Der deutsche Film und seine Computer

Geschrieben am 05.11.2018 von

Das wilde Jahr 1968 brachte uns den Science-Fiction-Klassiker „2001“ mit dem bösen Computer HAL und ebenso den ersten deutschen Film mit einem Informatiker. „Die Ente klingelt um ½ 8“ wurde am 13. September 1968 uraufgeführt; die Hauptrolle spielte Heinz Rühmann. Bis zur Jahrtausendwende entstanden in West- und Ostdeutschland noch weitere fünf Kinofilme zum Thema Elektronenrechner.

„Unsere gegenwärtige Zivilisation ist eine industrielle. Das große Medium unserer Zeit ist die Technik. Wesentliche Voraussetzung für ihre Beherrschung ist die immer größere Übung im Gebrauch der Vernunft und der Logik. Eine der bedeutendsten Erfindungen der letzten Jahre ist der Computer, der Elektronenrechner. Vielleicht hat damit das Zeitalter der Logik schon begonnen.“

So spricht in seiner vollautomatischen Küche der Informatiker Dr. Alexander. Sein Monolog ist der Einstieg in den Spielfilm Die Ente klingelt um ½ 8; er lief ab dem 13. September 1968 in den westdeutschen Kinos. Dr. Alexander wird vom 66-jährigen Heinz Rühmann verkörpert. Im Film leitet er die Computerabteilung eines Elektronikzentrums in München. Den Monolog entwirft er für einen Fernsehauftritt, der in seiner Firma stattfinden soll.

Danach sehen wir Dr. Alexander im Rechnerraum neben einer IBM 360 und dem Journalisten Sammy Drechsel, der sich selbst spielt. Es geht also um die neue Welt des Digitalen. Nach dem guten Beginn kippt „Die Ente klingelt um ½ 8“ in eine absurde Psychologie-Komödie um. Das liegt daran, dass der Film ein Remake des dänischen Lustspiels Vi er allesammen tossede – zu Deutsch „Wir sind alle verrückt“ – aus dem Jahr 1959 war. Am Ende erscheint noch einmal ein Computer und verwandelt sich in einen Elefanten.

Die Kritiker ließen am Enten-Film kein gutes Haar und lobten nur Heinz Rühmann. Trotz der Schwächen bleibt der Film die erste deutsche Produktion, die Computer ausführlich darstellte. Sie ist komplett online, die Wochenschau – bitte zu Minute 3:10 springen – überliefert ein kurzes Making-of. Den ersten seriösen Film über Computer und ihre Folgen verdanken wir aber der ostdeutschen DEFA: 1970 erlebte Im Spannungsfeld seine Premiere. Als Rechner nahm man einen Robotron 300, ein Remake der IBM 1401.

Heinz Rühmann 1968 (Zeichnung von Günter Rittner CC BY 3.0)

In den 1970er-Jahren glänzte bei Computerfilmen das Fernsehen. Der WDR erstellte die legendäre „Welt am Draht“, das ZDF zeigte „Die Insel der Krebse“ über vermehrungsfreudige Roboter. 1978 kooperierten WDR und ORF beim Schachdrama „Schwarz und weiß wie Tage und Nächte“. Der Schweizer Schauspieler Bruno Ganz mimte einen Spiel-Programmierer, der schließlich selber Schach spielt; er endet im Irrenhaus. Fünf Jahre später programmierte Bruno Ganz erneut, diesmal im Kinofilm System ohne Schatten.

Ganz ist der Berliner Computerexperte Victor Faber und trifft sich mit Gaunern. Eines Nachts bricht man in den Rechnerkeller einer Bank ein und stoppt den Strom. Bei der Aktion wird ein Nachtwächter erschossen. Faber erhält von der Bank den Auftrag, die abgestürzten Rechner wieder zum Laufen zu bringen. Im Programm baut er eine Funktion ein, die Geld auf ein Schweizer Konto überweist. Er hebt dann die Scheine in Zürich ab. Als er mit seinem Anteil nach Berlin zurückfliegen will, kriegt er Ärger – mehr sei nicht verraten.

Der auffälligste Computer vom „System ohne Schatten“ ist ohne Zweifel der CBM 8032-SK von Commodore. Im Trailer sind die runden Formen leicht zu erkennen. Das Schachspiel, das Bruno Ganz auf ihm betreibt, könnte eine Referenz an seine Rolle in „Schwarz und weiß wie Tage und Nächte“ sein. „System ohne Schatten“ wurde am 13. August 1983 beim Festival von Locarno uraufgeführt. Auf dieser Seite sind Besprechungen des Films gesammelt.

Bei der Berlinale im Februar 1983 erlebte ein anderer Computerfilm seine Premiere. Echtzeit des Hamburger Regisseurs Hellmuth Costard war ein Avantgarde-Werk. Mehrere Handlungen verknoteten sich, in einer lief eine Welt-am-Draht-Fiktion ab, eine andere zeigte Aufnahmen mit Konrad Zuse und seiner Frau Gisela; manche Partien erschienen in gigantischen Pixeln. Konventioneller war 1989 die ostdeutsche IT-Komödie Zwei schräge Vögel. Sie kam kurz vor dem Mauerfall heraus und geriet zu Unrecht in Vergessenheit.

Schließen möchten wir mit dem Film 23 – Nichts ist so wie es scheint. Entstanden 1998, startete er im Januar 1999 in den Kinos. „23“ schilderte den sogenannten KGB-Hack und das Leben des Haupttäters Karl Koch, der 1989 Selbstmord beging. Wir sehen viele PCs aus den Achtzigern, einen Ericsson-Laptop und auch eine Mainframe vom Typ IBM AS/400. Der Film ist in voller Länge und mit einigen Tonproblemen auf YouTube. Mit dem genannten Hack werden wir uns nächstes Jahr im Blog noch genauer beschäftigen.

Unser Eingangsbild zeigt einen Drehort von „23“, die tschechische Botschaft in Berlin-Mitte (Foto Jörg Zägel CC BY-SA 3.0). Sie stand im Film für die sowjetische Auslandsvertretung.

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3 Kommentare auf “Der deutsche Film und seine Computer”

  1. horniger sagt:

    Ein der oft unterschätzten Deutschen Filme, mit und über Computer, der aber erst 1987 erschienen ist, ist mit Ingolf Lück „Peng! Du bist tot!“
    Die Gefahr durch Vernetzung von Computern im Alltag wird bereits Ende der 80er zum Thema gemacht…
    https://de.wikipedia.org/wiki/Peng!_Du_bist_tot!

  2. Die deutschen Filme werden oft unterschätzt, dabei sind sie wahre Kultfilme! Danke für diese zahlreichen Filmempfehlungen. Der Text dafür ist wirklich sehr gut formuliert und auch leicht zu verstehen. Man weiß direkt, wo du mit deiner Aussage hin möchtest, weiter so!

    1. HNF sagt:

      Danke sehr! 🙂

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