Llull

Geschrieben am 09.08.2016 von

2016 ist das Leibniz-Jahr, aber auch das von Ramon Llull. Er wurde 1232 auf Mallorca geboren; nach Christus-Visionen weihte er sein Leben der Kirche. Bis zu seinem Tod 1316 wirkte Llull als Missionar und Schriftsteller. Seine Ars magna ist ein Lösungsverfahren für theologische und philosophische Probleme. Es macht ihn zu einem der Urväter der Informatik.

Seit dem 14. Juli zeigt in Barcelona das Kulturzentrum CCCB die Ausstellung „Die Denkmaschine – Ramon Llull und die Ars combinatoria“. Zu den Exponaten zählt auch eine Leihgabe aus dem HNF, der originalgetreue Nachbau der Rechenmaschine von Gottfried Wilhelm Leibniz. Diese Maschine stellten wir jüngst in unserem Blog vor.

Leibniz-Maschine in der Llull-Ausstellung

Leibniz-Maschine in der Llull-Ausstellung

Wer war Ramon Llull und was hat er mit Rechentechnik zu tun? Zu Lebzeiten noch nichts. Geboren wurde er 1232 oder 1233 in Palma de Mallorca als Sohn eines Ritters. Die Insel war wenige Jahre zuvor von König Jakob von Aragon erobert worden. Die maurischen Einwohner, die nicht rechtzeitig flohen, kamen in die Sklaverei. Den jungen Ramon störte das nicht. Er liebte Wein, Weib und Gesang, war Vater zweier Kinder und arbeitete im Königspalast als Prinzenerzieher und Hofmeister.

Das änderte sich 1263. Llull hatte ein religiöses Erlebnis und sah sechs Mal den gekreuzigten Christus. Er entsagte allen weltlichen Freuden und schloss sich dem Mönchsorden der Franziskaner an. In seiner Kammer studierte er sowohl christliche als auch islamische Theologie und Philosophie. Arabisch lernte er von einem maurischen Sklaven. Er hatte außerdem Kontakt zu jüdischen Bürgern. 1271 oder 1272 schrieb er sein erstes Buch über die Logik des persischen Gelehrten Abu Hamid al-Ghazali.

Von nun an führte Ramon Lull ein ruheloses Leben als Denker und Schriftsteller. Sein Output umfasst mehr als 260 Titel auf Arabisch, Lateinisch und Katalanisch, seiner Muttersprache. Im Alter erfuhr er die Anerkennung von den Professoren der Pariser Universität. Zugleich packte ihn das missionarische Feuer. 1307 brachte ihm sein Predigten in Algerien ein halbes Jahr Gefängnis ein. Seine letzte Arbeit schrieb er im Dezember 1315 in Tunis. Er starb vermutlich Anfang 1316, sein Grab befindet sich in der Kirche Sant Francesc in Palma de Mallorca.

Ramon Llull - links - lernt Arabisch (Foto CCCB)

Llull – links – lernt Arabisch (Foto CCCB)

Ramon Llull war sicher der ungewöhnlichste Intellektuelle des Mittelalters. Schon früh nannte man ihn den erleuchteten doctor illuminatus. Er schrieb aber auch als Erster philosophische Texte in einer Volkssprache. Sein Buch Blanquerna über den Aufstieg eines Mönchs zum Papst gilt als erster europäischer Roman nach der Antike. Er zählt zu den wenigen Menschen, die von einem Papst – Gregor XI. – als Ketzer verdammt und von einem anderen – Pius IX. – seliggesprochen wurden.

Llulls Hauptwerk ist die Ars magna, die Große Kunst. Sie hat nichts mit Bildender Kunst zu tun, sondern ist ein Verfahren, Wahrheiten über Gott und die Welt zu finden. Es liegt in zwei Versionen vor. Das schönste Buch zur älteren Version, die „Ars demonstrativa“, erschien um 1283. Aus ihr stammt unser Eingangsbild. In den 1290er- und 1300er-Jahren schuf Lull eine abgespeckte Version, die er 1305 in der Ars generalis ultima niederlegte. Eine Kurzfassung ist die „Ars brevis“ von 1308.

Das Markenzeichen der Ars magna sind die ringförmigen und mit Liniennetzen gefüllten Diagramme, die zu Papiermaschinen aus drehbaren Kreisflächen führen. Dazu kommen Tafeln mit Gruppen von Buchstaben. Es ging Llull aber nicht darum, nur Begriffe und ihre Kürzel zu kombinieren. Die Grafiken sollten dem Leser helfen, durch Vernunftschlüsse Fragen aus jeder Wissenschaft zu beantworten. Er musste nur viele Definitionen erlernen und sich die komplizierten Regeln des Systems merken.

Diagramm der "Ars brevis" einmal ohne Liniennetz (Foto CCCB)

Diagramm der „Ars brevis“ einmal ohne Liniennetz (Foto CCCB)

Hatte er das geschafft, dann konnte er beispielsweise dieses Problem angehen: „Man fragt, ob die Welt ewig ist. Gehe zur Spalte BCD und verteidige die negative Antwort. Auf Feld BCTB wirst Du finden, dass es, wenn sie ewig wäre, viele der Art nach verschiedene Ewigkeiten gäbe. Diese stimmen zwar nach Feld BCTC überein, widersprechen sich aber nach Feld BCTD, was unmöglich ist. Daraus folgt, dass man diese Frage negativ beantworten muss.“ („Ars brevis“, Teil 11, Abschnitt 51)

Die Große Kunst fand nach dem Tod des Erfinders viele Freunde. Zu nennen sind die deutschen Gelehrten Nikolaus von Kues (1401-1464) und Heinrich Cornelius Agrippa (1486-1535). Llull-Anhänger war auch der italienische Denker Giordano Bruno, der 1600 auf dem Scheiterhaufen endete. Gottfried Wilhelm Leibniz ließ sich durch die Ars magna zu seiner Schrift De Arte combinatoria von 1666 inspirieren, ging aber bald eigene Wege. Sein Rechengerät hat mit Ramon Llull leider nichts zu tun.

Nachfahren der Ars magna waren aber die kombinatorischen Gedicht-Systeme der Barockzeit. Sie sind inzwischen online. Ähnliche Techniken wurden auch zum Komponieren eingesetzt. 1959 schrieb Theo Lutz in Stuttgart ein Computerprogramm zur Erzeugung von Poesie. In den 1960er-Jahren erreichten solche Gedichte ein erstaunliches Niveau. Llullischer Geist atmet ebenso der Papiercomputer des bekannten Systemforschers Frederic Vester. Ihm gelang dabei der Schritt von der simplen Kombination zur zahlenmäßigen Bewertung.

Llull-Diagramm mit Papierscheiben

Llull-Diagramm mit Papierscheiben (Foto Michigan Publishing, University of Michigan Library, CC BY-NC-ND 3.0)

In seinen Schriften beschränkte sich Ramon Llull nicht auf eine einzige Kunst. 1299 schrieb er eine „Geometria nova“ und vier Jahr später eine „Logica nova“. In seinem Geometriebuch schaffte er mit leichter Hand die Quadratur des Kreises und die Dreiteilung des Winkels, was vor und nach ihm sonst niemandem gelang. Ernst nehmen kann man aber seine mathematischen Ideen für Wahlsysteme. Erwähnen sollte man, dass er 1275 auf Mallorca die erste Schule im christlichen Europa gründete, in der man die arabische Sprache und Kultur studieren konnte.

Aus der arabischen Kultur, vom Namen des gelehrten al-Chwarizmi, stammt das Wort Algorithmus für eine Rechenvorschrift. Das algorithmische Denken und die Freude an konstruktiven Lösungen machen Ramon Llull zu einem Gründervater der Informatik. Von den vielen Internetseiten über ihn seien nur drei genannt. Hier gibt es ein Lehrbuch zur Ars Magna, hier eine Website mit Ars-magna-Software und hier das Raimundus-Lullus-Institut der Universität Freiburg. Die Llull-Ausstellung in Barcelona geht noch bis zum 11. Dezember.

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Ein Kommentar auf “Das Universum des Ramon Llull”

  1. Lieber Llullianer,
    zur Geschichte der von Llull mit erfundenen Volvelle – eine Art papierne Rechenscheibe oder vielseitiges Zuordnungstool – ist sehr lesenswert: Jessica Helfand: Reinventing the Wheel. Princeton Architectural Press, 2002, ISBN 978-1568985961

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