Der Auto-Point Computer – klein aber IBM

Geschrieben am 02.09.2022 von

In den 1950er-Jahren baute die Firma IBM große Rechner wie die Modelle 650 oder 1401. Außerdem fertigte sie weniger große Systeme für Lochkarten. Am 3. September 1957 kündigte Big Blue den „Auto-Point Computer“ IBM 610 an. Er besaß die Ausmaße einer Kühltruhe und eine Konsole. Er war aber nicht der einzige kleine Computer im Markt.

Glaubt man der Nummerierung, dann begann seine Geschichte im Jahr 1931. Damals brachte die Firma IBM den Locher IBM 601 heraus, der zwei Zahlen multiplizierte und das Produkt in eine Pappkarte stanzte. Auf ihn folgten bis 1953 die Typen 602 bis 605 sowie 607. Das waren elektrische oder elektronische Calculators mit wachsenden Fähigkeiten, die aber stets Lochkarten benötigten. Bei der Nummer 610 würde man einen ähnlichen Rechner erwarten.

Der kam aber nicht. Vor 65 Jahren, am 3. September 1957, stellte Big Blue kein Gerät für Lochkarten, sondern einen Computer vor, den Auto-Point Computer IBM 610. Der Name drückte die Tatsache aus, dass die Maschine fünfzehn Dezimalziffern vor und fünfzehn nach dem Komma abspeichern konnte. Der US-Dezimalpunkt rutschte automatisch in die Mitte. Der neue Rechner war relativ klein; den Fotos nach hatte er eine Breite von etwa 1,3 Metern. Er umfasste, siehe das Eingangsbild oben (Reprint Courtesy of IBM Corporation ©), eine Zentraleinheit, eine Schreibmaschine und eine Konsole.

Zentraleinheit der IBM 610: Oben sind die Lochstreifen für Zahlen und Programme, links die Anzeigentafel und das Fach fürs Steckbrett. (Foto Reprint Courtesy of IBM Corporation ©)

Der Geburtsort der IBM 610 war New York. Dort nahm 1945 das IBM-Watson-Labor seine Tätigkeit auf, benannt nach Firmenchef Thomas J. Watson senior. Es belegte ein schmales Haus in der Nähe der Columbia-Universität mit einem Raum für Lochkartentechnik und Büros für zwei Dutzend Mitarbeiter. Einer von ihnen hieß John Lentz. Über seine Herkunft wissen wir nicht viel; er wurde vermutlich in den 1910er-Jahren geboren und studierte in Kalifornien; von 1941 an widmete er sich im Massachusetts Institute of Technology der Elektronik.

Im Watson-Labor befasste sich Lentz ab 1946 mit einem Rechengerät, das Daten auf einer Magnettrommel speicherte. 1954 lief ein Ingenieurmodell; zu diesem Zeitpunkt war das Forschungsinstitut in ein größeres Gebäude eine Straße weiter umgezogen. Die weitere Entwicklung fand bei der ElectroData Corporation im kalifornischen Pasadena statt. Am 3. September 1957 wurde das Ergebnis als IBM 610 vorgestellt. 1960 und 1962 erhielten John Lentz sowie seine Kollegen aus New York und Pasadena auch Patente dafür.

Trommelspeicher der IBM 610 (Foto Computer History Museum)

Der „Auto-Point Computer“ kostete 55.000 Dollar oder 1.150 Dollar Monatsmiete. Die Zentraleinheit enthielt Elektronenröhren und einen Trommelspeicher; er hatte 84 Plätze für maximal 31 Stellen lange Dezimalzahlen. Die aufwendigste Operation, das Wurzelziehen, dauerte 2,23 Sekunden. Im oberen Teil der CPU waren zwei Laufwerke für Lochstreifen eingebaut. Links auf der Vorderseite befanden sich eine Anzeigentafel und weiter unten ein Fach für ein Panel, in das man mit Kabeln Programme stecken konnte.

Hier knüpften die Konstrukteure an ältere Lochkartengeräte an. Datenleitungen führten von der CPU zur elektrischen Schreibmaschine für die Outputs und zu der Bedienkonsole. Sie war das faszinierendste Element des IBM-610-Systems. Auf ihr saßen Tasten für die Ziffern von 0 bis 9 und für Programmbefehle sowie eine Reihe von Kippschaltern, dazu kamen Kontrolllämpchen und ein kleiner Bildschirm. Er zeigte eine Matrix von 32 x 10 Punkten an, die den Inhalt eines Registers wiedergaben. Programmieren konnte man die IBM 610 mit einem Lochstreifen, durch das Steckbrett und an der Konsole.

Ein Zoom auf die Konsole: Hinter der runden Öffnung sitzt der Monitor. Anklicken macht das Bild noch größer! (Foto Reprint Courtesy of IBM Corporation ©)

Nach der Vorstellung fertigte die IBM rund 180 Exemplare des Typs 610. Er war aber nicht der einzige kleine Röhrenrechner auf dem Markt. 1955 erschien die Burroughs E101 mit ihren Nadel-Programmen. 1956 folgten die Bendix G-15 und die LGP-30 der Firma Librascope; von beiden wurden etwa vierhundert Stück verkauft oder vermietet. Die IBM 610 kam spät, was Folgen für den Absatz hatte. Manche Kunden warteten vielleicht auf die IBM 608, die im Oktober 1957 vorlag. Sie arbeitete mit Lochkarten, enthielt jedoch auch Transistoren.

Mit der IBM 609 endete 1960 die 600er-Serie von Big Blue. Im gleichen Jahr begann mit der ersten Lieferung einer PDP-1, gebaut von der Digital Equipment Corporation, die Ära der Minicomputer. Wer mehr über die IBM 610 wissen möchte, findet es in dieser Broschüre. Hier steht der Bericht eines 610-Users; er stammt von Werner Buchholz, dem Erfinder des Byte. We thank the IBM Corporation and the IBM Corporate Archives for the photos and the permission to use them in our blog. Ebenso danken wir Hans-Jürgen Rehm von der IBM Deutschland GmbH.

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