Der Science-Fiction-Computer

Geschrieben am 21.04.2020 von

Es gab einmal Computer, die so aussahen, als kämen sie aus einem utopischen Film. Das waren die vom Amerikaner Daniel Hillis entwickelten Connection Machines. Ihr Hersteller, die Thinking Machines Corporation, wurde 1983 gegründet; vor 35 Jahren lief ihre erste Denkmaschine. Die pechschwarzen Rechner waren 1993 die schnellsten der Welt. 1994 meldete die Firma Konkurs an.    

„Nichts bereitete Danny-Boy mehr Vergnügen, als Heuschrecken in selbst gebastelten Raketen über Häuserfirste zu schießen – gelegentliche Treibstoff-Explosionen in Vogeltränken erzürnten damals die Nachbarn der Familie Hillis. Als Teenager ersann Danny dann nervenschonenderes Bastelwerk: Mit dem Motor aus dem heimischen Küchengrill verhalf er einer Blechbüchsen-Konstruktion zu Roboter-Leben. Zu Recht durften Dannys Eltern Hoffnungen in die Talente ihres Sprosses setzen.“

Wozu braucht man Wikipedia, wenn es den SPIEGEL gibt? Am 22. September 1986 schrieb er über Daniel Hillis und seinen Rechner. Danny, wie er meistens genannt wurde, war damals dreißig Jahre alt; er besaß einen Doktor in Informatik vom Massachusetts Institute of Technology. Zur Welt kam er in Baltimore im US-Staat Maryland als Sohn eines Epidemiologen. Danny wuchs unter anderem in Afrika und Indien auf. Am MIT befasste er sich mit Robotik und Künstlicher Intelligenz. Daneben bastelte er eine Maschine für das Spiel Tic-Tac-Toe. Sie befindet sich heute im Computermuseum im kalifornischen Mountain View.

Eine Connection Machine des Typs CM-2; das Teil rechts enthielt Plattenspeicher für zusammen zehn Gigabyte. (Foto Computer History Museum)

1985 schloss er seine Dissertation ab, die den Aufbau der Connection Machine beschrieb. So nannte Daniel Hillis einen von ihm ersonnenen Computertyp, in dem eine große Zahl von Recheneinheiten parallel arbeiteten. Sie waren vielfältig verbunden, „connected“, wie es auf Englisch heißt. Damit wollte er dem menschlichen Gehirn näherkommen. Schon im Mai 1983 hatte er im Städtchen Waltham bei Boston die Thinking Machines Corporation gegründet. Geschäftsführerin war die Architektin und Stadtplanerin Sheryl Handler.

1984 zog die Firma ins beachbarte Cambridge um, wo auch das MIT saß. Sheryl Handler war hervorragend vernetzt; sie erhielt sechzehn Millionen Dollar von den Gründern der Radio- und Fernsehkette CBS. Viereinhalb Millionen versprach die DARPA, die Forschungsagentur des US-Verteidigungsministeriums. Als sie noch ARPA hieß, förderte sie das ARPANET, aus dem unser Internet wurde. Zu den Beratern des Start-ups zählten der KI-Pionier Marvin Minsky und der berühmte Physiker Richard Feynman; sein Sohn Carl arbeitete in der Firma.

Daniel „Danny“ Hillis in den 1990er-Jahren.

Der Prototyp der Denkmaschinenfirma war im April 1985 fertig. Die Connection Machine 1 oder CM-1 bestand aus acht Würfeln mit insgesamt anderthalb Metern Kantenlänge. Hinter schwarzen Flächen flackerten Leuchtdioden und zeigten den Status der Prozessoren an. Sie verliehen dem Computer einen unnachahmlichen Science-Fiction-Touch. Die Platinen und Chips im Inneren enthielten insgesamt  65.536 Recheneinheiten. Jede verarbeitete nur ein einziges Bit, hatte aber Zugang zu einem Arbeitsspeicher von 125 Byte.

Die CM-1 war auf extreme Parallelverarbeitung ausgelegt; sie bewältigte zwei Milliarden Instruktionen pro Sekunde und mehr. Programmiert wurde sie mit einem Dialekt der KI-Sprache LISP. Als Hauptzweck sah Daniel Hillis Probleme der Künstlichen Intelligenz vor. Bekanntgemacht wurde der Computer im Mai 1985, ausgeliefert im Jahr 1986. Die Thinking Machines Corporation verkaufte sieben Systeme zu fünf Millionen Dollar. Die Nutzer zahlten aber nicht den vollen Preis, denn die DARPA leistete Subventionen in Millionenhöhe.

Die CM-2 des Karlsruher Institut für Technologie KIT mit verstärkten LEDs.

1987 war die Nachfolgerin CM-2 erhältlich. Sie sah so aus wie die erste Connection Machine, enthielt aber weitere Chips für Fließkomma-Operationen, also für „normale“ Mathematik. Außerdem verstand der Rechner nunmehr die Sprache Fortran. Bis 1989 wurden 35 Systeme abgesetzt. Zum ersten Mal machte die Thinking Machines Corporation Gewinn – 700.000 Dollar bei 45 Millionen Umsatz. 1990 kamen 65 Millionen in die Kasse. Die Firma hatte mehr als 400 Angestellte und war Marktführer bei den Supercomputern mit Parallelverarbeitung.

Im Herbst 1991 kündigte sie die Connection Machine 5 an. Die CM-5 nahm Abschied vom Würfel-Design und von der strengen Parallelverarbeitung, bei der viele Rechenknoten einen einzigen Befehl ausführen. Stattdessen erhielt sie parallel arbeitende Prozessoren. Die Anzahl variierte je nach Version. Im Juni 1993 war die CM-5 der stärkste Rechner der Welt und belegte die ersten vier Plätze der Top-500-Liste der Supercomputer. Auf Platz 3 lag das 25 Millionen Dollar teure System FROSTBURG der amerikanischen Kryptologie-Agentur NSA.

Diese Connection Machine 5 rechnete in den 1990er-Jahren in der Bergischen Universität – Gesamthochschule Wuppertal.

Eine CM-5 gab es auch für weniger Geld. Thinking-Machines-Chefin Sheryl Handler stellte im November 1992 eine Variante vor, die nur 750.000 Dollar kostete. Zu diesem Zeitpunkt rutschte das Unternehmen aber mehr und mehr in die Krise. Die staatlichen Subventionen versiegten; Ende 1992 erreichten die Verluste 17 Millionen Dollar. Im Frühjahr 1994 musste Sheryl Handler den Chefsessel räumen, im August waren die Denkmaschinen pleite. Den Hardware- und Softwarebesitz übernahmen die Firmen Sun Microsystems und Oracle.

Danny Hillis arbeitete ab 1996 einige Jahre für die Walt-Disney-Studios, später gründete er Firmen und war als Dozent tätig. In den letzten Jahren befasste er sich mit Krebsforschung. Sheryl Handler startete 1995 eine Datenbankfirma, die sie wohl noch immer leitet. Ihr früherer Angestellter Brewster Kahle eröffnete 1996 das Internet-Archiv. Tamiko Thiel, die das Würfeldesign der CM-1 und CM-2 schuf, lebt als Digitalkünstlerin in München. Ihre alte Homepage bringt allerhand Fotos aus der Geschichte der Thinking Machines Corporation.

Black is beautiful: noch einmal die CM-5 der Gesamthochschule Wuppertal.

In Museen und Forschungsinstituten stehen noch einige Exemplare des futuristischsten Computers der Welt. Viele wurden leider verschrottet wie die zwei Connection Machines, die in Wuppertal liefen. Überlebt haben davon aber Fotos, die HNF-Geschäftsführer Dr. Jochen Viehoff als Student aufnahm. Erhalten blieben auch die wunderschönen Animationen, die der Informatiker Karl Sims von 1988 bis 1994 auf den Connection Machines berechnete. Sie finden sich auf seiner Internetseite – bitte etwas scrollen.

 

 

Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wir stellen diese Frage, um Menschen von Robotern zu unterscheiden.

Wir nutzen Cookies ausschließlich für Statistikzwecke und zum notwendigen Betrieb der Seite. Wir verwenden Matomo und anonymisieren die IP-Adresse. Cookies werden erst gesetzt, wenn Sie dies akzeptieren. Weitere Informationen zu Cookies erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung.