DEHOMAG D11 – Königin der Tabelliermaschinen
Geschrieben am 24.02.2026 von HNF
Das Kürzel DEHOMAG steht für Deutsche Hollerith-Maschinen Gesellschaft und bezeichnete die deutsche Tochterfrma der IBM. Sie wurde 1910 in Berlin gegründet und später zur IBM Deutschland GmbH. 1936 brachte sie die D11 heraus, die wohl beste Tabelliermaschine ihrer Zeit. Sie wertete Lochkarten aus und ließ sich mit Stecktafeln programmieren. Ab 1949 hieß sie IBM 450.
Die erste D11 wurde im Juli 1936 installiert, bis zum Jahresende gingen weitere zehn an einen Kunden. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs setzte der Berliner Hersteller DEHOMAG alias Deutsche Hollerith-Maschinen Gesellschaft 1.074 Maschinen ab. Es folgten eine unbekannte Zahl unter dem neuen Namen IBM 450. Die DEHOMAG hieß inzwischen IBM Deutschland GmbH und saß im schwäbischen Sindelfingen.
Die D11 war eine elektromechanische Tabelliermaschine für das Hollerith-System. Sie las einen Stapel Lochkarten, verarbeitete die in ihnen gespeicherten Daten und druckte das Ergebnis aus. Dabei folgte sie einem Programm, das mit Kabel auf eine Tafel gesteckt wurde. In der Maschine oben im Eingangsbild – sie steht im HNF – sieht man links den Platz für den Kartenstapel, in der Mitte den Drucker und rechts die Fensterchen von drei nebeneinander liegenden Zählwerken. Andere Zählwerke befinden sich im Inneren der Maschine.
Die DEHOMAG bot seit 1910 die Lochkartentechnik von Herman Hollerith in Deutschland an. 1923 gehörte sie zu 90 Prozent der amerikanischen CTR, die 1924 in IBM umgetauft wurde. 1933 begann eine komplizierte Beziehung zur Mutterfirma; die DEHOMAG gab sich dabei stets als ein deutsches Unternehmen aus, schließlich war die D11 ja auch eine Eigenentwicklung. Über den Konstrukteur Hans Groß wissen wir wenig. Er leitete die Abteilung für elektrische Schaltkreise und starb mit gerade einmal 34 Jahren.

Entblößte D11 in München: An der rechten Seite sitzen die Stecktafeln für die Programme. (Foto Deutsches Museum CC BY-SA 4.0 seitlich beschnitten)
D11-Maschinen überlebten unter anderem im Deutschen Museum München, im Berliner Technikmuseum, in den Technischen Sammlungen Dresden und der Sammlung der IBM Deutschland in Böblingen. Eine Beschreibung verfasste der Technikhistoriker Friedrich Kistermann für eine Konferenz, die 1998 im HNF stattfand. Wer sich im Internet Archiv anmeldet, findet sie im englischen Vortragsband ab Seite 221. Auf Deutsch erschien ein kurzer Artikel in Heft 74/1937 der „Hollerith Nachrichten“, der Zeitschrift der DEHOMAG.
Jenem Artikel zufolge wies die D11 neben den Zählwerken sieben Schreibwerke auf; die Arbeitsschritte gliederten sich in Karten- und in Zwischengänge. In ersteren wurden die Lochkarten gelesen und die Daten in Zähler übertragen, letztere umfassten das Schreiben und das Löschen sowie den Transfer zwischen den Zählwerken. Zu den Rechenoperationen gehörten die senkrechte und die Queraddition, die Quersubtraktion und die Quersaldierung, parallele Saldierungen sowie Finanz- und Menge-Wert-Saldierungen.
Die DEHOMAG lieferte außerdem einen Zusatz, der eine acht- und eine sechsstellige Zahl miteinander multiplizierte, eine Einrichtung zur Division und einen Lochautomaten für Summenkarten. Gesteuert wurde alles durch die Kabel auf der Stecktafel. Die D11 arbeitete keine Befehlsliste ab, führte jedoch eine definierbare Folge von Operationen aus. Dabei traf sie auch Wenn-dann-Entscheidungen: „Ferner kann man das Einschalten beliebiger Gänge … von einem für eine bestimmte Kartengruppe gültigen Steuerloch abhängig machen.“
Mit der D11 erklomm die DEHOMAG wohl den Gipfel der mechanischen Datenverarbeitung. Der IBM-Deutschland-Historiker Friedrich Kistermann hielt die Maschine sogar für den ersten Computer. Sie symbolisiert heute aber ebenso den Missbrauch der Informatik für politische Zwecke – eine D11 befindet sich im Holocaust-Museum in Washington. Was ist dran an den Vorwürfen gegen die DEHOMAG und ihre Mutter IBM und an der Kritik am Einsatz ihrer Geräte in der NS-Zeit?

Eine Häftlingskarte aus dem KZ Buchenwald mit dem Stempel „Hollerith erfaßt“: er belegt die Erstellung eines Formulars für die Hollerith-Abteilung der SS in Berlin.
Im Blog behandelten wir schon die deutsche Volkszählung von 1939. An dieser Stelle sei noch einmal auf die Dissertation von Stefan Boberg aus dem Jahr 2020 hingewiesen, die die beste Untersuchung des Zensus darstellt. Sie geht auch auf die Verfolgung jüdischer Bürger ein. Bekannt ist weiterhin, dass ab Sommer 1944 eine Unterabteilung der SS Häftlinge in Konzentrationslagern „Hollerith-erfasste“. Sie trug den Namen „Maschinelles Zentralinstitut für optimale Menschenerfassung und Auswertung“ und saß in Berlin.
Ihre Aktion lief bis Anfang 1945. KZ-Schreibstuben mussten dafür Tausende von Formularen ausfüllen, die Hollerith-Vorkarten. Sie wurden in Berlin in Lochkarten umgesetzt, doch ist keine einzige von diesen erhalten. Was wir haben, sind 150.000 Vorkarten – in den 2000er-Jahren hat sie ein Forschungsprojekt digitalisiert – und eine Hollerith-Liste aus Berlin ans KZ Buchenwald. Sie entstand vermutlich mit einer D11. Die Nutzung der Maschine in einem Lager wurde bis heute nicht nachgewiesen, denkbar wäre aber der Einsatz von Lochkarten in einem angeschlossenen Industriebetrieb wie dem Mittelwerk in Nordhausen.

